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Hape Kerkeling macht Schlager : Soll das wirklich so schlecht klingen?

  • -Aktualisiert am

Von heißer Liebe zum Schlager nichts zu spüren: Hape Kerkelings Ausflug in den Schlager ist branchenübliches Mittelmaß. Bild: dpa

Hape Kerkeling ist ein Allrounder der Unterhaltung. Jetzt hat er eine Platte mit Schlagermusik aufgenommen. Das hätte er mal lieber gelassen.

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          Mit Schlagermusik ist es so: Meist klingt sie an sich schon schlimm; aber wenn der brachial-ironische Kniff, gerade dieses Schlimme auch noch zu feiern, hinzukommt, wird’s recht übel.

          Insofern war es zunächst beruhigend, zu erfahren, dass Hape Kerkeling auf seinem neuen Album „Ich lasse mir das Singen nicht verbieten“ mit unironischer Begeisterung Schlager anstimmt, die ihm zu Herzen gehen.

          Dank „Hurz“, seiner trefflichen Parodie eines avantgardistischen Kunstliedes, und dank Horst Schlämmer, seiner rührigen Verkörperung eines Zeitungsjournalisten, steht Kerkeling im Ruf, unter den beliebtesten deutschen Komödianten einer der besten zu sein. Und er wirkt richtig sympathisch. Leider gilt das nicht im gleichen Maß für seine neue Schallplatte, denn von heißer Liebe zu Schlagern ist nichts zu spüren.

          Klumpatsch aus der Disko-Schlager-Mensa

          Schuld ist nicht der Gesang, auch wenn Hape Kerkeling sicherlich keine große Stimme hat. Die Liedauswahl geht ebenfalls in Ordnung. Mit „Komm ein bisschen mit nach Italien“, „Chanson d’Amour“, „Schmidtchen Schleicher“, „Herzen haben keine Fenster“ und „How Do You Do“ hat er sogar wahre Schätze hervorgekramt.

          „Ich lasse mir das Singen nicht verbieten“: Hape Kerkeling ist für seine extravaganten Bühnenshows gleichermaßen bekannt und beliebt.
          „Ich lasse mir das Singen nicht verbieten“: Hape Kerkeling ist für seine extravaganten Bühnenshows gleichermaßen bekannt und beliebt. : Bild: dpa

          Starke Probleme bereitet dagegen das instrumentalische Gerüst. Wenn man sich die Fassungen von Peter Alexander/Caterina Valente, Manhattan Transfer, Nico Haak, Elfi Graf und Mouth & MacNeal mit besonderer Konzentration auf die Arrangements und die tontechnische Umsetzung anhört, sind, soweit das Genre Schlager solches erlaubt, Schmelz, Zartsinn, Charakter und Seele zu hören.

          All diese schönen Eigenschaften lassen Hape Kerkelings Aufnahmen vermissen, weil sein Produzent Peter Wagner, der auch Peter Maffay und Roland Kaiser betreute, die Streicher, Gitarren, Saxophone und sonstigen Tonerzeuger als zwar professionellen, doch stets gleichen Klumpatsch aus der Disko-Schlager-Mensa angerichtet hat.

          In der Musikproduzentenfachwelt fiele dazu der Begriff „General-Midi-Standard“. Das sind international standardisierte Keyboard-Klangfarben, die auch in Karaoke-Bars zum Einsatz kommen, um die Lizenzierung der Originalplaybacks einzusparen.

          Schlechter Geschmack braucht Hingabe

          Das Prinzip „Camp“, die alchemistische Umwandlung von kulturellem Giftmüll in etwas Ergreifendes, sollte eigentlich jeder Unterhaltungskünstler verinnerlicht haben. Das Verfahren ist komplex und nicht generalisierbar.

          Die Formel „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“ scheint dafür zu plump. Schlechter Geschmack erfordert, um nicht zu langweilen, mindestens so viel Hingabe, Instinkt und Finesse wie guter. Es geht um die Kunst, gleichzeitig ironisch und tief gefühlvoll bitterernst zu sein, wozu eine konsequente, radikale Haltung gehört.

          Hier ließe sich zugunsten Hape Kerkelings einwenden: Ein ganz ernst gemeintes Schlageralbum aufzunehmen, die komödiantischen Klassiker „Hurz“ (in einer sinnbefreiten Diskoversion) und „Das ganze Leben ist ein Quiz“ dazuzupacken, weil der Konsument dies von der Marke Kerkeling erwartet, die Platte mit viel Aufwand dermaßen uninspiriert wegzuproduzieren, dass auch das Filmorchester Babelsberg darauf wie General-Midi-Standard klingt, denn Tausende kaufen ja die Platte sowieso und hören den Unterschied nicht - das alles sei doch eine konsequente, radikale Haltung. Nein, das ist es nicht! Das ist branchenübliches Mittelmaß.

          Niemand will Hape Kerkeling das Singen verbieten. Im Gegenteil. Ein beherzter Zugriff hätte sein können, dass er den Produzenten nach Hause schickt und sämtliche Instrumente, so gut oder schlecht es eben geht, selbst einspielt. Avanti Dilettanti! Interessanter als das vorliegende Material wäre das Ergebnis auf jeden Fall geworden.

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