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„Do not feed the Monkeys“ : Wen laust der Affe?

Auch hier nicht ganz unwichtig: der Blick aufs Wesentliche Bild: Alawar

Im Videospiel „Do not feed the Monkeys“ überwacht der Spieler Orte, Personen und Wesen und muss sich einen Reim auf die jeweiligen Aktivitäten machen. Das ist nicht immer einfach, wird aber zusehends besser.

          2 Min.

          Wir lernen etwas vom Wesen einer Spezies, indem wir sie beobachten. Selten kommt uns dabei die Frage in den Sinn, ob es nicht gerade genau umgekehrt sein könnte: dass wir beobachtet werden. Im Videospiel „Do not feed the Monkeys“, das für Nintendos „Switch“ erschienen ist, bekommt der Spieler via versteckter Kamera Zugriff auf sogenannte „Käfige“ mit „Primaten“. Die „Käfige“ genannten Orte sind zu Beginn lediglich numeriert. Eingeführt durch eine Dame, die sich als „maskierte Maid“ ausgibt, ist man dem geheimen „Primaten-Beobachtungsclub“ beigetreten, hat dessen Software („MonkeyVision 2.1.“) installiert und durch sie mitunter sehr private Einblicke in das Leben oder Ableben der Beobachteten. Nur darf man – das ist eine der Herausforderungen des Spiels – Bedürfnisse wie Schlaf oder Hunger vor lauter Voyeurismus nicht vernachlässigen – ebenso wenig die Miete, die alle drei Tage von einer missmutigen Vermieterin eingefordert wird. Es ließe sich also salopp behaupten, das Spiel spiegelt auf einer fundamentalen Ebene das Leben mit Sozialen Medien im Jahr 2020.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Bevor es mit der Überwachung losgeht, bekommt der Beobachter jedoch ein paar Nutzungsbedingungen mit auf den Weg. So muss er alle fünf Tage eine bestimme Zahl an Käfigen, also Kamerastandorten, kaufen, um eine „Club-Stufe“ aufzusteigen. Selbstredend darf er „mit niemandem über den Club“ sprechen; deinstallieren darf er die Anwendung auch nicht. Oberstes Gebot ist aber das titelgebende: „Das Füttern der Affen ist verboten.“

          Männer mit Masken, gruselige Puppen, singende Transvestiten

          Im Spiel lernt man, wenn man sich an den Rhythmus und das Ressourcenmanagement der Tagesabläufe gewöhnt hat, rasch, dass es genau um das Brechen jenes Gebotes geht: Die Wege, mit den Überwachten in Kontakt zu treten, sind vielfältig – ebenso die Konsequenzen. Zunächst aber heißt es, wesentliche Merkmale der gefilmten Räume oder Umgebung durch sorgfältige Überwachung zu erkennen und per Knopfdruck als Stichwort im Notizbuch zu vermerken. Gleiches gilt für gesprochen Worte – ein Mikrofon ist auch vor Ort installiert.

          Sodann sind Timing und die Geduld eines Tierfilmers gefragt. Man tut gut daran, sich die Zeiten zu merken, in denen der jeweilige Beobachtungsgegenstand aktiv ist. Andernfalls kann es sein, dass für Stunden (die im Spiel natürlich viel schneller verrinnen) tote Hose ist. Stimmt aber die Uhrzeit, gibt es (Obacht, Spoiler!) viel zu sehen: seltenes Wild, mörderische Lkw-Fahrer, Kornkreise, Räuber mit Pferdemasken, gruselige Puppen, singende Transvestiten, Voyeurinnen mit Teleobjektiven, ägyptische Schätze, mysteriöse Ausgrabungen, als Sklaven gehaltene Ghostwriter und depressive Musiker.

          Was tun? Der Mann in „Käfig“ Nummer 13 ist schon eine ganze Weile im Fahrstuhl eingesperrt...
          Was tun? Der Mann in „Käfig“ Nummer 13 ist schon eine ganze Weile im Fahrstuhl eingesperrt... : Bild: Alawar

          Durch die richtige Kombination der notierten Stichwörter in der „personalisierten“ Suchmaschine „ProOwl“ kommen wir an Informationen wie Telefonnummern, Adressen und Chat-Namen der Beobachteten und ihrer etwaigen Gegenspieler. Zusammengepuzzelt ergeben sie tragische, brutale, bizarre, geheimnisvolle oder komische Geschichten. Aufpassen muss der Spieler, der bestimmte Sequenzen auf Knopfdruck sogar aufzeichnen kann, nur, wem er davon erzählt. Denn je nachdem, kann das für die Beteiligten des Öfteren böse Konsequenzen zeitigen.

          Es braucht zugegeben ein wenig Geduld und Mut zum Scheitern, bis sich einem der Charme dieses Spiels erschließt. Überwindet man aber die ersten unverständnisbedingten Zähigkeiten (erklärt wird vergleichsweise wenig), merkt man, dass es nicht nur einen Weg gibt, mit dieser originellen Spielidee umzugehen: Hält man sich sklavisch an die Vorgaben? Hilft man den „Primaten“? Stürzt man sie ins Unglück? Bei allem schaut uns das Spiel genau auf die Finger, alles hat Folgen, kein Finale eines Durchgangs gleicht dem anderen – je mehr man sieht, desto mehr gibt es zu entdecken. Gib dem Affen Zucker!

          Do not feed the Monkeys ist neuerdings für Nintendos Switch zu haben und kostet etwa 13 Euro.

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