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Kritik an Talkshows : Meinung bilden, nicht Meinung vorgeben

  • -Aktualisiert am

Olaf Zimmermann, hier bei einem Auftritt im Oktober des vergangenen Jahres in Berlin. Bild: dpa

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Vor einem Jahr empfahl er, dass alle Talkshow einmal Pause machten. Jetzt rät er, „hart aber fair“ einzustellen. Was Pressefreiheit bedeutet, weiß er offenbar nicht.

          Bevor sich Olaf Zimmermann in den Urlaub verabschiedete, gab er sein Plädoyer für die Meinungsfreiheit zu Protokoll. Zimmermann ist der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Dieser versteht sich als „Ansprechpartner für Politik und Verwaltung in kulturpolitischen Angelegenheiten“. Da versteht sich ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit gewissermaßen von selbst.

          Im Fall von Olaf Zimmermann allerdings nicht. Er trat vor rund einem Jahr mit dem Vorschlag hervor, die Talkshows sollten doch zwölf Monate lang pausieren. Warum? In ihnen ging es nach Zimmermanns Geschmack zu häufig um das Thema Zuwanderung und Islam. Also spielte er sich gewissermaßen als „Generalintendant Talkshow“ auf.

          Nun, ein Jahr später, konzediert der Intendant, bei den Redaktionen habe offenbar eine „gewisse Nachdenklichkeit“ eingesetzt. Seine Forderung einer einjährigen Pause wiederholt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur nicht. Folgten wir seinem Argument von damals, müsste die Frage an die Redaktion ja auch anders lauten: Haben sie mit ihren Einladungen an grüne Spitzenpolitiker und ihrer Themensetzung den Aufstieg dieser Partei mitzuverantworten?

          Auf die Idee kommt der Generalintendant aber nicht. Es wäre ja wohl auch etwas übertrieben, Talkshows als Haupttriebfeder für politische Trends auszuweisen – es sei denn, es geht um Themen, die einem nicht passen. Für die AfD geht es hauptsächlich um die Flüchtlingspolitik, den Grünen um den Klimawandel. Das ist ihre Agenda.

          Für Talkshow-Redaktionen darf das nicht ausschlaggebend sein und ist es auch nicht. Sie sollen ein Themen- und Meinungsspektrum abbilden, um so zur demokratischen Meinungsbildung beizutragen. Das wiederum hat der Generalintendant Talkshow Zimmermann (und mit ihm viele) nicht verstanden. Fordert er doch gleich, die Sendung „hart aber fair“ abzusetzen, wenn er sagt, man müsse darüber nachdenken, „ob man so ein Format überhaupt noch weiterführen will“.

          Die Redaktion von Frank Plasberg, meint Zimmermann, habe in ihrer letzten Sendung, in der es um die Gewalt von rechts ging, einem AfD-Politiker eine Bühne geboten, „um sich als Opfer zu stilisieren“. Auch wenn, so der so gönnerhafte Hinweis, Moderator Frank Plasberg das bestimmt nicht „gewollt“ habe.

          Ein besonderer Freund der Presse- und Meinungsfreiheit ist der Vertreter des Deutschen Kulturrats offenbar nicht, und wie Journalismus funktioniert, weiß er auch nicht. Talkshows sollen Meinung bilden, nicht Meinung vorgeben. Dafür werden Gäste mit unterschiedlichen Sichtweisen eingeladen. Der eine stilisiert sich als Opfer, der andere trumpft auf, ein Dritter erweist sich als Tölpel. Wobei man für Letzteres nicht mal in eine Talkshow eingeladen werden muss. Eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur reicht.

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