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Arte-Rückblick zum Lockdown : Die wiedergefundene Zeit

  • -Aktualisiert am

Corona stoppt ihre Schritte nicht: Die argentinische Tangotänzerin Corina Herrera (re.) und ihre Partnerin sind auch mit Maske im Rhythmus. Bild: Delfina D'Arminio/Spiegel TV

Zwangspause: Arte zeigt mit einem Jahresrückblick, was der Corona-Lockdown in aller Welt bedeutet. Bedrückendes wie unerwartet Schönes ist darunter.

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          Symphonie der Stille, das ist kein Oxymoron, sondern eine Perspektivkorrektur: Die Musik weiß nicht erst seit John Cage, wie wichtig die Pausen zwischen den Tönen sind. Kein Gesang ohne Atemholen. Die Poesie lebt geradezu von der Weitung des Augenblicks. Nie handelte sie von der technischen Zeit, der getakteten, gemessen am Zerfall von Atomen, sondern stets von der wahrgenommenen, durchlittenen, gedehnten. Und von dieser Zeit schien es bis vor einem Jahr immer weniger zu geben, als wäre aller Sand aus den Uhren herausgerieselt und – als Silizium – in die Computer hinein.

          Zugegeben, die Klage über die Beschleunigung ist älter als die Eisenbahn, und sonderlich originell ist sie Jahrzehnte nach Paul Virilio auch nicht. Aber wir kamen doch tatsächlich kaum mehr hinterher: Kriege, „Gelbwesten“, Weltmeisterschaften, Blockbuster, Smart Homes, Börsen auf Koks, NSU, NSA, AfD, Brexit, Trump, Groko, Amazonas in Flammen, Australien in Flammen, Kalifornien in Flammen, Twitter, Twitter, Twitter, Tiktok. Da würde selbst Futuristen schwindelig. Und dann, über Nacht, standen plötzlich alle Räder still; die gesamte überhitzte Weltmaschine schaltete in den Winterschlaf. Dabei ist der bärenstarke Arm, der ihr in die Speichen griff, kaum mehr als ein Hauch: Alle Coronaviren der Welt wiegen zusammen keine zwei Gramm, haben Forscher berechnet. Die weltweite Pandemie hat neben allem Schrecklichen auch etwas lyrisch Imaginatives. Ein Halt auf freier Strecke. Eine Symphonie der Stille. Die wiedergefundene Zeit.

          Wie fängt man als Filmemacher eine solche Stimmung ein? Wie lässt sich dieser unwirkliche Hiatus zwischen Überforderung und Besinnung dokumentieren? Die Filmemacher Cristina Trebbi und Jobst Knigge haben die Aufgabe elegant gelöst, indem sie mit Hilfe von zahlreichen Filmteams – elf Units an der Zahl – eine Art globale Bilder-Oper auf dieses unvergessliche Jahr komponiert haben, eine gemeinschaftliche audiovisuelle Weltreise also, was gut passt, weil in dieser Zeit zwar wenig gereist wurde, die Sehnsucht nach Begegnungen aber unermesslich gewachsen ist. Und weil neue Formen der Kooperation entstanden, für die diese Arbeitsweise beispielhaft stehen könnte.

          Menschenleer: Blick auf den Arc de Triomphe in Paris.
          Menschenleer: Blick auf den Arc de Triomphe in Paris. : Bild: © Dominique Preusse/Spiegel TV

          Ästhetisch passt sich der Film dem Gegenstand an, nimmt sich Zeit für lange Einstellungen, meditiert mehr über das Gezeigte, als dass er es kommentierte. Manche Bilder scheint man zu kennen aus den Nachrichten: Kinder beim Fernunterricht, leere Straßen in New York, verlassene Touristenstrände, Venedig im Dornröschenschlaf, Geister-U-Bahnen. Aber all das kam meist nur in der Hektik der „Brennpunkte“ zu uns, als Illustration von Reportagen, die den Stillstand als Neuigkeit verkauften. Hier erst lässt sich die Ruhe in Ruhe betrachten. Dazu passt, dass die Aussagen der Besuchten – der Film springt frei über Kontinente hinweg – nur partiell übersetzt werden. Oft dürfen Sätze in fremden Sprachen stehenbleiben, ohne dass man das Gefühl hätte, etwas nicht verstanden zu haben.

