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Fälschungsskandal : Was Claas Relotius beim „Spiegel“ alles fälschte

Claas Relotius bei einer Preisverleihung 2017 Bild: EPA

Der „Spiegel“ hat knapp die Hälfte der rund sechzig Texte überprüft, die der Hochstapler Claas Relotius im Laufe der Jahre im Magazin und bei „Spiegel Online“ untergebracht hat. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

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          Der „Spiegel“ ist bei der Überprüfung der Geschichten des Mitte Dezember als Fälscher aufgefallenen ehemaligen Redakteurs Claas Relotius ein großes Stück weitergekommen. Von den rund sechzig Texten, die Relotius für den „Spiegel“ und für „Spiegel Online“ verfasst hat, sind inzwischen 28 überprüft, oder wie es bei „Spiegel Online“ heißt, „erneut verifiziert“ worden. Es gibt kaum einen, der aus der Prüfung unbeanstandet hervorgeht. Die meisten sind gefälscht, enthalten Übertreibungen, falsche Fakten, Hinzuerfundenes und die Wiedergabe von Gesprächen und Interviews, die Relotius gar nicht geführt, mit Menschen, die er gar nicht getroffen hat.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es beginnt mit der Mitte des vergangenen Jahres im „Spiegel“ (Nummer 27/2018) erschienenen Geschichte eines Amerikaners, der innerhalb von drei Jahren den Angriff einer Klapperschlange, eines Bären und eines Hais überlebte. Die Sache an sich stimme, andere Medien hatten zuvor darüber berichtet, doch hat Relotius, wie es beim „SpOn“ heißt, Details erfunden und in seiner Schilderung stark übertrieben. Ganz ähnlich verhalte es sich mit der im Frühjahr 2018 gedruckten Geschichte des Rumänen, der in die Türkei gezogen war, um dort zu arbeiten, und in seiner Heimat fälschlicherweise für tot erklärt worden war.

          Nicht nur übertrieben, sondern als weitgehend gefälscht gelten die Geschichten, deren Fadenscheinigkeit schon länger bekannt ist. Die Reportage „Jaegers Grenze“, erschienen im „Spiegel“ 48/2018, war jene, die Relotius zu Fall brachte, weil der „Spiegel“-Reporter Juan Moreno den Teil, den Relotius beigesteuert hatte, nachrecherchierte. Die Bürgerwehr in Arizona, die Flüchtlinge daran hindern will, von Mexiko aus über die Grenze zu kommen, habe Relotius nie getroffen, in einem Gespräch habe er im Dezember „weitgehende Fälschungen in dem Text zugegeben“. Den Namen von einem von fünf Bürgerwehrleuten (die er nie traf und nie sprach) habe Relotius erfunden.

          Die Dramaturgie ist Fiktion

          Das Interview mit der neunundneunzig Jahre alten Traute Lafrenz („Spiegel“ Nummer 39/2018), der letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, enthält, so das Ergebnis der Überprüfung „in wesentlichen Teilen offenkundig Fälschungen“ und „mehrere Aussagen, die so wohl nicht gefallen sind“.

          „Massive Fälschungen“ enthalte auch Relotius Geschichte „Ein Kinderspiel“ über einen dreizehn Jahre alten Jungen aus Syrien, der glaubt, er habe den Krieg ausgelöst, weil er den syrischen Machthaber Assad in einem Graffito beleidigt hatte. Das dramaturgische Konzept der Geschichte, so das Ergebnis der Überprüfung, sei „Fiktion“.

          Von der berühmt gewordenen Reportage „In einer kleinen Stadt“ über den Ort Fergus Falls („Spiegel“ Nummer 13/2017) bleibt nach der Überprüfung ebenfalls so gut wie nichts übrig: Es stimme „fast nichts – die Biografien der Hauptfiguren sind ausgedacht und die Fakten meist falsch“.

          „Eindeutig Fälschungen“ enthalte auch die Geschichte „Königskinder („Spiegel“ 28/2016), die von den zwölf und dreizehn Jahre alten syrischen Waisen Ahmed und Alin handelt, die in die Türkei geflohen seien. Die Existenz von Ahmed sei belegt, nur habe Relotius ihm einen „fiktiven Lebenslauf verpasst“, die Existenz des Mädchens Alin sei nicht belegt. Schon im vergangenen Dezember habe Relotius über seinen Anwalt eingeräumt, dass es sich „bei dem geschilderten Geschwisterpaar um eine Illusion gehandelt hat“.

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