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Niels Freverts neues Album : Wenn das Putzlicht zur Sonne wird

  • -Aktualisiert am

Man kann auch Zeilen singen, die andere nicht für singbar halten: Niels Frevert Bild: dpa

Er ging den Bach hinunter, bis daraus ein Fluss entsprang: Niels Freverts neues Album handelt vom Sichaufrappeln nach einer tiefen Krise. Es hätte nicht tröstlicher geraten können.

          3 Min.

          Von Branchen wird erwartet, dass sie mit der Zeit gehen – also auch von der Branche der Popmusik. Was heißt das für einen deutschen Liedermacher, der am wirtschaftlichen Erfolg nur kurz und vor einiger Zeit schon gekratzt, zudem die fünfzig überschritten hat? Soll er anfangen, Käse zu twittern? Oder eine Youtube-Sendung in Babysprache machen?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein beliebiges Video des Youtube-Stars Rezo etwa hat locker zwei Millionen Views, manche sehr viel mehr. Das Musikvideo zu Niels Freverts neuem Song „Putzlicht“, der einen Höhepunkt des deutschsprachigen Chansons darstellt, hat bislang knapp siebzehntausend. Was folgt daraus? Nach der Logik der Zahlen, die auch alles Kulturelle zunehmend bestimmt, wohl nur: aufhören oder alle Ideale über Bord werfen. Darüber muss nicht nur Niels Frevert, darüber müssen sehr viele, die etwas Kreatives schaffen wollen, nachdenken. Und womöglich hat auch Frevert darüber schon nachgedacht, aber er ist längst einen Schritt weiter. Denn das Album, dessen Titelstück „Putzlicht“ ist, beschreibt das Sichaufrappeln, das Weitermachen nach einer tiefen Krise.

          Spuren dieser Krise laufen durch verschiedene Songs, aber was genau sie ausgelöst hat, bleibt vage, auch in Interviews des Sängers, und darin liegt natürlich gerade der Reiz. „Er konnte sich nicht entscheiden / Zwischen heulen in der Dusche / Und duschen beim Heulen“, beginnt das Lied „Nie mehr wie vorher“. Später heißt es darin: „Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen, Niels / Im Küchenradio lief ein Gitarrensolo von den Eagles“. Mit dem doppelten pophistorischen Bezug auf die Countrymusik von Lynn Anderson und eben den Eagles wird das Leiden ironisch eingeordnet in eine popmusikalische Genretradition, deren liebste Themen gebrochene Herzen und abgehakte Träume sind; mit der Nennung des eigenen Namens wird eine biographische Fährte in den Text gelegt.

          „Ich sah einen Ton-Steine-Scherben-Aufkleber auf einem SUV“

          In einem anderen Song ist die Rede von einem „rettungslos verlorenen Jahr“ und von „Rost an den Händen vom Brückengeländer“ – was das lyrische Ich an jenes Geländer gebracht hat, darf wiederum gemutmaßt werden. Aber wie so oft haben Freverts Texte neben einer konkreten Ebene auch noch eine metaphorische, die einem manchmal erst nach mehrmaligem Hören aufgeht. Dieses Sicheinhören, Umhören, Neuhören hat Frevert schon oft provoziert, vielleicht noch nie so stark wie hier. Und eben weil es so ist, weil die Lieder sozusagen in einem weiterarbeiten, aber auch weil sie unglaublich tröstlich sind, kann man sagen: Es ist ein Meisterwerk geworden.

          Gemessen an früheren Alben klingt das vorliegende allerdings ziemlich anders: mit Synthesizersounds und wummernden Bässen eigentlich gar nicht mehr nach „Liedermacher-Musik“. Doch wer Frevert etwas kennt, weiß auch, dass seine Lieder sich in ganz unterschiedlichen Gewändern wohl fühlen können: hier eben in dem einer polierten Studioproduktion mit Bläsern und allem Schnickschnack; sonst aber auch gern mal nur im transparenten Kittel aus Gesang und Gitarre. Am besten kommt der Bandsound hier beim Titelstück zur Geltung: Wie das vermeintlich schäbige Putzlicht, also jenes, das nach dem Ende eines Festes oder einer Aufführung angeht, dem Sänger und auch dem Hörer zu einer neuen Sonne werden kann, das wird hier geradezu gospelhaft strahlend in Klang überführt.

          Mit mehr oder weniger Begleitung wird man diese Lieder im kommenden Frühjahr auch live hören können – erfreulich oft sogar angesichts eines Künstlers, der sich auch mal über längere Zeit rar- und nur selten Platten macht.

          Das Aufgeben von Idealen streift Frevert in seinen Texten ironisch: „Ich sah einen Ton-Steine-Scherben-Aufkleber auf einem SUV“, heißt es etwa – wobei das ja auch nicht mehr ganz so überraschend ist, seit Claudia Roth im Bundestag sitzt. Seine Ideale als Sänger und Dichter hat Frevert aber keineswegs aufgegeben. Das wichtigste davon heißt: Man kann auch Zeilen singen, die andere sich nicht als singbar vorstellen können. Etwa „Wir waren gut getarnte Schattenmorellen“ oder „Ich ging den Bach hinunter, bis daraus ein Fluss entsprang“.

          Mit den Mainstream-Erfordernissen spielen gefällige Songtitel wie „Wind in Deinem Haar“ oder „Dieser Moment“, die im Text dann allerdings Abgründe aufwerfen. In Lindenberg-Kategorien heißt das, Niels Frevert macht also im Grunde unbeirrt „sein Ding“. Er und die, die dieses Album veröffentlicht haben, sollten wissen, dass es sich gelohnt hat und es noch Leute gibt, die sich dafür interessieren. Aus einem Roman von Terézia Mora könnte Frevert außerdem wissen: „Wir sind 50, aus uns kann noch alles werden.“

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