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Republica Remote : Wie weit ist die Zukunft?

Moderatorin Geraldine de Bastion präsentierte die Grußadressen vor einem etwas speziellen Studiohintergrund. Bild: Screenshot Youtube

Wenn irgendeine Konferenz sich geräuschlos ins Internet verlegen kann, dann die Republica. Oder? Zumindest lieferte der Versuch wertvolle Erkenntnisse für Nachahmer.

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          Sechsunddreißig Werktage hatten die Macher der Republica Zeit, die Medienkonferenz umzubauen: Rein digital musste sie in diesem Jahr stattfinden, eingedampft auf einen einzigen Tag. Kein Hof zum Austausch, keine Foodtrucks, kein Marktplatz – alles, was schon geplant war, musste abgesagt oder umgeplant werden. „Wir waren fast fertig!“, sagt Mitgründer Markus Beckedahl, und in dieser Aussage spiegelt sich der ganze Schmerz aller, die nun wegen Corona ihre schönen beruflichen oder privaten Pläne ad acta legen müssen. Übrig blieben für die Republica 2020 im Internet immerhin 71 Stunden Programmlänge auf mehreren Kanälen, die mehr als Hunderttausend Mal aufgerufen wurden.

          Julia Bähr

          Audience Managerin bei FAZ.NET.

          Genau das war aber auch das Problem. Die eigens geschaffene Streamingseite war pünktlich zum geplanten Beginn down, und auch die Republica-Seite selbst konnten Besucher über Stunden nicht aufrufen. Lediglich über Youtube ließen sich die einzelnen Channels anschauen. Der einfachste Weg dorthin wiederum führte über einen Tweet der Republica, in dem Links gepostet worden waren, und ein Konferenzteilnehmer hatte zuvor bereits ein pdf des Programms online gestellt – eigentlich zum Ausdrucken, nun war es die beste Orientierung, wann es sich lohnen würde, zu welchem Kanal zu gehen. Eine wertvolle Lehre für die Community: Es lohnt sich, vorher alle Links zu speichern und sich nicht darauf zu verlassen, dass alles weiter erreichbar bleibt.

          Wer schließlich doch zur Eröffnung fand, musste rasch eine Sonnenbrille suchen. Reizüberflutung sei die Kernkompetenz der Republica, sagte Programmdirektorin Alexandra Wolf später, und das war nicht zu übersehen: Der digitale Studiohintergrund sah grausig aus. Eine gelbe Weltkugel drehte sich permanent auf rotem Grund, Laufbänder füllten die Hälfte des Bildes. Zwischen den Vorträgen und Gesprächsrunden wurde ein ähnlicher Screen eingeschaltet, der blinkte und leuchtete, als hätte man den Times Square eingedampft und abgefilmt. Alles sah genauso aus, wie man sich früher die Zukunft vorstellte, nur dass man dabei irgendwie nie in Betracht gezogen hat, dass Menschen der Zukunft auch nur eine begrenzte Zahl von Reizen verkraften können. Manchmal müssen ironische Statements eben wehtun.

          Alles dreht sich, alles bewegt sich: Wo hier ein leeres Studio zu sehen ist, liefen teilweise noch Videos.
          Alles dreht sich, alles bewegt sich: Wo hier ein leeres Studio zu sehen ist, liefen teilweise noch Videos. : Bild: Screenshot Youtube

          ASAP – as soon as possible: Dieses Motto stand auch dafür, dass die Konferenz so bald wie möglich wieder im analogen Raum stattfinden möge. Ein nachvollziehbares Ziel, zumal die Finanzierung ganz ohne Ticketverkäufe dauerhaft wohl nicht funktionieren würde. Aber es wäre falsch, zu behaupten, eine digitale Konferenz hätte keine Vorteile. Auch das sollte jeder in Betracht ziehen, der künftig vor der Entscheidung steht, seine Veranstaltung im Internet stattfinden oder ausfallen zu lassen: Online kann man auch mal ein bisschen später kommen und zum Anfang zurückgehen, auf diese Weise verpasst man weder etwas, noch verschwendet man Zeit beim Anstehen, das sonst oft nötig ist, weil viele Vorträge und Panels bei der Republica so begehrt sind, dass man kurzfristig nicht reinkommt. Trotzdem kam es am Ende im Channel 2 zu einer halben Stunde Verspätung, die Verschiebungsfolklore solcher Veranstaltungen geht also nie ganz verloren.

