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„Servus TV“ macht weiter : Salzburger Festspiele mit Red-Bull-Dröhnung

Er hat es sich dann noch einmal überlegt: Dietrich Mateschitz schaltet Servus TV aus und wieder ein. Bild: Imago

Der Sender Servus TV macht doch nicht dicht. Eigentümer und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz hatte rot gesehen, weil er keinen Betriebsrat wollte. Oder hatte er zu viel Red Bull intus?

          Das Programm des kleinen österreichischen Privatsenders Servus TV ist im Augenblick ganz schön spannend. Damit ist weniger das Angebot gemeint, das die Zuschauer zu sehen bekommen, sondern das Hin und Her um den Sender selbst. Am Dienstag verkündete der Eigentümer Dietrich Mateschitz, der Betrieb werde eingestellt. Bei einer Versammlung hieß es, sämtliche Angestellten würden entlassen. Ende Juni erfolge der Sendeschluss. Tags darauf folgt die Rolle rückwärts: Servus TV macht weiter. Nach Gesprächen seien die Beteiligten überein gekommen, den Sender fortzuführen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Auf diese Weise demonstriert der Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz seine Launenhaftigkeit. Am Dienstag wurde verkündet: „Obwohl wir Jahr für Jahr einen nahezu dreistelligen Millionenbetrag in Servus TV investiert haben, lässt sieben Jahre nach Einführung die aktuelle Markt- und Wettbewerbssituation keine wirklich positive Entwicklung erwarten“. Der Sender sei „wirtschaftlich untragbar geworden“.

          Kurzschluss im System?

          Untragbar? Am Tag danach sieht das ganz anders aus und erscheint die Volte, den Sender dichtzumachen als Mateschitzscher Kurzschluss: der Chef hatte sich über den Plan geärgert, einen Betriebsrat zu gründen. Ein Betriebsrat, teilte der Red-Bull-Gründer mit, hätte die „Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit“ des Senders gefährdet. „Dass diese Vorgehensweise bei der Entscheidung in der aktuellen Situation des Senders nicht gerade dienlich war, ist evident.“

          Darauf lautete der Stand der Dinge am Mittwochmorgen. In einem offenen Brief hatten sich allerdings sogleich mehr als zweihundert Mitarbeiter von Servus TV bekundet, sie hätten niemals vorgehabt, einen Betriebsrat zu gründen. „Wir wollen und brauchen keinen Betriebsrat,“ bekräftigten sie in ihrem Statement. Damit haben sie den Sender offenbar gerettet.

          „Kündigungen werden zurückgenommen“

          Denn am frühen Mittwochabend hieß es aus dem Hause Servus TV plötzlich in offiziös-gestelztem Tonfall, die „Verantwortlichen von Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Red Bull“ hätten sich am Mittwochnachmittag getroffen: „Basierend auf gegenseitiger Akzeptanz und Respekt sowie dem Verständnis der jeweiligen Positionen und Standpunkte“ sei es „zu einem konstruktiven Gespräch betreffend Servus TV“ gekommen. „Nicht überraschend für einen Betrieb, der für seine hohen sozialen Standards bekannt ist“, lehne „die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter einen Betriebsrat ab. Im Gespräch mit AK und ÖGB wurde diese Haltung der Belegschaft respektiert und damit bestehende Vorbehalte beseitigt. Die Fortsetzung der partei-politisch unabhängigen Linie wird von allen Beteiligten begrüßt. Red Bull führt daher den Sender weiter, und die Kündigungen werden zurückgenommen.“

          Das war also ein Machtkampf zwischen Gewerkschaften und Unternehmer, bei dem der Sendereigentümer allen gezeigt hat, wo der Hammer hängt. Jetzt, da es alle wissen, geht es weiter.

          Was erwartete Mateschitz denn?

          Wobei man sich zuvor, als von dem dreistelligen Millionenbetrag die Rede war, den Red Bull seit 2009 investiert habe, schon fragen durfte: Was erwartete Mateschitz denn? Aussicht auf Gewinn und bedeutende Anteile im Zuschauermarkt hat Servus TV schon aufgrund der begrenzten Reichweite schwerlich, das muss dem Red-Bull-Gründer klar sein. Dessen sind sich auch die überaus motivierten Mitarbeiter bewusst, die nun auch noch mit übergroßer Mehrheit demonstriert haben, dass sie keinen Betriebsrat wollen.

          Sie kamen zu Servus TV, um zu zeigen, wie ein privat finanziertes Qualitätsprogramm aussehen kann, das vom Zuschnitt her nicht auf das große Publikum schielt, sondern auf eines, das etwas Besonderes sehen will: eine engagierte Diskussionsrunde wie den „Talk im Hangar 7“, aufwendige Naturdokumentationen, ein Programm mit einem Faible für heimatverbundene und regionale Themen und Filme, bei denen einem nicht vor schierer Bildgewalt das Hören und Sehen vergeht. Eingebettet in diesen Kanon ein Sportprogramm mit der Deutschen Eishockeyliga, der Motorrad-Weltmeisterschaft und den actiongeladenen Wettbewerben aus dem Red-Bull-Kosmos. Dann und wann gibt es groß inszenierte Extratouren wie den Stratosphären-Sprung von Felix Baumgartner.

          Dann ist der Hangar 7 am Flughafen Salzburg demnächst doch nicht wieder nur ein gläsernes Technik-Museum, sondern Handlungsort einer Talkshow.

          Das passt nicht in dem Sinn zueinander, dass das Programm aus einem Guss wäre, aber es fügt sich zu einem Bild, das sich auch in seiner technischen Qualität und mit einer freundlichen Gesamtstimmung von allen anderen Kanälen abhebt - den großen Privaten, die vornehmlich auf Unterhaltung setzen, und den Öffentlich-Rechtlichen in all ihrer Schwerfälligkeit, vor der dann auch Mitarbeiter, Journalisten und gerade auch Dokumentarfilmer aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu dem kleinen Sender nach Salzburg fliehen, um Fernsehen mit Ambition zu machen.

          Dietrich Mateschitz ging das wohl tendenziell schon immer zu weit Richtung Kultur-Fernsehen - der durchaus häufige Wechsel in der Chefetage von Servus TV spricht für sich. Aber sollten dem Süßgetränkemogul tatsächlich Geduld und der Wille ausgegangen sein, mit dem Sender Minus zu machen, wo doch der immer wieder verschobene Plan für ein weltweites „Red Bull Global TV“ in diesem Sommer gerade umgesetzt werden soll?

          Der jetzige Senderchef von Servus TV, Ferdinand Wegscheider, ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Auch das zeigt, wie überstürzt das Ende von Servus TV verkündet wurde. Der österreichische Medienminister Josef Ostermayer hatte sich „betroffen“ über die Einstellung von Servus TV gezeigt und gesagt, dies bedeute eine „Schwächung des dualen Rundfunksystems“. Es hätte vor allem bedeutet, dass ein Programm verschwindet, um das es wirklich schade wäre und von dem man nun weiter hofft, dass der Red-Bull-Eigner Mateschitz es sich leisten kann und will, um die Öffentlich-Rechtlichen in puncto Qualität herauszufordern. Vielleicht hatt er ja auch nur ein paar Portionen von der koffeinhaltigen Brause, mit der er sein Geld verdient, zu viel.

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