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Welttag gegen Internetzensur : Digitale Freiheitsbibliothek

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Überwältigender Anblick, überwältigendes Angebot: die „Uncensored Library“ in Minecraft-Optik Bild: Uncensored Library, Reporter ohne Grenzen

Reporter ohne Grenzen nutzt zum Welttag gegen Internetzensur das Computerspiel Minecraft, um ein Zeichen für die Pressefreiheit zu setzen. Wie ihre Auflistung der zwanzig größten Internetfeinde zeigt, ist dies dringend nötig.

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          Zum Welttag gegen Internetzensur am 12. März hat Reporter ohne Grenzen eine Liste der zwanzig größten „Feinde des Internets“ veröffentlicht. Unter diesen finden sich neben staatlichen Stellen und Unternehmen auch informelle Netzwerke. Länder wie Russland, Iran, Indien, Venezuela, China und Ägypten betreiben online staatliche Zensur journalistischer Inhalte. Mit systematischer Belästigung, Verleumdung oder Drohung gegenüber Journalisten arbeiten „Troll-Armeen“ des Kreml sowie der Regierungen Algeriens und Mexikos. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro instrumentalisiert zu diesem Zweck ein sogenanntes „Hasskabinett“. Die „Krieger“ des indischen Ministerpräsident Narendra Modi sprechen gezielt Todes- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Medienschaffende in sozialen Netzwerken aus. Staaten wie Vietnam, die Philippinen, Saudi-Arabien und der Sudan nutzen Desinformationen, um gezielt demokratische Staaten zu destabilisieren. Auch ein deutsches Unternehmen findet sich auf der Liste der Internetfeinde: „FinFisher“ soll ein Spionageprogramm illegal an die türkische Regierung verkauft haben, die damit Journalisten überwacht.

          Mit einem Informationsprojekt im Netz setzt Reporter ohne Grenzen gegen die Zensur ein Zeichen. Mehr als 145 Millionen Menschen spielen das Computerspiele Minecraft monatlich. In dem „Open-World-Spiel“ können sie sowohl aus würfelförmigen Blöcken frei nach eigenen Vorstellungen 3D-Welten bauen als auch die Konstrukte anderer Spieler erkunden. Im Auftrag von Reporter ohne Grenzen entstand jetzt eine solche digitale Welt, die ganz im Zeichen der Pressefreiheit steht: Für die sogenannte „Uncensored Library“ setzten drei Monate lang Experten der auf Minecraft spezialisierten Firma „Blockworks“ mehr als anderthalb Millionen virtuelle Steine aufeinander. Das Ergebnis ist ein monumentales, wenn auch rein digitales Gebäude, das wie ein weitläufiges Schloss auf einer begrünten Insel thront. Spieler können die Bibliothek online betreten und sich in der gewaltigen Vorhalle, deren Boden eine Weltkarte ziert, über die Situation der Pressefreiheit in 180 Ländern informieren.

          Unzensierte Wahrheit für alle

          Fünf weitere Räume bilden das eigentliche Herzstück sowohl der Bibliothek als auch des Projekts: Denn anders als einige unabhängige Nachrichtenportale, Onlinezeitungen oder Blogs, ist Minecraft in fast jedem Land der Welt frei zugänglich. Sich dies zunutze machend, können die Spieler unzensierte Artikel aus Ländern lesen, deren Regierungen massiv in die Pressefreiheit eingreifen und Zensur ausüben. Mexiko, Russland, Saudi-Arabien und Vietnam wird jeweils ein Raum gewidmet, denn in diesen fünf Ländern ist die Pressefreiheit nach Angaben von Reporter ohne Grenzen besonders eingeschränkt. Journalisten drohen dort hohe Haftstrafen, selbst zu staatlicherseits verübten Morden wie an dem saudischen Journalisten Jamal Kashoggi 2018 kam es. Texte, die Kashoggi für die „Washington Post“ schrieb, sind nun in der „Uncensored Library“ verfügbar und können dort vielleicht auch von Saudi-Arabien aus gelesen werden.

          Viele „junge Menschen wachsen auf, ohne sich eine eigene Meinung bilden zu können. Indem wir das weltweit populärste Computerspiel Minecraft als Medium nutzen, ermöglichen wir ihnen den Zugang zu unabhängigen Informationen“, sagte Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, zu dem Projekt. Die Texte der „Uncensored Library“ sind auf Englisch und in der jeweiligen Muttersprache der Journalisten verfügbar. Die virtuelle Bibliothek soll durch weitere Artikel ergänzt werden, wie Reporter ohne Grenzen in einer Pressemitteilung bekannt gab. Auf der Website www.uncensoredlibrary.com erhalten Interessierte weitere Informationen zu der Idee, die von der Werbeagentur DDB Germany stammt, und erfahren, wie sie als Spieler Zugriff auf die Bibliothek erhalten.

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