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Was will Facebook von uns? : Das ist "ultradreist"

Versammelt sämtliche Benutzerdaten und wird bald jedem Facebook-User aufgezwungen: die neue „Timeline“ Bild: dapd

Google und Facebook haben ihre Nutzer im Griff: den digitalen Umstrukturierungen zwecks noch mehr Einblick in die Datensphäre des Einzelnen hat scheinbar auch die Politik nichts entgegenzusetzen.

          Das höchste Gut der Giganten im Internet ist der Nutzer. Ihm das Leben so leicht wie möglich zu machen ist vorgeblich Sinn und Zweck all dessen, was Google, Facebook und Co. unternehmen. Das Dumme ist nur, dass sie dafür immer mehr Daten brauchen und immer genauere Datenprofile erstellen. Was den für sie nicht unangenehmen Nebeneffekt hat, diese Profile immer passgenauer mit Angeboten verknüpfen zu können, mit Werbung, die für Milliardenumsätze sorgt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In diesem Sinn sind die jüngsten Schritte der Konzerne zu verstehen: Google bündelt alle Informationen, die Nutzer bei den verschiedenen Diensten hinterlassen und wertet diese gesammelt aus. So wird Google zum perfekten Assistenten, aber auch zum allwissenden großen Bruder. Facebook verpasst allen Nutzern die umstrittene „Timeline“, die Chronik, in der sämtliche jemals eingegebenen Informationen zu finden sind. Sieben Tage haben die Nutzer Zeit, ihre Bestände auf Dinge hin zu durchforsten, die sie nicht in der „Timeline“ finden möchten. Wie bei Facebook üblich wird die Zwangsveranstaltung im konzerneigenen Blog so euphemistisch wie möglich angekündigt. „Timeline: Now Available Worldwide“. Doch ist die Chronik nicht bloß „erhältlich“, Millionen von Nutzern wird sie aufgezwungen - „everyone will get timeline.“ Punkt.

          Politisch bleiben die Konzerne immer noch unbehelligt

          Das Maß der Entmündigung, mit dem man sich als angemeldeter Nutzer von Google oder Facebook abfinden muss, ist schon bemerkenswert. Es sei ja niemand gezwungen, sich dem zu unterwerfen, lautet das Argument derer, die vor allem die Vorteile sehen wollen. Doch lautet die Alternative dann: ganz oder gar nicht. Entweder lebt man mit oder ohne Google und Facebook. Dass es bei Google und Facebook mit weniger Datenspeicherung und vor allem mit Transparenz gehen könnte, ist nicht vorgesehen.

          Die Debatte darüber läuft regelmäßig ins Leere, zeitigt zumindest politisch keine Konsequenzen. Während Politiker, Datenschützer und Kartellrechtler sich auf die Regelung der Bereiche beschränken, die aus der analogen in die digitale Welt übergesiedelt sind - wie etwa der Presse und dem Rundfunk im Internet, bleiben die globalen Datenschleudern unbehelligt. Bei Google galt zum Beispiel bis dato die eherne Regel, dass die in den einzelnen Google-Diensten erhobenen Daten auch dort bleiben. Jetzt werden sie auf einen Haufen getürmt mit dem Argument, dass an die Stelle von siebzig Datenschutzbestimmungen nur eine einzige trete, die Suchergebnisse noch besser würden und Google die Daten nicht nach außen gebe. Doch dürfen sich die Nutzer dessen sicher sein? Und was ist aus dem Versprechen von Facebook geworden, den Nutzern zu offenbaren, welche Daten und Informationen von ihnen vorhanden sind?

          Trügerisches Einlenken vor neuen Projekten

          „Das Verhalten von Facebook“, sagt der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert im Gespräch mit dieser Zeitung, „ist ultradreist.“ Es stehe „in absolutem Widerspruch zu den Zusicherungen, die der Konzern dem irischen Datenschutz gegenüber gemacht hat. Diese lauteten nämlich, dass bei einer Veränderung der Profileinstellungen die Einwilligung des Nutzers eingeholt wird. Jetzt wird die ,Timeline’ allen Facebook-Nutzern aufgezwungen.“

          Das passt ins Bild, das Facebook seit jeher abgibt - auf eine Phase vermeintlichen Einlenkens folgt der nächste Schritt, durch die Hintertür. Der Datenschutzbeauftragte Weichert kann ein Lied von den Datensammlern singen: Er hatte darauf gedrungen, dass Websites nicht einfach über einen Button eine Verbindung zu Facebook herstellen dürfen, weil die Daten des Sozialnetzwerks in den Vereinigten Staaten gespeichert werden und es den Nutzern gegenüber an Transparenz fehlt. In einem Gespräch mit dem Facebook-Manager Richard Allan hatte Weichert vorgetragen, es müsse die Regel sein, dass die Nutzer für jegliche Datenweitergabe erst aktiv einwilligen. Was geschieht? Das Gegenteil, die „Timeline“ kommt, zwangsweise für alle. Der „Unterausschuss Neue Medien“ des Bundestages hatte sich zwischenzeitlich schwer erregt, die Sache aber in der Hoffnung auf eine gesamteuropäische Regelung vertagt. Doch wann kommt die?

          Der Mensch verkommt zum Datensatz

          Was Google angehe, sagt der Datenschützer Weichert, stelle die Zusammenführung aller Nutzerdaten ein „großes Problem“ dar, habe Google doch „bislang immer behauptet, dass die einzelnen Funktionalitäten der verschiedenen Dienste streng voneinander getrennt wären. Jetzt vollzieht Google die Vereinigung aller Daten und hofft, wegen des angeblichen Nutzens für die User, auch noch auf den Segen der öffentlichen Wahrnehmung. Der Schritt hat aber gravierende Konsequenzen - Google kann jetzt erst recht umfassende Profile der Internetnutzer erstellen.“

          Dass der Mensch zum „Datensatz“ werde, ist an dieser Stelle schon festgestellt worden. Die Konzerne schnüren den Sack immer fester. Angesichts der Politik von Google und Facebook erhält der Begriff „Vorratsdatenspeicherung“ ganz neue Bedeutung.

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