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Ende für Günther Jauch : Hier ist der Talk, hier darf ich sein

Günther Jauch in seinem Fernsehstudio Bild: dpa

Was bleibt von vier Jahren Debatte im Ersten mit Günther Jauch? Fast nichts, sagen seine Kritiker gerade in der ARD. Ob Jauch das entnervt hat? Ohne ihn ist die Talkshowszene auch nicht besser dran.

          Stellen Sie sich vor, Sie geben den Job auf, verlassen die Firma, für die Sie eine halbwegs bedeutende Rolle gespielt haben, jedenfalls Ihrem eigenen Eindruck nach. Und dann? Gibt es einen Händedruck, ein Schulterklopfen, ein paar warme Worte. Und es wirkt, als sei dies alles ein einziges Missverständnis gewesen, vom ersten Tag an.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Beim Abgang von Günther Jauch als Talkmaster im Ersten vermittelt sich der Eindruck, dass es genau so ist. Der NDR-Intendant und ARD-Chef Lutz Marmor sagt: „Danke, Günther Jauch!“ Und hebt hervor, dass dessen Talkstudio im Berliner Gasometer „eine Topadresse für anregende und spannende Diskussionen“ gewesen und es Jauch gelungen sei, neue Zuschauer zu gewinnen und „immer wieder wichtige Akzente zu setzen“.

          Günther Jauch wiederum sieht sich genötigt, sich ausführlich zu erklären, was er in eigener Sache selten tut. Es sei ihm wichtig gewesen, „mit relevanten und interessanten Gästen über das Thema der Woche zu diskutieren, politische und gesellschaftliche Debatten abzubilden und für den Zuschauer so einen Mehrwert und Erkenntnisgewinn zu schaffen“. Es sei ihm darum gegangen, „auch mal ein ungewöhnliches Thema anzupacken“ und sich „mit besonders spannenden oder polarisierenden Gästen auseinanderzusetzen“. Das mache Live-Fernsehen und eine gute Diskussion aus: „Unvorhergesehenes passiert, Debatten werden ausgelöst, Positionen und Meinungen prallen aufeinander und werden neu diskutiert.“

          Die Gremien gegen den Moderator

          Das klingt nach einer schönen Agenda, die Günther Jauch allerdings - schaut man auf das Echo, das er seit 2011, als er bei der ARD als Sonntagstalker anfing, vom ersten Tag an konstant erfahren hat -, in keinem einzigen Punkt mit Leben erfüllt hat. 156 Sendungen, davon 47 Ausgaben mit mehr als fünf Millionen Zuschauern und einem Gesamtschnitt von 4,62 Millionen Zusehern, aber null Erkenntnis - so lautet überspitzt die Kritik an Jauch. Die las er nicht nur in der Presse, sondern bekam er vor allem von den Gremien der ARD zu hören. Deren Unmut hatte Jauch sich schon vor seinem Antritt im Ersten zugezogen, weil er sie als Bedenkenträger erster Ordnung bezeichnet hatte („Gremlins in den Gremien“). Ein Jahr nach seinem Start zahlte es ihm der ARD-Programmbeirat heim. Die Gespräche führe er lahm, frage nicht nach, manchen seiner Gäste fahre er über den Mund, er vertrete zu deutlich einen eigenen Standpunkt, die eingespielten Beiträge seien zu oberflächlich. So lautete das Urteil, das in seiner Gesamtheit wie Satire wirkt, weist es Jauch doch ganz gegensätzliche, wenn nicht sogar einander ausschließende Eigenschaften in Serie zu. Die eine oder andere könnte man sicherlich auch bei den anderen Talkmastern der ARD finden. Zu denen ließ sich der Programmbeirat aber nicht dergestalt vernehmen.

          Im zweiten Anlauf erst war Jauch 2011 zur ARD gestoßen. Der frühere NDR-Intendant Jobst Plog hätte ihn gerne schon früher verpflichtet, doch das war gescheitert - an den Gremien, denen missfiel, dass Jauch als Moderator angeheuert und seine Produktionsfirma I&U auch noch für die Sendung zuständig wurde. 10,5 Millionen Euro ließ sich die ARD Jauch im Paket kosten. Dafür sollte er Quote liefern - was ihm ausreichend gelang - und sich als bester Moderator aller Zeiten beweisen - was ihm nicht gelingen konnte. Seine große Popularität, die nicht gelitten hat, gereichte ihm dabei nie zum Vorteil. Sie trug vielleicht dazu bei, dass viele von denen in seine Sendung kamen, die sollten. Sie durften aber auch gewiss sein, dass sie bei Jauch nicht gegrillt würden. Er hält das Gespräch stets auf mittlerer Temperatur, schaut auf seine Kärtchen und geht die Fragen durch; das wirkt bisweilen etwas unengagiert, als habe er selbst die Lust verloren. Für Aufregung sorgte er gerade einmal mit einer Sendung wie jener, in welcher der Stinkefinger des früheren griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis die Hauptrolle spielte.

          Endlich ein Akzent

          Was den Überraschungseffekt angeht, muss man allerdings konstatieren: Für Abwechslung sorgen die Talkshows von ARD und ZDF alle nicht. Sie haben wochenlang dieselben Themen (Griechenland, Flüchtlinge, Terror), jeden Abend werden diese durchgekaut, und das häufig mit ein und derselben Besetzung. Und den perfekten Moderator müsste sich die ARD auch erst backen. Frank Plasberg ist im Augenblick gut in Form, weil er in die Berliner Polit-Blase piekt, Sandra Maischberger ist wie immer, und Anne Will - die wegen Jauch vom Sendeplatz am Sonntag auf den Mittwochabend weichen musste und nun zurückkehrt - hat so viel Oberwasser, dass sie Gefahr läuft, der Hybris anheimzufallen, mit der sich früher Sabine Christiansen als Chef-Dekorateurin der Berliner Republik inszenierte.

          Am Sonntag moderiert Günther Jauch seine Talkshow im Ersten zum letzten Mal. Und setzt endlich einen Akzent. Er hat Wolfgang Schäuble zu Gast. Der Bundesfinanzminister gilt als einer der wenigen, deren Einrede bei der Bundeskanzlerin Wirkung erzielt. Und die war bekanntlich erst kürzlich bei Anne Will zu einer einstündigen „Wir schaffen das“-Lektion zu Gast. Setzt Günther Jauch damit zum Abschied ein Zeichen?

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