          Eine weitere Lehre zeigte sich vor allem bei den Live-Videos, aber auch bei einigen aufgezeichneten Beiträgen: Viele Vortragende waren vor der Kamera deutlich aufgeregter als vor Publikum. Das Sprechen in eine Blackbox, die nicht mal auf den lustigsten Witz irgendwie reagiert, ist ein verdammt harter Job und kann jeden verunsichern, der es gewohnt ist, vor Menschen zu sprechen. Es muss geübt werden. Außerdem konnte man aus den Schalten in diverseste Wohn- und Arbeitszimmer lernen, dass der Hintergrund zwar nicht aufgeräumt sein muss – aber wenn er spannender ist als der Vortrag, kleben die Augen schon mal am Bücherregal und versuchen, die Titel zu entziffern. Den zweifellos besten Hintergrund des Tages konnte die Politökonomin Maja Göpel vorweisen, die vor einer auf die Wand gemalten Blumenwiese über die Klimakrise sprach.

          Erholung für die Augen: Maja Göpel sprach nicht vor chaotischen Bücherregalen und bildete damit eher die Ausnahme.
          Erholung für die Augen: Maja Göpel sprach nicht vor chaotischen Bücherregalen und bildete damit eher die Ausnahme. : Bild: Screenshot Youtube

          Die Chats neben den Youtube-Videos blieben nach der Eröffnung ausgeschaltet, was sicher eine gute Entscheidung war. Stattdessen gab es auf der Republica-Seite, so sie denn erreichbar war, die sogenannten Deep Dives, wo man sich anschließend auch noch mit den Speakern austauschen konnte. Mehrere Hundert Beiträge in diesen Diskussionsforen konnte die Seite am Ende verzeichnen. Auch wenn die überlasteten Streams die Foren mit in den Abgrund gerissen hätten, wäre die Zahl wohl höher gewesen, wenn beides auf einer Seite zu finden gewesen wäre.

          Inhaltlich bot die Republica erfreulich vieles, was gerade topaktuell geworden war. Die Berliner Stadtreinigung präsentierte eine App, mit der sie seit 2018 ihre interne Kommunikation organisiert, während die Mitarbeiter über die ganze Stadt verteilt arbeiten. Sie ersetzt ein Intranet, einen Messenger und ein schwarzes Brett, zudem kommen regelmäßige Infos vom Vorstand – gerade in der Corona-Krise sicher ein interessantes Vorbild für viele Firmen. Eher spezialisiert waren dagegen die Gespräche, in denen erörtert wurde, wie Unternehmen, Politik und Verwaltung die Pandemie als Chance zur weiteren Digitalisierung nutzen könnten.

          Datenschutz-Expertin Katharina Nocun und Psychologin Pia Lamberty sprachen über Verschwörungsideologien, die derzeit ein ungewöhnliches Hoch erleben. „Wir hätten uns gewünscht, dass das Thema nicht so aktuell wäre, wie es in den letzten Wochen geworden ist“, sagte Nocun. Sie zeigten Aufnahmen der Corona-Demos in Berlin von Leuten, die denken, das Virus sei ungefährlich und werde nur vorgeschützt, um das Volk zu unterdrücken, und nebenbei die Shoah relativierten. Ihre Aussagen ordnet Nocun verschiedenen Gruppen zu, die hier in ungekannter Diversität zusammenfinden: Reichsbürger, Impfgegner, Antisemiten, Rechtsextreme. Ein paar Dinge, analysiert Nocun, haben sie alle gemeinsam: Die starke Ablehnung von wissenschaftlichen Methoden, gern verknüpft mit der Behauptung, alle Wissenschaftler seien Teil einer Verschwörung, und die Überzeugung, Medien und Politik steckten unter einer Decke. Diese Verschwörungserzählungen können als Radikalisierungsbeschleuniger wirken, sagt Nocun: Viele Attentäter der letzten Jahre berufen sich auf angebliche Verschwörungen, die sie durchschaut zu haben glauben.

          Aber weil die Republica nicht nur eine Konferenz mit lehrreichen Vorträgen ist, sondern auch das Klassentreffen des Internets, wurde nicht auf die Tradition verzichtet, am Ende gemeinsam „Bohemian Rhapsody“ von Queen zu singen. Nur eben diesmal nicht im gleichen Raum – viele Teilnehmer hatten vorher Bild- und Tonaufnahmen von Gesang und Instrumenten geschickt, die Mitgründer Johnny Haeusler zu einem Video zusammenbastelte. Auf Twitter floss die Community über vor Rührung und vor Freude, den einen oder die andere wiedererkannt zu haben. Wahrscheinlich ist das fast das Wichtigste, was andere Konferenzveranstalter von der Republica 2020 lernen können: Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu vermitteln, das geht auch digital. Wenn man zu Nachtschichten vor einem Schnittprogramm bereit ist.

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