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Brexit im Netz : EU verlassen? Gefällt mir, sagt Facebook

  • -Aktualisiert am

„Vote Leave“ in der analogen Variante: Ein Straßenschild an einer Straße südlich von London. Bild: AFP

Bei der Abstimmung in Großbritannien könnte Facebook der „Leave“-Kampagne in die Hände gespielt haben. Das meinen zumindest Kritiker, die den Datenstrom im Blick hatten.

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          Auch zwei Wochen nach dem Brexit-Votum fragen sich Beobachter, wie es zu diesem Ergebnis kommen konnte. Die Abstimmung wird als Sieg der „alten“ Medien über die „neuen“ gewertet. Die Boulevardpresse, allen voran die „Sun“, hatte für den Brexit getrommelt. Doch offensichtlich hatten die „neuen“ Medien, namentlich Facebook und Twitter, einen größeren Einfluss auf die Abstimmung als bislang angenommen.

          Die Analysten der Londoner IT-Firma Similar Web registrierten am 18. Juni, fünf Tage vor dem Referendum, einen sprunghaften Anstieg des Zugriffs auf „voteleavetakecontrol.org“, die Seite der Brexit-Befürworter. Die Seite des Remain-Lagers, „strongerin.co.uk“, war am 23. Juni am meisten gefragt. Die Seite der Brexiteers verzeichnete im Mai 877000 Besuche, strongerin.co.uk kam auf 504.000. Gut ein Fünftel der Anfragen bei der Leave-Kampagne speiste sich aus sozialen Netzwerken, knapp die Hälfte davon aus Facebook.

          Wo kommt der „Leave“-Button her?

          Am 14. Juni, kurz vor dem sprunghaften Anstieg des Traffics, fiel dem Blogger Jon Worth auf, dass in den Status-Updates seiner mobilen Facebook-App in der Rubrik „Gefühle/Aktivitäten“ die Option „in favour of leaving the EU“ – für einen Austritt aus der EU – auftauchte. Der mit einem Megafon gekennzeichnete Button poppte unter dem Symbol eines Fernsehers („watching TV“) und einer Kaffeetasse („having a cuppa“) auf, als sei Wählen eine Freizeitbeschäftigung. Die umgekehrte Option – „in favour of remaining in the EU“ – war nicht standardmäßig eingestellt und nur verfügbar, wenn man gezielt suchte. Das Phänomen tauchte nur auf der mobilen App, nicht am Desktop auf. Worth twitterte: „Facebooks iOS-App erlaubt einem, sich ,für einen Austritt aus der EU‘auszusprechen, nicht aber für einen Verbleib. #Brexit bias.“

          Facebook wies die Vorwürfe zurück. Die Frage ist, wie der Tendenz-Button überhaupt in die Status-Updates gelangte. Ein Facebook-Sprecher sagte dem „Guardian“: „Die Leute, die bei der Nutzung unseres Status-Tools nach ,EU‘ suchen, sehen die volle Bandbreite von Optionen, die sie hinzufügen können, wenn sie über einen Austritt oder Verbleib aus der EU nachdenken. Die Leute, die durch die Liste von Aktivitäten scrollen, sehen Optionen auf Grundlage dessen, was ihre Freunde und andere Leute genutzt haben.“ Es ist die übliche Schutzbehauptung von Facebook: Unsere Algorithmen zeigen nur, was Freunde anklicken. Die suggestive Option wurde daraufhin entfernt. Doch wie neutral ist Facebook?

          Die Daten geben Rätsel auf

          Vor wenigen Wochen berichtete der Blog „Gizmodo“, dass Facebooks Nachrichten-Betreuer der Rubrik „Trending Topics“, einer Art Nachrichtenticker, bei der Quellenauswahl Vorgaben bekamen. So sollten Seiten wie die „New York Times“ bevorzugt, konservative wie „Breitbart“ weniger berücksichtigt werden. Kritiker warfen dem Konzern vor, seine Nachrichteninhalte zu manipulieren und konservative Seiten zu zensieren. Ob bei der Option „in favour of leaving the EU“ nun ein Kurator am Werk war oder dies das Ergebnis eines erratischen Algorithmus war, lässt sich im Nachhinein nicht klären. Fest steht, dass diese Option nichts anderes ist als der Pro-Leave-Sticker, den das Boulevardblatt „The Express“ seiner Printausgabe beilegte und man ans Auto kleben konnte.

          Der Effekt lässt sich schwer messen. Und doch bleibt der Verdacht, dass Facebook mit Algorithmen Stimmungen lenkt. Die Analysten von Similar Web sind sich in diesem Fall sicher: „Unsere Daten belegen, dass das Engagement in sozialen Medien der Leave-Seite zum Sieg verhalf.“ Dem Befund steht freilich entgegen, dass soziale Medien überwiegend von jungen und Menschen mittleren Alters genutzt werden, die mehrheitlich für den Verbleib Großbritanniens in der EU stimmten. Kurz nach dem Wahlgang schrieb der Blogger Tom Steinberg: „Ich suche auf Facebook aktiv nach Leuten, die den Brexit feiern, aber die Filterblase ist so stark und greift so sehr auf Dinge wie die Suchfunktion aus, dass ich niemanden finden kann, der glücklich ist, trotz der Tatsache, dass das halbe Land heute jubelt, und trotz der Tatsache, dass ich aktiv versuche zu hören, was sie sagen.“ In der Echokammer hört man nur das eigene Lager, nicht aber den Hall der anderen.

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          Emily Bell, die an der Columbia University in New York das „Tow Center for Digital Journalism“ leitet, kritisierte im „Guardian“, dass die Wahrheit in der Filterblase keine Chance habe. „Wenn wir ein politisches System tolerieren, das Fakten aufgibt und ein mediales Ökosystem, das nicht die Wahrheit herausfiltert, legt das den Nutzern eine schwere Bürde auf, aktiv Informationen zu beziehen und diese von allen Seiten zu hinterfragen.“

          Selbstredend ist der Diskurs in Großbritannien polarisiert, und auch die „Sun“-Leser sitzen gewissermaßen in einer Filterblase. Doch Facebook ist mehr als eine „personalisierte Zeitung“, die dem Chef des Konzerns, Mark Zuckerberg, vorschwebt. Man erwartet von Facebook, dass es die Pluralität der Meinungen abbildet. Ohne selbst den geringsten Inhalt beizusteuern, avanciert Facebook zum größten Medienakteur der Welt. Daher ist es nur billig, dem Internetkonzern gewisse Publikationspflichten abzuverlangen. Dazu gehört, Nachrichten-Algorithmen, deren Funktion einer redaktionellen Entscheidung gleichkommt, transparent zu machen.

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