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Wedel-Enthüllungsartikel : Klage gegen „Zeit-Magazin“ abgewiesen

  • -Aktualisiert am

Die Ermittlungen gegen ihn dauern nach zwei Jahren immer noch an, er weist die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs zurück: der Regisseur Dieter Wedel. Bild: dpa

Das Landgericht Hamburg hat entschieden, dass die „Zeit“ Jany Tempel keinen Schadensersatz zahlen muss. Die Schauspielerin hatte berichtet, der Regisseur Dieter Wedel habe sie sexuell missbraucht. Sie hatte eigentlich anonym bleiben wollen.

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          Sie wolle nicht zu viele Details aus ihrem Privatleben in der Öffentlichkeit ausbreiten. So schrieb das „Zeit“-Magazin über die Schauspielerin Jany Tempel in dem Enthüllungsartikel „Im Zwielicht“ zu den sexuellen Übergriffen, die der Regisseur Dieter Wedel begangen haben soll. Doch trat genau der Fall ein, den Tempel vermeiden wollte: Die ehemalige Schauspielerin wurde zu einem der Gesichter der Opfer von Sexualdelikten – in einem Fall, der als deutsches Pendant zum Weinstein-Prozess gilt und als Zäsur in der deutschen #MeToo-Debatte.

          Nach eigenen Angaben hatte Tempel der Veröffentlichung des Artikels unter der Annahme zugestimmt, dass es nicht zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Wedel kommen würde – im Glauben, die Taten seien verjährt. Doch entgegen dieser Annahme war der sexuelle Übergriff, den Tempel in der Wochenzeitung im Januar 2018 unter Klarnamen schilderte, nicht verjährt. Eine Gesetzesänderung des Jahres 2015 hatte die Verjährungsfrist in Fällen sexuellen Missbrauchs angehoben.

          Die Münchner Staatsanwaltschaft nahm nach Erscheinen des Artikels ein Ermittlungsverfahren gegen Wedel auf und machte Tempel zur wichtigsten Belastungszeugin. Tempels Anwalt warf daraufhin der „Zeit“ vor, sie bezüglich der Verjährung schlecht beraten und anschließend, anders als angeblich zugesichert, nicht unterstützt zu haben. Er verklagte die Zeitung auf Schadensersatz in Höhe von 30.000 Euro, das entspricht der Höhe seines Anwaltshonorars. Nun hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass die „Zeit“ nicht zahlen muss.

          Der besagte Artikel war am 3. Januar 2018 im „Zeit“-Magazin erschienen. Drei Frauen, eine von ihnen Jany Tempel, sprachen darin über die sexuellen Übergriffe, die sie als Schauspielerinnen durch den Regisseur Dieter Wedel erfahren hätten. Tempel erzählt darin, wie sie 1996 zu einem Vorsprechen für den Film „Der König von St. Pauli“ im Münchener Hotel Vier Jahreszeiten eingeladen wurde. Statt Produzenten und Castern habe sie in dem angegebenen Hotelzimmer nur Wedel im Bademantel angetroffen, der sie dann gewaltsam zum Sex gezwungen haben soll.

          Dass der Fall nicht verjährt war, wollte keiner gewusst haben

          Zweieinhalb Wochen nach dem Erscheinen des „Zeit“-Artikels leitete die Münchener Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren ein. Tempels Angehörige, Freunde und Therapeuten wurden vernommen. Zudem musste Tempel nun auch die Namen bis dahin anonym gebliebener Frauen offenlegen. Warum keiner der involvierten Rechtsexperten festgestellt haben will, dass der Fall nicht verjährt war, bleibt ein Rätsel. Vor 2015 galt eine Verjährungsfrist von zwanzig Jahren. Dann gab es eine öffentlichkeitswirksame Gesetzesreform, nach der die Frist erst ab dem 30. Lebensjahr des Opfers beginnt: Der Übergriff im Falle der 1969 geborenen Tempel wäre demnach erst ein Jahr später, 2019 verjährt.

          Die Vorwürfe von Tempels Anwalt Alexander Stevens, die „Zeit“ habe zur Frage der Verjährung falsche Angaben gemacht und die im Vorhinein zugesicherte finanzielle und juristische Unterstützung verweigert, wies das Gericht zurück. Der zuständige Richter Benjamin Korte begründete sein Urteil damit, dass die „Zeit“ sich lediglich zu einer Kostenübernahme im Falle zivilrechtlicher Forderungen durch Wedel verpflichtet hatte. Selbst wenn die „Zeit“ möglicherweise falsche Angaben zur Verjährung gemacht habe, entstehe daraus keine Verpflichtung zur Übernahme der Anwaltskosten im Ermittlungsverfahren gegen Wedel: Tempel hatte zum Zeitpunkt der Verhandlungen mit dem „Zeit“-Magazin einen eigenen Anwalt, auf den die ausschlaggebende Fehlberatung laut Urteil zurückzuführen ist. Stevens kündigte dem NDR-Magazin „Zapp“ gegenüber an, Rechtsmittel gegen die Entscheidung einzulegen. „Wendet man sich als Opfer an die Medien, sollte man sich auf die verlassen können“, sagte er im Interview.

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