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Jugendangebot „funk“ : Sende für keinen über dreißig

Hexadezimale Zahlen und sehenswerte Serien: „Funk“ ist Fundgrube und Talentschmiede. Bild: funk/David Brückner und Niclas de Leval Jezierski

Mit „funk“ haben die öffentlich-rechtlichen Sender eine Plattform für junge Leute im Netz geschaffen. Sie ist gedacht für die Generation, die kein Fernsehen mehr schaut. Aber was läuft da eigentlich?

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          In Elfenbeintürmen verstehen sie kaum etwas von Menschen unter dreißig. Dabei wohnte schon in Michael Endes unendlicher Geschichte die kindliche Kaiserin in einem solchen Turm. „Tu was Du willst“ steht auf der Rückseite ihres Amuletts, mit dem Endes Held Bastian Balthasar Bux durch Phantásien zieht. In Deutschland heißt das Wunsch-Refugium Bonifazius-Turm A, steht in Mainz und ist seit Neuestem eng mit der unendlichen Geschichte des öffentlich rechtlichen Rundfunks verknüpft. Auf dass sie nicht endlich werde: Denn dort entsteht „funk“ – ja, das muss wohl klein geschrieben werden, weil wegen Internet.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass der Name „funk“ Programm sei, würde man nicht unbedingt sagen. Er klingt eher nach einer Beschwichtigung für die öffentlich-rechtlichen Mütter vom guten alten „Rund-Funk“. Neben ihrem Programm wirkt das internetbasierte „Content-Netzwerk“, das junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren ansprechen und gleichzeitig „eine Stimme geben“ soll, schon ziemlich revolutionär. Seit dem 1. Oktober können all die lustig-aufgeklärten Menschen unter dreißig (auch die darüber) die wie Konfetti ins Netz gestreuten Clips – auf der „funk“Website, der App und über Drittanbieter wie Facebook, Youtube, Snapchat – konsumieren.

          Die 45 Millionen Euro, die das im Jahr kostet, fließen in hexadezimale Farben, den Ankauf durchaus sehenswerter Serien (meist aus dem Hause BBC) und in vierzig Minisendereihen, genannt, „Formate“. Es ist ein reichhaltiges Bildbuffet, das den vielen jungen Menschen mit kürzer werdender Aufmerksamkeitsspanne im Netz aufgetischt wird. Dabei führen jene „funk“-Trailer, die aussehen wie Internetkollagen aus den nuller Jahren und verkünden, das „Internet ist vorbei“, gewollt in die Irre. Denn für die Öffentlich-Rechtlichen hat es gerade erst begonnen.

          Titel, die auf den ersten Blick etwas bemüht wirken

          Läuft bei denen. Aber was eigentlich? Inhalte, welche die Macher in die drei Kategorien „Orientieren, Informieren, Unterhalten“ unterteilt haben. In der Realität ist die Reihenfolge allerdings umgekehrt – Unterhaltung steht vorne an. Doch es sieht nicht so schwerfällig aus, wie es zunächst klingt. Warum ist das überraschend? Weil gerade die Zielgruppe aus dieser Richtung nicht mehr so viel frischen Wind erwartet hat. Auch wenn das Logo, dessen Farben frech aus der Uni-Cafeteria in Siegen kopiert wurden, abschreckt. Aber es ist ja immer nur kurz am Ende der ein- bis zehnminütigen Videos zu sehen, die in Formaten daherkommen, die Namen tragen wie „Bohemian Browser Ballett“, „Tourettikette“, „1080 Nerd Scope“ und „LiDiRo“. Die Titel wirken auf den ersten Blick etwas bemüht, die Redaktion des „Neo Magazin Royale“ hätte sie nicht einmal im Pep-Rausch ersonnen. Aber auch das muss niemanden abschrecken. Es ist ein wenig, als hätten die „funk“-Macher das aktuelle Gewese um „Craft“-Bier auf die Videoproduktion übertragen: Vieles versprüht den Charme von Unfertig und Selbstgemacht. Die Youtuber, die den Laden schmeißen, schalten und walten, ohne dass der Zuschauer die Fingerabdrücke der Redakteure zu sehen bekommt.

          Funker: Die versammelten Moderatoren, Produzenten und Verantwortlichen für „funk“.

          Dem Stand-up-Comedian Moritz Neumeier hat man nur die Zigarette weggenommen und ihm eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt. Sein Videoblog, in dem er sich lässig zu aktuellen und weniger aktuellen Themen wie Kritikern, Wiedervereinigung und anderen Schmerzfeldern äußert, ist nun rauchfrei, aber immer noch treffsicher und heißt jetzt eben „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“. Statt Zigaretten. Allein die Themen, zu denen Neumeier seinen Kaffee schlürft, wechseln. Das wirkt wunderbar unaufgeregt.

          Vorbereitung auf Katastrophenfälle wie radioaktive Verseuchung oder die Zombieapokalypse

          Rauchen darf im Bild nur Ronja von Rönne. Die Berliner Journalistin und Schriftstellerin trifft in dem Minireportageformat „Jäger und Sammler“ in einer der ersten Folgen einen Menschen, der gigantische Vorräte anlegt, um auf Katastrophenfälle wie radioaktive Verseuchung oder die Zombieapokalypse vorbereitet zu sein. Prepper (von „to be prepared“, vorbereitet sein) werden diese Zeitgenossen genannt. Sie trifft den Mann im Vorratsraum, packt den Rucksack, marschiert in schwarzer Berlin-Mitte-Uniform aus der Stadt, geht mit ihm Campen. Gegengeschnitten wird das durch alte Lehrfilmschnipsel für Verhalten im Ernstfall. Neben Ronja von Rönne jagen und sammeln auch Nemi El-Hassan sowie Friedemann Karig fleißig mit. In einer Folge klärt Nemi El-Hassan über rechten Deutsch-Rap auf und trifft einen Rapper aus der identitären Bewegung. Das ist weniger auf Konflikt angelegt als vielmehr eine sachliche Auseinandersetzung, die in diesem Fall mehr ist als bloßes Infotainment.

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