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Der Fall Julian Reichelt : Was uns der Rauswurf des Bild-Chefs sagt

Julian Reichelt Bild: picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ist seinen Job los. Bei seinem Betragen ist das nur angemessen. Springer-Chef Döpfner hält ihn indes für einen „Rebellen“. Das ist der falsche Begriff.

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          Am Tag danach ist die Welt für den Springer-Verlag noch nicht wieder in Ordnung. Am Tag nach dem Rauswurf des Chefredakteurs der Bild-Zeitung, Julian Reichelt, dem Machtmissbrauch und sexuelle Beziehungen zu von ihm abhängigen Mitarbeiterinnen vorgeworfen werden, stellt sich vielmehr die Frage, wieso Reichelt bis Montag noch auf seinem Posten war.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er hat offenbar den Vorstand belogen und so weitergemacht wie vor dem überstandenen Compliance-Verfahren im Frühjahr. Da hatte er sich entschuldigt und gelobt, geläutert zu sein. Der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, hielt zu ihm. Dass er große Stücke auf Reichelt hält, ist noch der Erklärung zu seiner Ablösung zu entnehmen. Er habe „Bild journalistisch hervorragend entwickelt und mit Bild Live die Marke zukunftsfähig gemacht“, heißt es da. „Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei Bild gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich.“

          „Kulturelle Erneuerung“?

          Das mit der „kulturellen Erneuerung“ liest sich ziemlich schal angesichts der Vorwürfe, die besagen, dass der Chefredakteur jungen Kolleginnen nachgestellt, sie hofiert, gefördert, aber zugleich auf die Karrierecouch gebeten hat. Chefs, die sich so verhalten und ihre Macht missbrauchen, sind in jeder Verantwortungsposition fehl am Platz, nicht nur bei der Bild, nicht nur bei Springer, nicht nur in einem Medienunternehmen.

          Dass die Geschichte, die Reichelts Sturz beförderte, in der New York Times stand, verweist zwar darauf, dass man sich bei Springer bewusst ist, dass ein Unternehmen mit großen Aspirationen (zuletzt unterstrichen durch den Kauf von Politico) auf den amerikanischen Markt dort keine Chance hat, wenn es von einer Missbrauchs-Führungskultur geprägt ist.

          Doch das sollte auch hier gelten. Und wer weiß, ob die Recherche des Investigativ-Teams aus dem Ippen-Verlag, die in der Frankfurter Rundschau erscheinen sollte und die der Verleger Dirk Ippen mit fadenscheiniger Begründung höchstpersönlich einkassierte, nicht mit etwas Verzögerung erschienen wäre und allein schon Reichelts Sturz bewirkt hätte: Erst durch Rechercheanfragen wurde man bei Springer wieder aktiv und gelangte zu neuen „Erkenntnissen“.

          Details dazu kann man bei Spiegel online nachlesen, wo man die Recherche der für Ippen arbeitenden Journalisten übernimmt und die Autoren auch nennt. Das ist eine ziemlich einmalige Zusammenarbeit, die für den Journalismus in diesem Land spricht, für Rechercheure, die sich sogar gegen den obersten Chef behaupten. Der Verleger Ippen steht indes mit dem Bekenntnis, man habe nicht den Eindruck vermitteln wollen, einem Konkurrenten in die Parade zu fahren, ziemlich düpiert da. Einen solchen Verleger wünscht sich kein Journalist. Dass es von der Ippen-Gruppe jetzt heißt, man wolle die Recherche vielleicht doch noch bringen – ein Sprecher sagte dem Evangelischen Pressedienst, man prüfe, „wann und wie wir eine Veröffentlichung publizieren“ –, macht die Sache nicht besser.

          Häme gibt es jetzt preiswert

          Die Häme indes, mit welcher ein Großteil der Journalistenblase den Sturz des Julian Reichelt begleitet, ist ziemlich preiswert. An der Bild-Zeitung arbeitet sich die ganze Szene täglich ab, an diesem Chefredakteur sowieso, mit seinen zahllosen Attacken und maßlosen Kampagnen, etwa gegen den Virologen Christian Drosten, um nur eine zu nennen. Reichelt, hieß es im Deutschlandfunk, sei als so etwas wie der „Quartalsirre“ der Branche wahrgenommen worden. Das trifft es ganz gut, auch wenn man das Verdikt aus dem glatt geschliffenen öffentlich-rechtlichen Rundfunk vernimmt. Reichelt tobte durch die Landschaft, kannte kein Maß, war aber zugleich, ging es um die Frage nach seinen – professionellen – Methoden, eine Mimose.

          Für Mathias Döpfner indes ist er ein „Rebell“, der Einzige, der gegen „den neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ aufbegehre, „fast alle anderen“ seien „zu Propaganda-Assistenten“ geworden. Damit schießt der Springer-Vorstandsvorsitzende deutlich über das Ziel hinaus. An der Beobachtung, dass es im Land zu viel Anpassung, Duckmäusertum und zu wenig Widerrede gebe, dass die meisten Journalisten gerne mit der Meute jagen und sonst gar nicht und Freude daran haben, sich gegenseitig zu bestärken, wäre etwas dran. Das kann man im Fall von Julian ­Reichelt jetzt wieder sehen. Ein Verhalten, wie es dieser ehemalige Chefredakteur an den Tag gelegt hat, rechtfertigt das freilich in keiner Weise. Das sollten auch die verstehen, die Reichelt auf Twitter und sonst wo Solidaritätsadressen schicken. Wer ein Rebell sein will, benimmt sich nicht wie ein Diktator.

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