          Nicht nur Masken sieht man nun in jedem Winkel des Planeten, auch die Sorgen und Gedanken ähneln sich. Musiziert wird im Chaos ebenso überall. Das Virus, dieses große Gemeinsame, hat uns zu Abstand verpflichtet und doch einander nähergebracht. Gerechter ist die Welt damit noch lange nicht: Dass Isolation ein Privileg sei, das sich nur Reiche leisten könnten, sagt ein Rapper in den Favelas von Rio de Janeiro einmal, bevor wir die riesigen Gräberfelder sehen. Aber wenigstens die Wünschbarkeit einer besseren Welt gewann mit Corona an Rückhalt. Möge nur der japanische Tempelpriester recht behalten, der sagt, wir seien in der Lage, auf diese Krise mit einer „Pandemie der Freundlichkeit, Liebe und Rücksicht“ zu antworten. Lockerungen beginnen im Kopf.

          Keine Seele unterwegs: Manhattan im Lockdown.
          Keine Seele unterwegs: Manhattan im Lockdown. : Bild: © Julide Tanriverdi/Spiegel TV

          Die Porträts bleiben flüchtig, oder besser: luftig. Andeutungen genügen, weil wir alle wissen, wovon die Rede ist. Ein Schriftsteller in Paris, der sagt, der Tod werde zensiert in unserer Gesellschaft und habe sich nun sichtbar zurückgemeldet; eine arbeitslose Filmemacherin in Indien, die darauf hinweist, wie wichtig Routinen im Lockdown seien und wie wertvoll die neuen, außergewöhnlichen Erfahrungen; ein New Yorker, der von seiner Scheidung per Zoom erzählt und von der doppelten Einsamkeit danach; eine Australierin, deren Kinder die Großeltern nur durch Scheiben sehen dürfen; ein Schulleiter, der bewegt feststellt, dass Schule erstmals wieder zum Sehnsuchtsort wurde.

          Vor allem aber mit Bildern und Musik punktet dieser besondere Jahresrückblick. Und es sind oft berückend schöne, poetische Aufnahmen: die argentinische Tangotänzerin in der lichtdurchfluteten Fabrikhalle; Südafrika im Sonnenuntergang. Dabei ist der Film nicht naiv, zeigt auch Ängste, Proteste und Rücksichtslosigkeit (Partyvolk in Berlin). Den Naturparadiesen, die sich vom Menschen erholen, wie eine Frau in Kolumbien meint – tollende, tanzende Wale bekräftigen ihre Worte –, steht die Verzweiflung der in Armut gestürzten Familien gegenüber, die vom Tourismus gelebt haben.

          Aber es bleibt doch der Eindruck, dass diese Atempause, dieser Ausnahmezustand nicht nur schlecht war für die Weltgesellschaft. Eine Prüfung gemeinsam bestanden zu haben lässt Menschen wachsen. Was nicht vorkommt, doch den Ton dieses Films perfekt träfe und seine Botschaft sogar noch ein wenig weiter auszöge, ist das inzwischen einigermaßen berühmte Gedicht „Corona-Lehre“ von Thomas Gsella, vielleicht sein bestes überhaupt. So sei es hier nachgereicht: „Quarantänehäuser sprießen,/ Ärzte, Betten überall/ Forscher forschen, Gelder fließen -/ Politik mit Überschall./ Also hat sie klargestellt:/ Wenn sie will, dann kann die Welt./ Also will sie nicht beenden/ das Krepieren in den Kriegen,/ das Verrecken vor den Stränden/ und dass Kinder schreiend liegen/ in den Zelten, zitternd, nass./ Also will sie. Alles das.“

          Welt auf Abstand, heute um 21.50 Uhr auf Arte

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