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WAZ-Gruppe : Nach den Zechen sterben die Zeitungen

Eine Wertevernichtung dieses Ausmaßes war für die WAZ-Gruppe bisher unvorstellbar. Vorausgegangen ist ihr das Ende des Gleichgewichts zwischen den beiden Familien: Nachdem Anneliese Brost, die Witwe des Zeitungsgründers Erich Brost, die immer schützend ihre Hand über die WR gehalten hatte, im September 2010 gestorben war, hat die Funke-Tochter Petra Grotkamp die Anteile der Brost-Enkel erworben, so dass sie über eine Mehrheit von 66,6 Prozent verfügt. Dafür musste die Frau des früheren WAZ-Geschäftsführers Günther Grotkamp Kredite aufnehmen, doch da die Eigentumsanteile nicht beliehen werden können, drängen die Banken auf eine bessere Bilanz. Für ein Unternehmen, das immer stolz darauf war, alle Investitionen aus dem Vermögen zu finanzieren, eine neue und offenbar beunruhigende Situation. Auch dass mit Thomas Ziegler ein dritter Geschäftsführer eingestellt wurde, sei, so berichten Insider, auf Druck der Geldinstitute geschehen.

Verlust einer wachen Presse

Um die Bilanz der WR zu verbessern, dürfte er kaum angetreten sein. Eher im Gegenteil. Denn dass die Zeitung, wie es in einer internen Handreichung zur „externen Kommunikation“ heißt, seit der Übernahme durch die WAZ „nie nennenswerte Gewinne“ gemacht habe und seit 35 Jahren defizitär sei, ist auch deshalb wenig glaubhaft, weil die SPD-Medienholding DDVG, die 13,1 Prozent der Anteile hält, bis Anfang des neuen Jahrtausends eine hohe Rendite eingestrichen hat. Was seitdem geschieht, kann wohl auch der Minderheitseigner nicht durchschauen: Die Geschäftsleitung bilanziert die vier Titel nicht mehr einzeln, und durch Dienstleistungsumlagen innerhalb des Gesamtkonzerns lässt sich für die WR ein Verlust herbeirechnen.

Die Schließung der Redaktion trifft Dortmund hart. Denn die WR war lange die bessere und, trotz SPD-Nähe und -Beteiligung, gegenüber der von Sozialdemokraten beherrschten Stadtverwaltung kritischere und engagiertere Zeitung. Die mit 580 000 Einwohnern achtgrößte Stadt in Deutschland hat in den letzten Jahren auch durch Filz und Affären wie das vor der Kommunalwahl 2009 vom SPD-Oberbürgermeister verschwiegene Haushaltsloch von sich reden gemacht, die ohne eine wache Presse nicht ans Licht gekommen wären. Es war der WR-Redakteur Klaus Brandt, dessen Recherchen 2010 den Umweltskandal der Entsorgungsfirma Envio aufdeckten.

Es fehlt: Kulturelles Reizklima

Aber Dortmund ist auch eine Stadt mit harten Bruchkanten und starkem Süd-Nord-Gefälle, zu deren Zusammenhalt die Zeitung beiträgt. Die Leserschaft teilt sich in zwei Lager: das linksliberale der WR und das bürgerlich-konservative der RN. Der frühere WR-Chefredakteur Frank Bünte (1988 bis 2004) befürchtet, dass ein Teil der WR-Abonnenten den RN-Lokalteil ablehnen wird: „Nicht die Auflage“, so seine bittere Prognose, „sondern die Zahl der Nichtleser wird steigen.“ Dass in Dortmund künftig keine zwei verschiedenen Zeitungen mehr erscheinen, bedeutet einen Verlust an journalistischer Qualität, Meinungsvielfalt, Wettbewerb, Unabhängigkeit und Urbanität: kulturelle Verarmung.

Während die Parteien darüber streiten, wie das Ruhrgebiet Stadt- und Verwaltungsgrenzen überwinden und wieder zum Kraftzentrum werden kann, während der Regionalverband Ruhr die „Metropole Ruhr“ propagiert, während alle paar Wochen eine Tagung über „Ruhrbanität“ ausgerichtet wird, setzt die WAZ-Gruppe, deren Zeitungen darüber berichten, medienpolitisch ein gegenläufiges Signal und stellt die Weichen in Richtung Provinz. Im Interesse der Region ist das nicht. Im Interesse der WAZ, so sie „die Zeitung des Ruhrgebiets“ bleiben will, auf mittlere Sicht vielleicht auch nicht. Der neue „Ausbildungsbürger“ ist nicht mehr in einer Stadt, sondern in der Region zu Hause: Er hat in Duisburg studiert, wohnt in Herne, arbeitet in Dortmund, geht auf Schalke zum Fußball, in Bochum ins Theater und in Essen in die Oper. Dass diese Bevölkerungsgruppe seit zwei Generationen wächst, wird von den Zeitungen der WAZ-Gruppe nicht abgebildet. Ob in Gelsenkirchen-Buer oder Bochum-Wattenscheid: am meisten monieren die Leser, dass sie in ihrer Lokalzeitung nichts darüber erfahren, was in der Nachbarstadt passiert.

Als Peter Zadek Ende 1976 seinen Abschied aus Bochum ankündigte, sagte er in einem Interview mit der WAZ: „Es gibt keine Stadt in Deutschland, die mehr für ihr Theater tut als Bochum. Trotzdem vermisse ich die Großstadt.“ Mehr Dialog, mehr Widerspruch, mehr Konkurrenz wünschte er sich damals. Die Desiderate bestehen bis heute - in Bochum und im anderthalbmal so großen Dortmund erst recht. Dem Ruhrgebiet fehlt ein kulturelles Reizklima. Solange das so bleibt, wird es sich schwer damit tun, als Kulturlandschaft attraktiv zu erscheinen und stärker wahrgenommen zu werden.

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