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„Katar – WM der Schande“ : Wie der Fußball in die Wüste kam

Die WDR-Dokuserie „Katar – WM der Schande“ packt die Facetten ihres Themas in ein Bild: Sepp Blatter, Gianni Infantino, Hamad bin Khalifa Al-Thani und die Witwe eines toten Gastarbeiters. Bild: WDR

Wenn der Ball erst rollt, tritt die dunkle Vorgeschichte der Fußball-WM in Qatar bestimmt in den Hintergrund. Die Redaktion „Sport Inside“ des WDR hält beeindruckend dagegen.

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          Doha im Januar 1993. Aufschlag Boris Becker. Erster Aufschlag, gewissermaßen. Becker, da­mals 25 Jahre alt, gewinnt die Qatar Open. Zum ersten Mal lockt der Emir die Tenniselite. Preisgeld 450.000 Dollar. Becker gibt ein Interview in einem Zelt, das mit Orientornamentik ausstaffiert ist. Die Frage des Sportreporters ist nicht zu hören, aber offenbar soll der Wimbledonsieger mal erläutern, wie es ist, an diesem exotischen Ort Tennis zu spielen. „Wir werden mit offenen Armen empfangen, sage ich mal. Ob das jetzt gestellt ist oder nicht, ist mir irgendwo auch egal. Es ist toll, es ist schön. Ich bin mir sicher, dass ich und einige andere Spieler nächstes Jahr wiederkommen werden.“ Um­schnitt, Becker sitzt auf einem Kamel, in kurzen Hosen zu Birkenstocksandalen und Tennissocken, eine Kufiya mehr schlecht als recht auf dem Kopf. Das Tier erhebt sich, rundherum ist viel Wüste.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          30 Jahre später ist die Wüste bebaut, alles glitzert, alles strahlt. Das Prinzip funktioniert besser denn je. Qatar zahlt, der Sport tanzt an. Boris Becker bekam für „umfangreiche PR-Aktivitäten“ damals ei­ne sechsstellige Summe, heißt es in der dritten Folge des Dokumentationsquartetts, das die WDR-Journalisten Benjamin Best, Robert Kempe und Jochen Leufgens unter dem Titel „Katar – WM der Schande“ zusammengestellt haben.

          Auf Becker folgt Beckham. Die eng­lische Fußball- und Werbe-Ikone David Beckham bekommt Jahr für Jahr 15 Millionen Pfund, um Qatar zu promoten. Dafür sitzt er beim Abendessen vor dem Zelt in einem Teil der qatarischen Wüste, die noch nicht bebaut ist, und kommt zur Er­kenntnis, damit an „Perfektion“ teilzu­haben. Auch eine Fußnote der Sportgeschichte: Während Beckham laufend reichlich entlohnt wird, sitzt Becker wegen Insolvenzverschleppung in London im Ge­fängnis. Aber das ist nun wirklich nicht der Fehler der Qatarer. Ihnen ging und geht es vor allem um eines: unverzichtbarer Be­standteil der globalen Sportindustrie zu werden. Mission accomplished.

          Dollarregen über Joseph Blatter

          Die WDR-Reihe aus der „Sport In­side“-Redaktion verrät schon im Titel, wie ihre Autoren auf die Krönungsmesse der qatarischen Soft-Power-Strategie schauen: „Katar – WM der Schande“. Da­bei bedienen sie sich in den ersten drei Tei­len – Die Vergabe, Die Toten, Der Plan – aus dem reichhaltigen Archivmaterial, das sich in den zwölf Jahren angesammelt hat, die seit der Vergabe der Weltmeisterschaft am 2. Dezember 2010 in Zürich vergangen sind.

          Gerade Benjamin Best, der sich seit Jahren mit einzelnen Lebens- und Todesschicksalen von Arbeitsmigranten in Qa­tar und deren Ausbeutung be­schäftigt, hat internationale Maßstäbe mit seiner Arbeit gesetzt. Davon profitiert auch der zweite Teil, der wie der Rest der Serie in der ARD-Mediathek steht und zudem an diesem Samstag im WDR-Fernsehen ausgestrahlt wird. Dass der Sender ihn wie die gesamte Reihe auf dem neuen „Sport Inside“-Sendeplatz mittags um 13.30 Uhr versteckt, spricht allerdings für sich. Zur Begründung heißt es, man sende im Umfeld von Liveübertragungen der dritten Liga. Erstklassige Recherchen im drittklassigen Umfeld also.

          Dabei lohnt diese dokumentarische Grundausbildung zum bevorstehenden Turnier schon, weil sie nicht nur Rückschau auf die Umstände der umstrittensten und teuersten Fußballweltmeisterschaft ist, die vom Internationalen Fußball-Verband in den 92 Jahren, in denen er das Turnier austragen lässt, je vergeben wurde. Gerade im ersten Teil, der sich mit den schmierig-mafiösen Strukturen des FIFA-Clans unter der Patronage von Joseph Blatter beschäftigt, bei dem die Qatarer mit ihrer Bewerbung landen konnten, finden sich Szenen, denen inzwischen zeithistorischer Unterhaltungswert zukommt.

          Wenig symbolisiert das Ende der Ära Blatter besser als die Szene, als der britische Komiker Simon Brodkin bei einer Pressekonferenz im Sommer 2015 Dollarblüten über den Schweizer regnen lässt. All das, die Geschäftsanbahnung vor der Vergabe, die Verhaftungen von Funktionären im Zürcher Baur au Lac, die strategische Meisterleistung der Qatarer, in den Schaltstellen des Fußballbusiness an die Hebel zu kommen, hat den beliebtesten Sport der Welt in den vergangenen 20 Jahren zutiefst geprägt, gerade in Europa. Längst ist die Strategie der Qatarer Blaupause für Nachbarn, deren Herrscherhäuser noch weit skrupelloser als das qatarische sind. Saudi-Arabien hätte auch gern eine Fußballweltmeisterschaft.

          Was auf die Welt zukommt, lässt sich im vierten Teil der WDR-Reihe erahnen, deren Hauptdarsteller der dauerenthusiastische FIFA-Präsident Gianni Infan­tino ist, der sich auf den Sportplätzen der qatarischen Gastgeber Pokale verleihen lässt. Was die norwegische Verbands­chefin Lise Klaveness, die ihre explizite Kritik an der FIFA und deren qatarische Partner auf dem Verbandskongress in Do­ha im März mit einem Schlag bekannt ge­macht hatte, über das Klima in Infantinos Schatten zu erzählen hat, zeigt, wie sehr sich die Betriebstemperatur herunterkühlen lässt.

          Was passt da besser als die Meldung der Statistikbehörde des Emirs in dieser Woche: 13,2 Prozent Bevölkerungszuwachs in Qatar im Jahr vor der Weltmeisterschaft. Ein Zugezogener heißt Gianni Infantino. Er lebt in Doha. Das lässt sich längst nicht über alle sagen, die zu dieser WM beigetragen haben.

          Katar – WM der Schande läuft am Samstag um 13.30 Uhr im WDR Fernsehen und findet sich in der ARD-Mediathek.

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