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Wehrmacht-Film im ZDF : Die Geständnisse von Trent Park

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Die Wehrmacht - Eine Bilanz” Bild: ZDF/Richard Hübner

Im ZDF läuft von heute an die Dokumentation „Die Wehrmacht - Eine Bilanz“. Die Reihe ist redlich und bemüht - doch man fragt sich, welches Bild beim Zuschauer wohl hängenbleiben wird. Von Tilmann Lahme.

          3 Min.

          Ein dicker Wehrmachtsgeneral mit Monokel sitzt in einer Runde mit Offizieren, man spricht über den Zweiten Weltkrieg. Plötzlich eine Art Geständnis. Der Eichenlaubträger erklärt, sein „schwerster Auftrag“ sei „die Liquidation der Juden“ gewesen, er habe ihn jedoch „bis zur letzten Konsequenz durchgeführt“. Klaviertöne in Moll, ein tiefer Schluck aus dem Whiskeyglas. Schnitt. Die Abhörprotokolle von Trent Park sind im deutschen Fernsehen angekommen, im ZDF, wo in wöchentlicher Folge von heute Abend an zur Hauptsendezeit die Dokumentation „Die Wehrmacht - Eine Bilanz“ läuft.

          Vor zwei Jahren hatte der Historiker Sönke Neitzel in Buchform eine Überraschung vorgelegt: Mitschriften, die von belauschten Gesprächen deutscher Offiziere in englischer Gefangenschaft zwischen 1942 und 1945 angefertigt worden waren. Die Männer tauschten sich in der komfortablen Umgebung auf dem Schloss Trent Park offen über den Krieg, über Hitler, die Verbrechen der Wehrmacht und über die eigene Verstrickung aus. Das zitierte Bekenntnis zum Judenmord sprach dabei General Dietrich von Choltitz, ehemaliger Wehrmachtsbefehlshaber von Paris, der sich dem Befehl Hitlers, die französische Hauptstadt niederzubrennen, widersetzt hatte und dafür bis heute als „Retter von Paris“ gefeiert wird.

          Für das Fernsehen ein Glücksfall

          Die Abhörprotokolle, die lange Zeit in britischen Archiven unter Verschluss lagen, werfen die Forschungen nicht grundsätzlich um, bieten aber neue Details. Für das Fernsehen sind sie ein Glücksfall: Neitzel ist seit Jahren historischer Berater der ZDF-Geschichtsredaktion von Guido Knopp, und dort erkannte man das filmische Potential der Generalsgespräche. Denn die Bemühungen, Geschichte ins Fernsehen zu bringen, kranken ja meist an der Vermittlung. Die Erklärungen von Fachleuten sind in ihrem Ringen um Differenzierung oft wenig fernsehtauglich, und die Berichte von Zeitzeugen problematisch, weil die Retrospektive der Wahrheit nicht förderlich ist.

          Mit den Protokollen nun lassen sich belegte Szenen und Gespräche nachspielen - das übliche Mittel der „Dokufiction“. Beim ZDF ist man derart begeistert von dieser Quelle, dass man sie zum Hauptträger von Informationen in allen fünf Teilen der Dokumentation macht und Neitzel selbst immer wieder die Umstände und Bedeutung der Aussagen erklären lässt. Etwa die Parole, die man in Trent Park für die Nachkriegszeit ausgibt: Alle Verbrechen auf die SS schieben.

          Was heißt „beteiligt“?

          Und zugleich mühen sich die Filmemacher Ingo Helm, Christian Frey, Alexander Berkel und Peter Hartl, die neusten Erkenntnisse der Historiker zu vermitteln. Auch solche, die ihr Chef Guido Knopp, der unter „Leitung“ und als Autor des Begleitbuches firmiert, nicht zu kennen scheint. Jedenfalls heißt es im Film, „vorsichtigen“ Schätzungen zufolge seien fünf Prozent der Soldaten an der Ostfront an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen. Mindestens 500.000 Soldaten also (was „beteiligt“ heißt, wird nicht erklärt). Knopp zieht daraus im Vorwort der Pressemappe den Umkehrschluss: also seien siebzehn Millionen deutsche Soldaten nicht an Verbrechen beteiligt gewesen. Das behauptet der Film zum Glück nicht.

          In der Dokumentation wird dann mit Hilfe von Historikern mit Legenden aufgeräumt, wie sie nicht in der Forschung, sicher aber in der Bevölkerung fortleben: Dass es allein Hitlers Krieg war, gegen den Willen der Wehrmacht geplant, wird widerlegt; ebenso präzisiert die Dokumentation das Bild der vermeintlich hochmodernen deutschen Armee, die sie eben nur in Teilen war; dargestellt wird auch die aktuelle Debatte um den Widerstand und um die Frage, aus welchen Motiven Soldaten wie Henning von Tresckow handelten.

          Redlich und bemüht

          Das alles ist redlich und bemüht. Nur am Grundproblem dieser Art von Dokumentationen mag man nicht rühren. Da wird, mit Hilfe von Experten, ein Text entworfen, der schriftlich sicher funktioniert, der aber das Medium Fernsehen und die Suggestivkraft von Bild und Ton nicht beherrscht. Abgesehen von der üblichen musikalischen Aufladung von Szenen und der Präsentation von Bildern, auch von Verbrechen, ohne den Kontext zu nennen (das also hat man aus der Wehrmachtsausstellung nicht gelernt): Was wird beim Zuschauer eher hängenbleiben, die bewegende Landsergeschichte, wie hart es im Ostfeldzug war, oder die abstrakte Zahl, wie viele russische Soldaten in deutscher Gefangenschaft umkamen? Und warum setzt man, wenn man so stark auf Zeitzeugen setzt, der deutschen Soldatenerinnerung keine russische entgegen? Wer zudem Teil drei, der sich den Verbrechen der Wehrmacht widmet, verpasst, wird von den Opfern der Wehrmacht wenig erfahren.

          Es wird nun, hört man, eine Art Evaluation geben, nicht auf die Quote bezogen, sondern mit Blick auf das, was beim Zuschauer hängenbleibt. Hierfür sollen ausgewählte Gruppen, Schüler etwa, befragt werden. Wenn da nun herauskommen sollte, dass die Wehrmachtssoldaten nur Opfer waren, könnte das ja vielleicht auch die ZDF-Geschichtsredaktion zum Nachdenken über ihre filmischen Mittel bringen.

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