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Weltkriegs-Dokumentation : Von der Leichenbahre in die Psychiatrie

Wer nicht freiwillig mitkommt, wird mit vorgehaltener Waffe gezwungen: Szenenfoto aus der Weltkriegsdokumentation. Bild: Tobias Fritzsch / LOOKS

Im Elsass entsteht derzeit eine Dokumentation über den Ersten Weltkrieg, die radikaler und ambitionierter ist als viele vergleichbare Projekte. Ein Besuch bei den Dreharbeiten in Straßburg.

          Gunnar Dedio, Produzent von Looks-Film, steht auf dem Treppenabsatz und hat die Arme erhoben; als er sie wieder senkt und die Dreharbeiten eröffnet, bleibt sein Hemd am Oberkörper kleben. Den gesamten Tag über hatte die Sonne Straßburg fest im Griff; hier, im Kuppelsaal der städtischen Badeanstalt, staut sich die Hitze. Sie liegt als Ölfilm über den Gesichtern der Kameramänner, Statisten und Schauspieler, sie drückt auf die Oberkörper der Journalisten. Im Gang steht ein Mann mit Hosenträgern und zerknittertem Hemd, auch sein Gesicht schweißgebadet. Er hat sich angelehnt, den Blick auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, als könne er hindurchblicken und fixiere einen Punkt in der Ferne. Er spricht in Satzfetzen, die niemanden anreden und leer von den Wänden widerhallen; er deliriert, bis ein Arzt erscheint und zwei Soldaten den Mann schließlich abführen.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Es handelt sich um Vincenzo d’Aquila, einen italienischen Soldaten im Ersten Weltkrieg und eine von vierzehn historischen Figuren in der ambitionierten Dokumentation „14 - Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, die derzeit im Elsass produziert wird. Was hier mit einem Budget von etwa 6 Millionen Euro entsteht, dürfte eine der bislang gewagtesten Verfilmungen zum Ersten Weltkrieg sein: 22 meist staatliche Sendeanstalten aus 18 verschiedenen Nationen sind an der Produktion beteiligt, unter ihnen als Hauptverantwortliche ArteFrance, die ARD, der NDR, SWR, WDR sowie der ORF.

          Tränen in den Augen

          Entsprechend ehrgeizig ist die dramaturgische Zielsetzung: In acht Folgen à sechzig Minuten wollen die Entwickler vierzehn Lebensläufe in den Blick nehmen, basierend auf realen Personen und ihren Tagebucheinträgen. Darunter finden sich so bekannte Figuren wie Ernst Jünger und Käthe Kollwitz, aber auch eine australische Pianistin, die bei Kriegsausbruch in Deutschland lebte, eine schottische Krankenschwester, ein englischer Offizier oder eben ein italienischer Frontsoldat. Seit 2009 wird an dem Vorhaben gearbeitet, gesendet wird im März des kommenden Gedenkjahres der europäischen Urkatastrophe.

          Was man als Gefahr für die Dokumentation betrachten könnte, ihre Aufspaltung in kursorische Einzelschicksale, das, so erklärt der Regisseur Jan Peter noch vor Drehbeginn im Gespräch, sei gerade ihre größte Stärke. Man suche bewusst das Mosaik, das Kaleidoskopartige. Nur so rechtfertige sich überhaupt der Begriff „Weltkrieg“. Jan Peter, dunkelblaues Hemd und Glatze, redet laut, mit leicht verteidigendem Einschlag. Immer wieder fällt zwischen seinen Erklärungen der Satz: „Man wird sehen, was daraus wird.“ Der Produzent Dedio ist sich sicherer: Es könne nur großartig werden. Er jedenfalls habe noch nie so häufig Tränen in den Augen gehabt wie bei dieser Produktion. Als Peter ein weiteres Mal die Erwartungen zu beschwichtigen sucht, schaut Dedio ihn an, als wollten seine Augen sagen: Junge, glaub an dich. Hier der laute, unsichere Kreative, dort der ebenso laute, sichere Businesspartner: eine ideale Symbiose, wie es scheint.

          Der italienische Soldat Vincenzo d’Aquila (Jacopo Menicagli), von den Kriegsereignissen traumatisiert.

          Der dritte Hauptverantwortliche, Drehbuchautor Yury Winterberg, wird von einem Mitarbeiter des SWR mit den Worten „guter Mann. Schreibt immer nachts“ charakterisiert. Bei „14“, sagt Winterberg, solle vor allem der bisherige Ansatz von Dokumentationen über den Weltkrieg ins Gegenteil verkehrt werden: Bislang, etwa in der BBC-Doku von 1964, habe man die großen Schlachten nacherzählt und anschließend nach persönlichen Zeitzeugen gesucht; bislang sei es stets um die Frage gegangen: „Wer ist Schuld?“ Hier solle nun die Zeitzeugenschaft, das Persönliche im Vordergrund stehen. Und suche man eine Antwort auf die Frage, was mit den Menschen passiere, wenn fast alle glauben, in einen gerechten Krieg zu ziehen.

          Besonders an „14“ ist vor allem die eigenwillige Mischung aus Erfundenem und Tatsächlichem: Auf Historiker, die zwischen den Spielfilmszenen erklärende Sätze ins Halbdunkel raunen, wird vollständig verzichtet, dafür aber haben der Regisseur Jan Peter und sein Produktionsteam schier unendliche Mengen an bisher ungezeigtem Archivmaterial aus Deutschland und Italien rekonstruieren lassen. Einzelne Szenen sollen in Australien koloriert und behutsam in die fiktionalen Erzählblöcke eingeflochten werden. Ernst Jünger, der im Schützengraben liegt und das näher kommende Artilleriefeuer hört - das ist auf der Leinwand noch der Schauspieler Jonas Leonhardi. Ernst Jüngers Blick auf das Schlachtfeld aber, das ist auf der Leinwand koloriertes Archivmaterial. Fiktionale Szenen im Dienste einer dokumentarischen Wahrheit mögen nichts Neues darstellen, relativ neu aber sind Archivszenen im Dienste einer fiktionalen Erzählung. Trotzdem wird es auch echte Dokumentationsblöcke geben: Sie bleiben schwarzweiß, um ihre Historizität für den Zuschauer kenntlich zu machen.

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