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Sexuelle Belästigung im WDR : Aufmerksam und betroffen

  • Aktualisiert am

Vorwürfen wegen sexueller Belästigung beim WDR Bild: dpa

Der WDR-Rundfunkrat hat sich mit der Aufklärung von Vorwürfen sexueller Belästigung im Sender befasst und eine Resolution verabschiedet. Mit dem Kurs des Intendanten Tom Buhrow ist das Gremium zufrieden.

          Dass sich der Westdeutsche Rundfunk leicht täte im Umgang mit den Vorwürfen sexueller Belästigung gegen inzwischen sieben Mitarbeiter, kann man schwerlich behaupten. Der Sender ringt mit der Aufgabe, den Beschuldigungen nachzugehen, die vermeintlichen Täter zu sanktionieren, aber auch die Vertraulichkeit zu wahren, die bei der Aufklärung notwendig ist, um öffentliche Vorverurteilung zu verhüten. Angesichts der Vielzahl von Hinweisen, gelingt das dem Sender kaum.

          Nach Ansicht des Rundfunkrats freilich haben die Verantwortlichen bislang alles richtig gemacht. So lesen sich jedenfalls die Bekundungen von Rundfunkräten und die Resolution, welche das Aufsichtsgremium auf seiner Sitzung vom vergangenen Dienstag verabschiedet hat. Man verfolge „aufmerksam und sehr betroffen interne und externe Hinweise auf Vorwürfe sexueller Übergriffe im WDR“, heißt es da, und setze sich „für einen Ethik- und Verhaltenskodex und ein Meldeverfahren ein, das die personenbezogenen Daten Beteiligter“ schütze. Zugleich ermutigte man die Mitarbeiter des Senders „zu einem offenen Umgang mit dem Thema (sexualisierter) Machtmissbrauch“. Den WDR-Intendanten Tom Buhrow fordern die Rundfunkräte in ihrer Resolution auf, „die Aufarbeitung bekannter Fälle sowie die Prävention sexueller und anderer Übergriffe innerhalb des WDR und im Wirkungskreis des Senders im Rahmen eines Schutzkonzeptes offensiv und vorbehaltlos voranzutreiben und notwendige Konsequenzen zu ziehen.“

          Buhrow hatte dem Rundfunkrat dargelegt, dass er seinen Kurs, „korrekt und konsequent“ Aufklärung zu schaffen, fortsetzen werde. Zugleich gehe es darum, den Schutz vor sexueller Belästigung zu verbessern. Betroffene seien aufgerufen, sich bei einer der vom Sender geschaffenen Anlaufstellen zu melden. Den Hinweisen gehe man gewissenhaft nach, es handle sich inzwischen um eine Vielzahl. „Wir dulden keine sexuelle Belästigung im Westdeutschen Rundfunk“, sagte Buhrow. Doch werde er sich „weder in einen Aktionismus hineinjagen lassen, der die Rechte von Beschuldigten missachtet, noch in eine zu zögerliche Haltung.“

          WDR-Intendant Tom Buhrow

          Den Rundfunkrat hat Buhrow mit seinen Darlegungen offenkundig überzeugt. „Wir sagen klar: Wir brauchen Maßnahmen zur Aufklärung der Lage und unterstützen den Intendanten in dieser Frage“, sagte der Vorsitzende des Aufsichtsgremiums, Andreas Meyer-Lauber im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: „Ich sage deutlich: Es ist eine ganz kleine Minderheit von Irrläufern, die da unterwegs sind“. Für annähernd hundert Prozent der Mitarbeiter gelte, dass sie Machtmissbrauch im WDR nicht tolerierten.

          Im Sender selbst stellt sich die Lage nicht ganz so widerspruchsfrei dar, wie man sie offenbar im Rundfunkrat sieht. Nach der Veröffentlichung von Vorwürfen sexueller Belästigung gegen zunächst einen ehemaligen Auslandskorrespondenten, die sich über einen großen Zeitraum erstrecken, wurde Kritik am Vorgehen der Senderführung laut: Sie habe zu spät und zu zögerlich gehandelt. Im internen Zwist über die Aufarbeitung war die Vorsitzende des WDR-Personalrats, Christiane Seitz, aus dem für solche Fälle eingerichteten „Interventionsausschuss“ zurückgetreten. Der Korrespondent, über den sich zwei Mitarbeiterinnen beschwert hatten, wurde indes inzwischen suspendiert. Freigestellt wurde auch der Fernsehspielchef des Senders, Gebhard Henke. Er ging von sich aus über seinen Anwalt an die Öffentlichkeit: Er wisse nicht, von wem ihm was vorgeworfen werde. Er wolle sich verteidigen können, was ihm aber mangels Information gar nicht möglich sei.

          Aus dem Sender hieß es daraufhin, man habe zunächst Vorwürfe zur Kenntnis genommen, die auf einem anonymen Flugblatt verbreitet wurden. Dann habe man von konkreten Beschuldigungen erfahren. Darauf habe man Henke angesprochen, der die Anwürfe zurückgewiesen habe. Um die Sache in Ruhe zu klären, habe man Henke freigestellt, eine Vorverurteilung sei damit nicht verbunden. Dies betonte auch WDR-Intendant Tom Buhrow vor dem Rundfunkrat. Für den suspendierten Fernsehspielchefs Henke gelte, wie in anderen Fällen auch, die Unschuldsvermutung. Seine Freistellung eröffne lediglich den Raum, die Vorwürfe zu prüfen. Solche sollen mehrere Frauen gegen Henke erhoben haben, unter ihnen die Moderatorin Charlotte Roche. Über seinen Anwalt hat Henke die Vorwürfe zurückgewiesen.

          Als externe Beraterin soll die frühere Gewerkschafterin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies (SPD) den Umgang des WDR mit den angezeigten Fällen mutmaßlicher sexueller Belästigung prüfen. „Wir haben nichts zu verbergen“, hatte WDR-Intendant Buhrow Ende April bei ihrer Berufung gesagt. Sie werde uneingeschränkten Zugang zu allen Informationen und Gesprächspartnern haben.

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