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TV-Kritik „Tatort“ : Warum, warum, warum ist das passiert?

Brandgeruch verfolgt sie: Die Kommissare Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring). Bild: NDR/Alexander Fischerkoesen

In einer Zelle verbrennt ein Mann, den die Kommissare Lorenz und Falke kurz zuvor festgenommen haben. Er kam aus Afrika. Soll das ein Selbstmord sein? Der „Tatort“ aus Hamburg folgt einem realen Fall.

          3 Min.

          Früher, sagt der Polizist, als er die Kollegin von der Bundespolizei durch die nächtliche Kleinstadt fährt, früher hätten hier alle bei dem Bäcker da drüben gekauft. Heute gebe es den Bäcker nicht mehr. Den Laden habe ein Türke übernommen. Die Brötchen schmeckten nicht mehr. Früher, sagt der Polizist mit den türkischen Wurzeln, der sich vielleicht gerade deshalb deutscher als deutsch gibt und schwarz trägt wie alle Polizisten an diesem namenlosen Industriestandort irgendwo in Niedersachsen, früher hätten alle hier gewusst: „Das ist Heimat.“ Heute nicht mehr. Zu viele Fremde, Asylanten, Migranten. Es ist der Tag der Deutschen Einheit.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Fahrt ins Dunkel gleicht einer Entführung. Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ist allein mit dem Beamten am Steuer, sie will raus aus dem Wagen, raus aus dieser Geschichte, doch die Kamera sitzt ihr im Nacken, und es ist klar: So einfach gibt es kein Entrinnen. Erst Stunden zuvor ist in dieser Provinzstadt ein afrikanischer Asylbewerber im Polizeigewahrsam verbrannt. Katharina Lorenz und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) hatten ihn als mutmaßlichen Chef einer Schleuserbande festgesetzt. Jetzt ist der Mann tot, der gar nicht der war, für den die Bundespolizisten ihn gehalten hatten. Das „Tatort“-Duo ermittelt seinem eigenen Versagen hinterher.

          Sie, der Kopfmensch, stellt draußen Fragen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen – zu unglaublich scheint es, dass der Gefangengenommene sich, an sein Bett gefesselt, selbst in Brand gesteckt haben soll. Falke, der Bauchmensch, zermartert sich in seiner Unterkunft, zugedröhnt von Heavy Metal, den Schädel. Warum nur, warum, warum ist alles schiefgegangen, fragt er sich immer wieder und knetet seine rechte Faust. Bei der Festnahme hat er den Afrikaner krankenhausreif geschlagen. Die Antwort liegt in Falkes Fall auf der Hand. Er ist kein Rassist, da hat sich kein dunkler Hass Bahn gebrochen. Er ist ausgerastet, weil der Mann sich wehrte und Katharina Lorenz einen Schlag in die Magengrube versetzte. Als sie zu Boden ging, flogen bei ihrem Partner, mit dem sie eine unausgesprochene Beinahebeziehung verbindet – in ihrem vorletzten Fall landeten sie im Bett und taten am Tag darauf eisern weiter siezend, als wäre nichts gewesen –, die Sicherungen raus.

          Der Abgrund einer Zelle

          Man ahnt schnell, dass damit ein Endpunkt erreicht ist. Tatsächlich verlässt Petra Schmidt-Schaller mit dieser Folge den „Tatort“; Franziska Weisz wird sie an der Seite von Wotan Wilke Möhring ersetzen. Wie Drehbuchautor Stefan Kolditz in „Verbrannt“ beinahe wortlos das Hamburger Gespann auseinanderdividiert, nicht weil Privates in die Quere kommt, sondern weil die Ermittlungen alles in Frage stellen, wofür die Polizisten stehen wollen, gehört zu den Stärken des Films. Die schwierigste Aufgabe, die er sich stellt, ist die fiktionale Aufarbeitung eines realen Falls.

          2005 verbrannte in einer Zelle im Keller eines Polizeireviers von Dessau Oury Jalloh, ein 37 Jahre alter Mann aus Sierra Leone. Nach Jahre währenden Gerichtsverfahren wurde der damals zuständige Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Richter gingen auch in letzter Instanz davon aus, dass Jalloh sich selbst entflammt hatte, obwohl er ans Bett fixiert war. Der „Tatort“ übernimmt die Umstände dieses Todes nahezu eins zu eins in seine Handlung und engagiert mit Pagonis Pagonakis, der eine Dokumentation über Jallohs Ende gedreht hatte, einen Fachberater. Doch dann war man klug genug, von der Idee eines Dokudramas Abstand zu nehmen und eine eigene Geschichte zu erzählen, die man nicht für möglich hielte, wäre es so ähnlich nicht tatsächlich geschehen.

          „Was ist das denn für ein Sumpf hier?“, flucht Falke auf der Hälfte des Weges in einen Abgrund, der mit dem verhängnisvollen Zugriff begann, in die von Ruß geschwärzte Zelle führt und dann immer wieder vor Wände. Wurde der Tote Opfer institutionellen Fremdenhasses? Der Dienststellenleiter Werl (Werner Wölber), ganz joviale Vaterfigur für seine Untergebenen, die „jeden Tag den Kopf hinhalten“, schweigt. Die Polizisten, die den nun Toten bewachen sollten und unerklärlich viele Minuten brauchten, den Brand zu bemerken, haben nichts zu sagen. Stattdessen begeht die Truppe den Feiertag im Garten des Chefs – mit einem Grillfest. Im Hintergrund dudelt ausgerechnet „Black Magic Woman“.

          Eingebildete und tatsächliche Heimatlosigkeit

          So dicht der Regisseur Thomas Stuber, der erst 2011 seinen Abschluss an der Filmakademie Baden-Württemberg machte, die Suche nach dem Schuldigen als beinahe lichtloses Drama inszeniert, so nahe er den Figuren mit der Kamera (Alexander Fischerkoesen) kommt und sie in klaustrophobische Bedrängung evozierende Räume sperrt: Wo das Drehbuch zu dick aufträgt, um in deutsche Finsternis zu führen, findet auch er nicht mehr heraus. Zu Beginn schon hörten wir das Deutschlandlied wie ein Requiem. Namen leiten zur Lösung des Falls: Der Jungpolizist Kohler (Julius Feldmeier gibt eine glänzende Vorstellung ab) muss mehr wissen – und ein gewisser Hagen. Schon sind wir beim „Nibelungenlied“, der deutschen Gruselsaga par excellence.

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          Das ist viel düstere Symbolik. Aber sie reißt den Film nicht mit sich. „Verbrannt“ bleibt ein nachdenkliches Stück über eingebildete und tatsächliche Heimatlosigkeit, über Unterwerfung und Angst, Macht und Ohnmacht. Worte schweben zuweilen körperlos durch den Raum, Falke und Katharina Lorenz fehlen sie oft ganz, dann knarzt nur seine Lederjacke, und die Zigarette knistert. Man kann sich gut vorstellen, dass er zu Hause den Fernseher einschaltet und in den Nachrichten hört, wie der Bundesinnenminister vor wachsender Gewalt gegen Flüchtlinge warnt.

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