https://www.faz.net/-gqz-a1op8

„QAnon“-Bewegung : Sie verehren Donald Trump wie einen Heiligen

  • -Aktualisiert am

Es ist eine abgedichtete Welt, immun gegen jede Gegenargumentation: Das Q ist das Erkennungszeichen der QAnon-Anhänger. Bild: AFP

Twitter löscht die Botschaften der „QAnon“-Bewegung. Die Verschwörungstheorie erreicht mittlerweile höchste Kreise. Was steckt dahinter?

          4 Min.

          Als Twitter kürzlich siebentausend Konten löschte, die sich mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien rund um ein Phänomen mit dem kryptischen Namen „QAnon“ beschäftigten, mag sich mancher gefragt haben, was es damit auf sich hat – und warum offenbar demnächst auch Facebook gegen Verschwörungstheorien antritt, die neben Katzen-Memes und sogenannten Fail-Videos – Mitschnitten drastischer Missgeschicke – fester Bestandteil der Unterhaltung in den sozialen Netzwerken sind.

          Die Antwort ist: Es handelt sich um einen Weltrettungskult des Medienzeitalters, der seinen Mitgliedern mit Hilfe geheimnisvoller Botschaften fragwürdige Zusammenhänge nahelegt und zu einer quasipolitischen Bewegung unter den Anhängern von Donald Trump mutiert ist.

          „QAnon“ steht für einen Anonymus, der Ende Oktober 2017 auf dem Message-Board 4Chan die bevorstehende Festnahme von Hillary Clinton und massive Ausschreitungen prophezeite. Die Posts enthielten ein militärisch anmutendes Stakkato voller Abkürzungen. Ihr Verfasser suggerierte, er sei ein hochrangiger Geheimoffizier mit sogenannter „Q“-Freigabe, die Zugang zu Hochsicherheitsinformationen im Energieministerium, darunter auch Nuklearwissen, gewähre. „Der Tonfall ist verschwörerisch bis hin zum Klischee“, schrieb die Zeitschrift „The Atlantic“. Zu den Erkennungsphrasen der Bewegung zählen „Nichts kann stoppen, was kommt“, oder „Vertraue dem Plan“, oder „Gott gewinnt“.

          Zentrale Themen der Trump-Rhetorik

          Clinton wurde nicht verhaftet, aber die kryptischen Botschaften („Wo ist Huma?“ „Was ist der militärische Kodex?“) wurden von zwei 4Chan-Moderatoren und einer Youtuberin aufgegriffen, die das Ganze zu einer umfassenden Mythologie (und einem Geschäftsmodell mit weitreichendem Merchandise) ausbauten und dem Phänomen aus einer dunklen Ecke des Internets via Reddit und Facebook Resonanz verschafften – vor allem bei Trump-Anhängern. In der QAnon-Welt geht es um zentrale Themen der Trump-Rhetorik: die Medien als Lügen-Apparat, deren eigentliches Bestreben es ist, die Wahrheit zu verschleiern; die amerikanischen Sicherheitsbehörden als sogenannter „Deep State“, in dem sich die wahren Strippenzieher verschanzen; Experten und Wissenschaftler als dubiose Interessenvertreter und Erfüllungsgehilfen dunkler Mächte; gegnerische Politiker, ganz besonders Hillary Clinton, als Kriminelle, hier: Betreiber von Kinderpornoringen.

          F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

          Samstags um 9.00 Uhr

          ANMELDEN

          Fieberhaft deuten die Anhänger Qs sogenannte „Drops“, also neue Posts, aus. Man interpretiert Gesten von Prominenten, Buchstaben- und Zahlenfolgen von Tweets und Facebook-Posts, verknüpft Ereignisse in Politik, Wirtschaft und Unterhaltung zu immer neuen atemberaubenden Bestätigungen des bereits Vorausgesetzten (erstaunlicherweise ist hier der Verweis auf Mainstream-Medien unproblematisch). „Q kann nur durch hochgradig kritisches Denken verstanden werden“, erklärte die Website „Zerohedge“, „die Essenz der Q-Bewegung ist, für sich selbst zu denken.“

          Dabei ist die Story, die hier verkauft wird, simpel: Hochrangige Militärs und/oder Donald Trump kämpfen gegen eine internationale Clique moralisch verkommener Strippenzieher. Indem „Q“ krümelweise Hinweise und Tipps veröffentlicht und normale Bürger „ermächtigt“, diese Informationen weiterzugeben, wird der Schattenregierung die Macht genommen und Frieden und Gerechtigkeit können – im Anschluss an ein episches „Erweckungsereignis“ – endlich einkehren.

