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Der „Tatort: Der letzte Schrey“ : Weimarer Spitze

Mord im Feld: Kurt Stich (Thorsten Merten), Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) begehen den Tatort. Bild: MDR/Steffen Junghans

Gewagter Schnitt, großes Kino: Im „Tatort“ aus Weimar, „Der letzte Schrey“, ist das Ermittlerpaar Dorn und Lessing den Entführern eines Kleiderfabrikanten auf der Spur.

          2 Min.

          Gleich zu Beginn verneigt sich diese Episode noch einmal vor dem Drehbuchautor Andreas Pflüger, der sich nach acht gemeinsam mit Murmel Clausen für Weimar verfassten Drehbüchern nun vom Tatort entfernt und Clausen die leuchtenden Felder des Thüringer Beckens überlässt. Einem größeren Publikum wurde Pflüger durch seine seit 2016 veröffentlichten Romane über die erblindete Elite-Polizistin Jenny Aaron bekannt, deren Meisterschaft nicht zuletzt darin besteht, dass sie ihr Handicap zum Vorteil ausbaut und vieles wahrnimmt, was ihre ermittelnden Kollegen schlicht übersehen. Auch die blinde Frau in der Eingangsszene von „Der letzte Schrey“ kann als Zeugin allein anhand der Bremsgeräusche eine so minutiöse Beschreibung des Täterfahrzeugs liefern, amerikanischer Van aus den späten Achtzigern samt in Frage kommender Modelle und Motorleistung, dass die verblüfften Kommissare nur noch die Farbe herausfinden müssen; ein Kinderspiel.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Eben noch hatte sich das Ermittlerpaar Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) über Betreuungsfragen in der Wolle, weil das französische Au-pair mit Liebeskummer das Kind kurzerhand outgesourct hat, da werden die Polizisten zum Einsatz ins Weizenfeld gerufen. Das Böse unter der Sonne hat sich inmitten wogender Halme zugetragen. Dort liegt, gefesselt und erschlagen, die Gattin des Strickwarenherstellers Gerd Schrey (Jörg Schütt- auf). Dass es sich um eine Entführung handeln muss, ist allen rasch klar, denn auch der Ehemann ist verschwunden, und im W-Lan-losen Haus der Schreys erhält deren Sohn Maik ( Julius Nitschkoff) kurz darauf übers analoge Tastentelefon die Lösegeldforderung. Da die geforderten zwei Millionen allerdings exakt jener Summe entsprechen, die der alte Schrey unlängst erst für eine Entführungs-Police aufgerufen hatte, halten die Kommissare nun alles für möglich: Stecken am Ende Vater und Sohn mit den Entführern unter einer Strickdecke?

          Ein Hybrid aus Komödie, Thriller, Satire und Melodram

          Die Regisseurin Mira Thiel hat mit Hilfe eines überaus spielfreudigen Ensembles, das bis in die Nebenfiguren glänzt, eine grandiose Krimi-Farce inszeniert, die permanent zwischen Tragik und Komik oszilliert und sich nicht zuletzt durch den kongenial verfremdenden Free-Jazz-Sound von Dürbeck & Dohmen zur irrealen Szenerie weitet. Schon der Titel macht seine Honneurs vor Robert van Ackerens Gesellschaftskomödie „Der letzte Schrei“ aus dem Jahr 1974, woran die Story inhaltlich anknüpft. Auch in Weimar geht es um eine im Kern marode Kleidermanufaktur, die Globalisierung hat den Strickwaren ordentlich zugesetzt. Aus anderen „Tatort“-Episoden in Konfektionsgröße aber ragt „Der letzte Schrey“ vor allem ob seines gewagten Schnittmusters heraus. Ein Hybrid aus Komödie, Thriller, Satire und Melodram mischt er stilsicher starke Farben mit befremdlichen Bildern, bizarren Konflikten und abgründigem Humor.

          Das skurrile Entführerpaar lernt der Zuschauer früher als das Ermitterpaar kennen, doch auch Lessing und Dorn schwant bald, dass sie es wohl mit Typen zu tun haben, die schon mit der Planung einer Geiselnahme intellektuell überfordert sein dürften. In der Überforderung, vor allem der emotionalen, findet sich tatsächlich der Schlüssel zu dieser Geschichte. Denn das Unglück gründet hier weniger auf böser Absicht denn auf Hilflosigkeit. Dass da Töchter verstoßen und Söhne missachtet, Verlustängste falsch kompensiert und Gefühle für ein Lösungsmittel gehalten wurden, das sind die Leitfäden in diesem Verhängnis. In dem unentwirrbaren Traumaknäuel verhandeln immer wieder auch Lessing und Dorn den eigenen Beziehungsstatus. Der aber hängt zum Glück nicht am seidenen Faden, sondern erweist sich als äußerst robust. Robust genug für viele neue Fälle in Weimarer Spitze.

          Tatort: Der letzte Schrey, Pfingstmontag, 20.15 Uhr, im Ersten.

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