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Griechenland-Berichterstattung : Im Wartesaal der Geschichte

Warten auf - Tsipras. Oder Merkel. Oder Hollande. Oder den Grexit? Hier lagern Journalisten vor dem Präsidentenpalast in Athen. Bild: dpa

Ein Lob den Korrespondenten, die sich in Brüssel, Berlin und Athen die Beine in den Bauch stehen: Sie zeigen uns, warum sich in der Krise das Ausharren lohnt.

          2 Min.

          Wenn es historisch wird, stehen sich Journalisten die Beine in den Bauch. Sie sitzen, stehen, liegen vor Verhandlungshinterzimmern und Konferenzsälen herum, lungern auf Gängen und Plätzen herum und fangen irgendwann aus lauter Langeweile an, sich gegenseitig zu knipsen und zu filmen. Sie sind, wie der Kollege Frank Lübberding gerade treffend bemerkt hat, die „wartende Klasse“. Man könnte auch sagen: der wartende Stand. Im Wartestand. Oder: ewig und drei Tage auf Klassenfahrt im Wartezimmer. Sie sitzen im Wartesaal der Geschichte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das müssen wir nun wohl sagen, in dem die Einigung der Eurozone zu Griechenland offenbar da ist. Auch wenn noch niemand weiß, was daraus wird und ob das Historische morgen nicht schon wieder der kalte Kaffee von gestern ist. Besonders undankbar erscheint uns das Leben im Wartestand in einem solchen Moment für die Korrespondenten in Athen und Berlin zu sein, die von dort aus auf Knopfdruck etwas zu den möglichen Auswirkungen der Vereinbarungen in Brüssel sagen sollen. Sie können schließlich nur in Worte fassen, was sich jeder denken kann: Für Angela Merkel wird es genauso problematisch, ihren Leuten das Verhandlungspaket unterzujubeln, wie für Alexis Tsipras, Gesetze durchs Parlament zu bringen, die abzulehnen er die Wähler im Referendum eben erst aufgefordert hat.

          Steht zu seinem Wort: Rolf-Dieter Krause
          Steht zu seinem Wort: Rolf-Dieter Krause : Bild: WDR/Bernd Maurer

          Da ist Stoizismus gefragt, wie ihn zum Beispiel der Brüsseler ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause an den Tag legt. Während andere sich an dem reichlich fehlplazierten Begriff „mentales Waterboarding“ ergötzen, das einem Kollegen des „Guardian“ zu der Behandlung eingefallen ist, der Angela Merkel und François Hollande den griechischen Regierungschef angeblich unterziehen, legt Krause auch mitten in der letzten langen Nacht von Brüssel Wert auf Feinheiten. Ermattet wie all die anderen, deren Augenringe immer dunkler werden, verweist er darauf, dass Wolfgang Schäubles Grexit-Drohung keine Demütigung der Griechen, sondern mit dem Angebot einer Umschuldung verbunden sei.

          Standhaft bis zur nächsten Schalte

          Im Internet bricht sich derweil bei Twitter unter dem Hashtag #ThisIsACoup eine Bewegung Bahn, die in dem Übereinkommen einen Staatsstreich erkennt. Die Rollen sind so verteilt, wie es dem die deutsche Haltung seit jeher verteufelnden amerikanischen Volkswirtschaftler und Nobelpreisträger Paul Krugman gefällt: Er spricht von einem „Verrat“ am europäischen Projekt, weil die übrigen Staaten der Eurozone nicht länger bereit sind, Griechenland Geld hinterherzuwerfen. Dass es genau umgekehrt sein könnte, das kommt weder Krugman noch denjenigen, die sich bei „This is a coup“ versammeln, in den Sinn. Doch ist angesichts der zum Normalzustand gewordenen Krise die Verkehrung von Ursache und Wirkung ja auch längst der Normalfall. Ebenso scheint aus dem Blick geraten zu sein, was das „europäische Projekt“ überhaupt darstellt, was es zu leisten imstande ist und was eben nicht. Dass sich diese Frage nun dringend stellt, sagte im ZDF-„heute journal“ der Historiker Andreas Rödder. Doch werden ihm wahrscheinlich weder Krugman noch die Follower des Twitter-Aufschreis zugehört haben.

          Und auch nicht dem ausdauernden Rolf-Dieter Krause und seinen Kollegen, die sich in Brüssel und anderswo als ebenso standhaft erweisen wie Kermit, der Frosch bei seinem legendären Einsatz als „Sesamstraße“-Reporter im Schneesturm. Bei dem ging es bekanntlich darum, herauszufinden, wer unter diesen unwirtlichen Bedingungen eigentlich bis zum bitteren Ende die Stellung hält. Na, wer wohl? Niemand anderes als der Reporter natürlich. Was in Kermits Fall Anlass zur Heiterkeit, im Fall der Korrespondenten aber Ausweis eines informatorischen Leistungswillens ist, den man bei aller Griechenland-Erschöpfung sofort wieder zu würdigen weiß, sobald man einen Blick auf das Kriegsgeschrei bei #ThisIsACoup geworfen hat. Dann doch lieber Angehöriger des wartenden Standes. Und damit geben wir zurück ins Studio.

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