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„Le Canard Enchaîné“ : Die meistgefürchtete Zeitschrift Frankreichs

Eine Journalistin liest eine der Ausgaben über den Skandal um François Fillon. Bild: AFP

Ausgerechnet die Satirezeitschrift „Le Canard Enchaîné“ spielt im Wahlkampf eine Schlüsselrolle und bringt eine Enthüllung nach der anderen. Wie macht sie das?

          5 Min.

          Im Herzen von Paris, nicht weit vom Louvre, arbeitet eine Zeitungsredaktion, die alles anders macht – und dennoch oder gerade deshalb von allen anderen beneidet wird. Die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchaîné“ hat keinen Internetauftritt, sie braucht keinerlei Werbung, sie lebt nur von den Verkaufserlösen und hat ihren geringen Kioskpreis von 1,20 Euro trotzdem seit 26 Jahren stabil gehalten.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Auch ihr Layout blieb in der gut hundertjährigen Geschichte praktisch immer gleich. Das Blatt gehört den Journalisten, wird von Journalisten auch betriebswirtschaftlich geleitet. Es ist hochprofitabel, sitzt auf dicken Reserven und kann seine Mitarbeiter ordentlich bezahlen. Neben den Texten druckt die Zeitschrift fast nur Karikaturen anstatt Fotos und erinnert äußerlich überhaupt mehr an eine Schülerzeitung als an ein ernsthaftes Blatt. Dennoch ist der „Canard“ weiterhin Frankreichs Enthüllungsorgan Nummer eins, das französische Politiker und Wirtschaftsführer zum Zittern bringt. Jüngstes Opfer ist der bürgerlich-konservative Präsidentschaftskandidat François Fillon. Als Favorit zog er in den Präsidentschaftswahlkampf, seit den Enthüllungen des „Canard“ über seine Finanzaffären ist er nur noch Außenseiter.

          Wer zur Redaktion in Paris finden will, muss sich vorher den Türcode geben lassen. Ein Schild am Eingang fehlt seit den Terroranschlägen auf das andere, weit kleinere französische Satireorgan „Charlie Hebdo“, bei denen auch Zeichner des „Canard“ ermordet wurden. Im Treppenhaus bröckelt der Putz, die schiefen Holzstufen quietschen. Jeden Dienstag drängen sich hier am späten Nachmittag die Motorradkuriere der Minister, denn sie wollen die ersten Exemplare ergattern, um zu erfahren, worüber am nächsten Tag womöglich halb Frankreich redet. Politiker verschlingen den „Canard“, denn entweder fürchten sie, erwähnt zu sein, oder sie bedauern, ignoriert zu werden. Der „Ruderfüßler“, wie sich das Blatt gerne nennt, ist mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Karikaturen und verbalen Attacken, die in Ironie und Wortspiele verpackt sind, seit langem Pflichtlektüre in Frankreich.

          Kaum ist das staubige Treppenhaus durchschritten, tut sich hinter der Türschwelle zur Redaktion eine ganz andere Welt auf: frisch renovierte Räume, hohe Decken über schön geschliffenem Parkettboden und große Fenster, die viel Licht auf die Wandfresken mit den bekanntesten Karikaturen werfen. Eine Holzskulptur des stolz voranschreitenden Generals de Gaulle mit übergroßer Nase ziert den Empfangsraum. Einer der beiden Chefredakteure, Louis-Marie Horeau, empfängt zum Interview. Er ist ein freundlicher Herr im Alter von 69 Jahren, der für das Blatt seit 35 Jahren arbeitet.

          Gleich kommt Horeau auf die aktuellen Ereignisse zu sprechen. Es ist zu spüren, dass sich das Blatt in einer Rechtfertigungshaltung befindet. Denn seine Enthüllungen über Fillon, die noch kein Gericht bearbeitet hat, haben dem Wahlkampf einen neuen Verlauf gegeben, wenn den Umfragen zu trauen ist. Der Vorwurf lautet, dass sich der „Canard“ von den Gegnern Fillons instrumentalisieren ließ. Horeau streitet das kategorisch ab. „Als einer der aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten ist François Fillon natürlich eine interessante Persönlichkeit. Also haben wir von uns aus ein Rechercheteam mit drei Leuten zusammengestellt. Sie haben sechs Wochen recherchiert.“

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