          Der Präsident ist für die QAnon-Anhänger eine Heiligenfigur. Ein Fototermin im Oktober 2017, auf dem Trump einen Kringel in die Luft malte und fragte: „Wissen Sie, was das hier repräsentiert? Die Ruhe vor dem Sturm“, wurde zum Offenbarungsmoment der Verschwörungstheoretiker. Manche meinen, Trump selbst sei Q.

          Mehr als eine Desinformations-Posse

          Als Trump zu einer Coronavirus-Pressekonferenz eine gelbe Krawatte trug, wurde das als Geheimzeichen interpretiert, das Virus sei eine Ente – eine gelbe Flagge ist ein Marinesignal, dass ein Schiff frei von Infektionskrankheiten ist. Q befand inzwischen, das Virus sei echt. Aber man müsse es nicht fürchten, nur weil die Demokraten es zur Erzeugung einer Massenhysterie nutzten. Die in Amerika weitverbreitete Weigerung, Masken zu tragen, hat unter anderem hier ihren Ursprung.

          Und so ist QAnon mehr als eine weitere Desinformations-Posse, wie sie das Internet kennt – etwa in Form der auf Facebook und Twitter kursierenden Meldungen, die in das Wespennest der Hillary-Clinton-Hysterie stechen. Ein vermeintliches Nachrichtenstück mit dem Titel „Kenneth McCormick, Ermittler gegen die Clinton Foundation, tot aufgefunden“, das die Polizei von South Park, Colorado, zitierte, fand in rechten Kreisen weite Verbreitung, bis Nutzer anmerkten, dass in der Animationsserie „South Park“ eine Figur namens Kenny McCormick routinemäßig zu Tode kommt.

          Harmlos sind solche Satiren indes nicht. Kürzlich lockte Adam Rahuba mit gefälschten Facebook-Posts über eine angebliche Antifa-Flaggenverbrennung zum Nationalfeiertag Hunderte rechtsradikale Milizionäre nach Gettysburg, die amerikanische Symbole notfalls mit Waffengewalt verteidigen wollten. Und der QAnon-Fanatismus führte unter anderem zu Polizeischutz für Anthony Fauci, einer der führenden Immunologen Amerikas und Mitglied von Trumps Coronavirus-Arbeitsgruppe. Er war als „Schwarzhut“, also Unterstützer der kriminellen Kinderschänder-Weltverschwörung, diffamiert worden.

          Längst salonfähig geworden

          Reddit sperrte im März 2018 den Kanal CBTS (für „Calm Before The Storm“, ein beliebter QAnon-Halbsatz) mit mehr als 20.000 Abonnenten wegen „Anstiftung zur Gewalt“ und „Veröffentlichung vertraulicher persönlicher Informationen“. Das FBI stufte die Bewegung im vergangenen Jahr als terroristische Gefahr im Inland ein. Der „Atlantic“ zitierte den ehemaligen Betreiber der Website 8chan (sie musste dichtmachen, nachdem mehrere Amokläufer vor ihren Taten dort Manifeste posteten), er sorge sich darüber, dass es bei einer möglichen Wahlniederlage Trumps im Herbst Gewaltakte von QAnon-Anhängern geben könnte. „Patrioten kämpfen“ gehört zu den Schlagworten der Bewegung. Aber längst ist QAnon auch unter politischen Entscheidungsträgern salonfähig. Donald Trump und sein Anwalt Rudy Giuliani haben mehrfach QAnon-Tweets weiterverbreitet, nach einer Zählung von „Media Matters“ sind mindestens 35 ehemalige oder derzeitige Kandidaten für den Kongress Anhänger von QAnon.

          „Do your own research“, „recherchier selbst“, ist eine vielgehörte, völlig ironiefreie Aufforderung, den Zirkelschlüssen der QAnon-Verschwörungstheoretiker zu folgen. Es ist eine abgedichtete Welt, immun gegen jede Gegenargumentation: Wer QAnon nicht folgt, ist Opfer jener Desinformation, die von den dunklen Mächten verbreitet wird. Es ist die Traum-Logik jedes Autokraten.

          Jetzt mit F+ lesen

          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.