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Literarisches Hörspiel : Was hätte Kant wohl dazu gesagt?

Von Königsberg aus behielt er die Welt im Blick: Immanuel Kant. Bild: Imago

Dem Schriftsteller W. G. Sebald blieben nur wenige Jahre, um literarischen Ruhm zu erlangen. Aber seine Romane machten Epoche. Ein Drehbuch, das ein Fernsehfilm werden sollte, kommt nun als Hörspiel heraus. Es stellt uns den Philosophen Immanuel Kant in ungekannter und heiterer Weise vor.

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          Lediglich dreizehn Jahre währte W. G. Sebalds literarische Laufbahn. Vier der fünf belletristischen Bücher aber, die in dieser Zeit erschienen, machten Epoche - zudem wurde Sebald mit seinen kritischen Essays, zumal mit dem Band „Luftkrieg und Literatur“ von 1999, zu einer intellektuellen Instanz, so streitbar wie umstritten. Als er, 57 Jahre alt, Mitte Dezember 2001 Opfer einer kumulierenden Katastrophe wurde - er erlitt am Steuer seines Autos einen Herzinfarkt und verursachte einen schweren Unfall -, verlor die deutsche Literatur einen Autor, der auf dem Weg zum Repräsentanten war.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Große Resonanz fand sein erzählerisches Werk auch in England, wo er mit einigen Unterbrechungen seit Mitte der sechziger Jahre lebte und lehrte, und in den Vereinigten Staaten, wo ihn die Erz- und Chefkritikerin Susan Sontag als Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis ausrief. Grund dafür waren die Erzählbände „Schwindel. Gefühle“ (1990) und „Die Ausgewanderten“ (1992), die Prosa „Die Ringe des Saturn“ (1995), die er im Untertitel eine „englische Wallfahrt“ nannte, in allererster Linie jedoch der Roman „Austerlitz“, der wenige Monate vor seinem Tod erschien.

          „Naturgeschichte der Zerstörung“

          Sebalds poetische Spezialität waren die halb dokumentarischen, halb erfundenen Lebensläufe seiner meist von Kindheit an beschädigten Figuren, waren nicht zuletzt deren Schicksale im Nationalsozialismus, während des Holocausts und nach dem Zweiten Weltkrieg. „Auslöschung, Vernichtung und Verdrängung“, so formuliert es der Germanist Uwe Schütte in seiner Sebald-Monografie, hätten sich für diesen Autor zu einer „Naturgeschichte der Zerstörung“ verdichtet - vor allem den „Phänomenen des Zerfalls“ habe deshalb sein Augenmerk gegolten.

          Seine Werke machten Epoche: W.G. Sebald (1944 - 2001).
          Seine Werke machten Epoche: W.G. Sebald (1944 - 2001). : Bild: CAMERA PRESS/Eamonn McCabe

          Schütte hat nun auch erheblichen Anteil daran, dass ein frühes Manuskript Sebalds zwar nicht wiederentdeckt, wohl aber wiedererweckt wird. Es handelt sich um das Drehbuch für einen Fernsehfilm, das zu Anfang der achtziger Jahre entstand, dann auf eine vergebliche Reise durch einige Redaktionen von ARD und ZDF geschickt wurde, um schließlich wieder in Sebalds Schublade zu landen. „Jetzund kömpt die Nacht herbey“ heißt das Werk. In zwanzig, meist nur wenige Minuten währenden Szenen versammelt es „Ansichten aus dem Leben und Sterben des Immanuel Kant“. Es findet sich inzwischen im Nachlass des Autors, den das Marbacher Literaturarchiv betreut.

          Originell, ja singulär ist das Drehbuch in mehrfacher Hinsicht. Es ist der erste Versuch in einem fiktionalen Genre, den der Literaturwissenschaftler Sebald unternahm: Er war weiland Dozent an der Universität von East Anglia in Norwich, die ihn 1988 auch zum Professor machte. „Jetzund kömpt die Nacht herbey“ ist zudem das einzige Filmskript, das es von ihm gibt: Sebald, der in seine Prosatexte programmatisch Fotos und Illustrationen montierte, arbeitete oft und gern mit den Kinoenthusiasten der Universität zusammen und entwickelte dabei eigenen filmischen Ehrgeiz. Und schließlich ist es auch das einzige Mal, dass er einen realen Philosophen zur Spiel- und Spiegelfigur seiner Phantasie und seiner Reflexion machte - angeregt hat ihn wohl Thomas Bernhards Theaterstück „Immanuel Kant“ von 1978, das allerdings gründlich misslang.

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