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Weihnachtsmärchen im Ersten : Ach, so eine Glückshaut auf dem Kopf

Der wirklich bedauernswerte Fischer (Fabian Busch) muss dem Zauberbutt sagen, dass Frau Ilsebill nun auch noch Päpstin werden will. Bild: NDR/Zeiglerfilm/Felix Cramer

Vier neue Märchen an zwei Feiertagen im ARD-Fernsehen: Ganz bezaubernd sind die Verfilmungen von „Der Teufel mit den goldenen Haaren“ und „Vom Fischer und seiner Frau“. Hans Christian Andersen hat dagegen weniger Glück.

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          In der Märchensammlung der Brüder Grimm ist sie gerade mal einen Halbsatz wert: Da kommt der junge Mann zurück aus der Hölle „daheim bei seiner Frau an, die sich herzlich freute, als sie ihn wiedersah und hörte, wie wohl ihm alles gelungen war.“ Mehr ist im Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ nicht über die Königstochter zu erfahren, die auf ziemlich seltsame Weise (der junge Mann läuft im Wald einer Räuberbande in die Hände, die einen Brief des Königs fälscht und ihm in die Tasche bugsiert) und keineswegs freiwillig an ihren Ehemann kommt. Es geht nicht um sie, es geht um den Jungen, der mit einer Glückshaut auf dem Kopf geboren wurde und der deshalb durchs Leben tänzelt, als könnte ihm tatsächlich nichts etwas anhaben. Schon als Kind soll er auf Befehl des Königs umgebracht werden, was er lächelnd überlebt. Auch der nächste Anschlag führt nicht zu seinem Tod, sondern zur Hochzeit mit der Prinzessin. Selbst in der Hölle nimmt sich des Teufels Großmutter seiner an und entlockt ihrem Enkel nicht nur die Informationen, die das Glückskind benötigt, sondern auch die drei goldenen Haare auf seinem Kopf.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Am passiven, geradezu somnabulen Charakter des Jungen mag auch das Drehbuch von Rochus Hahn nichts ändern, das dem Märchenfilm zugrunde liegt, den das Erste am zweiten Weihnachtstag sendet. Die Prinzessin aber ist gegenüber der Vorlage nicht wiederzuerkennen. Als das Glückskind, ein junger Mann mit langen blonden Haaren und einem Geigenkasten auf dem Rücken, auf dem Schloss erscheint, sagt sie kurz und knapp: „Ich werde diesen Mann nicht heiraten. Wir werden ihn erst mal in den Kerker werfen, bis mein Vater wiederkommt.“ Als der Priester dann auf der Hochzeit besteht, schließlich sei das der ausdrückliche Wunsch des Königs, sagt sie noch am Altar dreimal nachdrücklich „Nein!“. Und als der Junge dann von ihrem Vater zur Hölle geschickt wird, folgt sie ihm heimlich, lächerlich durchschaubar als Mann verkleidet und dennoch unerkannt. Natürlich ist sie es, die den Zwist mit dem Teufel besteht, so wie sie dem Glückskind längst das Heft aus der Hand genommen hat. Ob er, nach überstandenem Abenteuer, in der Ehe mit dieser Prinzessin viel zu sagen haben wird, steht in den Sternen.

          Andersen-Verfilmung besser ignorieren

          Für all dies findet die Regisseurin Maria von Heland archaische Bilder, die bestens zu der schnörkellos erzählten Geschichte passen. Der Film läuft zu großer Form auf, wenn die Verheerungen auf dem Weg zur Hölle gezeigt werden, die spitznasige Frau in der toten Stadt, die Menschen mit den leeren Augen, die den toten Baum umstehen, und schließlich der Fährmann auf dem Totenfluss, der an seiner Aufgabe verzweifelt und nicht weiß, wie er ihr entkommen kann. Der Teufel schließlich ist „draußen in der Welt“, sagt seine Großmutter: „Glaubst du denn, alles Unheil dort richtet sich alleine an?“ Und am Ende fliegen seine hart erkämpften goldenen Haare mit dem Wind davon.

          Malerisch drapiert: Zoe Moore spielt die kleine Meerjungfrau.

          Seit einigen Jahren produzieren die einzelnen Anstalten der ARD mit wechselndem Glück Verfilmungen von Märchen, die meisten sind der Sammlung der Brüder Grimm entnommen, einige Vorlagen auch von Hans Christian Andersen. Inzwischen sind dreißig Folgen entstanden, von denen einige in der Weihnachtszeit gern gemeinsam mit den neu ausgestrahlten wiederholt werden. In diesem Jahr sollte man die beiden weniger inspirierten Andersen-Verfilmungen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und „Die kleine Meerjungfrau“ besser an sich vorübergehen lassen. Neben „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ bildet aber Christian Theedes Version von „Der Fischer und seine Frau“ den Höhepunkt der neu gezeigten Märchenfilme.

          Große Feier der Phantasie

          Die Vorlage stammt von dem Maler Philipp Otto Runge, einem der abgründigsten Märchenerzähler, die zu der Grimmschen Sammlung beigetragen haben. Man kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass sein gruseliges Märchen vom Machandelbaum („Mein Vater, der Schelm, der mich gegessen hat“) niemals zum Stoff für einen Weihnachtsfilm der ARD werden wird. Anders sein nun verfilmtes Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“, und anders der Akzent, den das Drehbuch von Dieter und Leonie Bongartz setzt. Die Fischersfrau Ilsebill, die Katharina Schüttler mit leuchtenden Kinderaugen und strahlendem Lächeln gibt, ist keineswegs die gierige Nervensäge der Vorlage. Ilsebill ist eine Visionärin, die in der Realität immer auch die Möglichkeit wahrnimmt. So ist der Film in den Kaskaden der Existenzen von der Fischersfrau über König, Kaiser und Papst immer auch eine große Feier der Phantasie – schließlich befinden wir uns in der Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat.

          Ilsebill also wünscht, der von ihrem Mann gefangene Zauberbutt erfüllt, und die Kamera müht sich nach Kräften, das Groteske dieser Wünsche einzufangen. Das Schloss, unbeholfen in die Dünen montiert, die seltsamen Bediensteten und Gäste, die Ilsebill helfen, sich den Umschwüngen ihres Standes anzupassen, während ihr Mann nicht mitmachen will. „Wir verlieren alles, was uns wichtig ist. Und uns verlieren wir auch“, sagt er. Ilsebill aber versucht in dieser Version des Märchens den Spagat. Sie will immer höher hinaus, aber an ihrem Mann hält sie eisern fest – es wird viel geküsst in diesem Film. Und undankbar ist sie nicht. Der ersten Befehl ihrer Königsherrschaft ist, dass Plattfische generell zu schonen sind. Allen voran der Butt.

          Das hilft ihr nicht, ihrem bekannten Schicksal zu entgehen: Als sie werden will „wie der liebe Gott“, sitzt sie im selben Moment wieder in ihrer schäbigen Hütte. Seltsam, wie wenig sie das am nächsten Tag stört. Und glücklicher als in dem Moment, als sie ihrem Mann nun von ihrer Schwangerschaft erzählt, hat man sie auch als Königin, Kaiserin oder Päpstin nicht gesehen.

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