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„Willkommen bei den Honeckers“ : Wie das Wurstbrot verdarb

  • -Aktualisiert am

Der Genosse Staatsratsvorsitzender ist inzwischen nicht mehr ganz sortiert: Johann (Max Bretschneider, links) und Erich Honecker (Martin Brambach). Bild: ARD Degeto/Fréderic Batier

Zum Tag der Einheit blendet die ARD zurück auf die DDR. In „Willkommen bei den Honeckers“ schleicht sich ein junger Mann in Chile beim abgetretenen SED-Potentaten ein. Die Groteske ruft die echte Story eines „Bild“-Reporters auf.

          Ein echt chilenisches Wurstbrot, eigenhändig belegt von Margot Honecker! Jetzt weiß Johann Rummel (Max Bretschneider), dass er es geschafft hat. Die eiserne Ex-DDR-Bildungsministerin, nach einhelliger Meinung „die Schlimmste von allen“ unter den Politfunktionären; die Frau, die im Exil niemanden zu ihrem todkranken Mann vorlassen will, verabschiedet Johann, den angeblichen Vorsitzenden einer Jungkommunisten-Gruppe nach ausführlichem Wohnzimmer-Stelldichein, währenddessen Erich Honecker (Martin Brambach) mitten im sozialistischen Solidaritätsvortrag eingeschlafen ist, mit einer Stulle. Damit der Junge nicht so viel Geld für Essen ausgeben muss in Santiago de Chile. Einmal beißt Johann hinein. Den Rest legt er behutsam zu den Akten.

          Das Wurstbrot als geschichtspolitisches Artefakt, als Beleg, dass selbst eine Margot Honecker (Johanna Gastdorf) mütterliche Gefühle hegen kann. Das will das Publikum. Es will den Star in Unterhose, wie der Redakteur Rührig (Godehard Giese) Johann darlegt. Es will wissen, wieso Heino eine dunkle Brille trägt und wie die Kartoffelsuppe schmeckt, die Angela Merkel für ihren Mann kocht. Die Leute lieben Geschichte aus der Wurstbrot- und Kartoffelsuppenperspektive. Oder sie verdauen sie, weil man sie ihnen vorsetzt. Manchen aber wird schlecht, wenn es bei Diktatoren nur menscheln soll und Politik keine Rolle spielt.

          Johann reist in Wirklichkeit auf Spesenrechnung einer großen deutschen Boulevardzeitung und wohnt im Luxushotel. Mit falscher Identität und einer Dreistigkeit, die selbst seine Auftraggeber in Erstaunen setzt. Nur ein Beweisstück fehlt ihm noch: ein Foto mit Honecker, Arm in Arm, küssend, zu Tränen rührend. Ein Foto, bei dem der Reporter in spe, den Volontärsvertrag in der Tasche, gefragt werden wird, wie er sich gefühlt hat im Arm des Mannes, der Verantwortung für den Schießbefehl an der Mauer trägt. Er, Johann, vom Chef (Bernd Michael Lade) herumgescheuchter Kellner aus Frankfurt (Oder) ohne Abitur, dem nach dem Ende der DDR alles möglich scheint.

          Ein eher unherzlicher Empfang: Margot Honecker (Johanna Gastdorf)  betrachtet Johann (Max Bretschneider) mit Skepsis.

          Die Geschichte, die der Film „Willkommen bei den Honeckers“ erzählt, ist eine mehr oder minder wahre Begebenheit. Sie beruht auf dem Bericht eines Prominentenreporters, der es Anfang der Neunziger in Frankfurt an der Oder mit seinem Freund, dem Hobbyfotografen Maik (Max Mauff) und gefälschtem Presseausweis „hintenrum“ bis in Heinos Garderobe schafft (der sich selbst spielt); von der „Schnellen Elke“ (Suzanne von Borsody) Tipps und Kontakte bekommt.

          Dass Dreistigkeit und Naivität siegen, hat er sich von den abgetretenen Politgrößen und den neuen Wendegewinnern abgeschaut. Freundin Jenny (Cornelia Gröschel) möchte Arbeit, Wohnung und Kleinfamilie, Johanns Streben nach Höherem (so begreift er den Job als Klatschreporter) ist ihr fremd. Seine Idee, mit einem Honecker-Interview einen Scoop zu landen, findet sie befremdlich. Ihr Bruder starb als „Republikflüchtiger“ an der Mauer. Als ihr Freund und Maik sich an Krozowski (Thomas Thieme), Leibarzt des Ex-Staatsratsvorsitzenden, heranmachen und den Hetzer des „Schwarzen Kanals“, Karl Eduard von Schnitzler (Bernd Stegemann), für ihre Zwecke einwickeln, stellt ihm Jenny ein Ultimatum. Aber Johann ist zu beschäftigt mit der Erfindung seiner Rolle als Jungkommunist und der Aufmerksamkeit, die ihm in der Redaktion zuteil wird. Er schafft es nach Chile. Und kommt wie ein verlorener Sohn der Honeckers mit einem Wurstbrot und vielen Fotos zurück.

          In der Tat hat die „Bild“-Zeitung Anfang der Neunziger die Erlebnisse ihres Reporters Mark Pittelkau in einer großen Fortsetzungsserie gebracht. „Willkommen bei den Honeckers“ erzählt die fragwürdige Entstehung der Story als leicht satirisch angehauchtes Schelmenstück. Kamera, Szenen- und Kostümbild (Christian Stangassinger, Petra Albert und Elisa Cappell) vermitteln ein bemerkenswertes Sittengemälde der Wendezeit im Osten, Philipp Leinemann (Regie) inszeniert leichthändig, in kleinen Auftritten sind Misel Maticevic, Anneke Kim Sarnau und Roland Zehrfeld zu sehen. Max Bretschneider gibt dem skrupelfreien Nachwuchsreporter ein gewisses Changieren zwischen Sympathieträger und Betrüger. Martin Brambach zeigt Honecker als bemitleidenswerten Greis mit Realitätsverlust. Dass dieser Mann verbrecherische Politik zu verantworten hatte, kann man sich kaum vorstellen. In der letzten halben Stunde, die sich mit den Begegnungen bei den Honeckers beschäftigt, geht der Film seiner Geschichte auf den Leim. Sie lässt sich nämlich mit anderen Vorzeichen erzählen. Die Person, die das letzte Interview mit Honecker führte, kam ohne Gespräch und ohne Erkenntnisse zurück, mit gefakten Familienfotos und einem Wurstbrot. Eine einmalig verpasste historische Gelegenheit.

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