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Gabor Steingarts Abstieg : Am Boden aufgeschlagen

Was er noch zu sagen hatte: Gabor Steingart im vergangenen Jahr in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner. Bild: dpa

Gabor Steingart ist beim Handelsblatt-Verlag Geschichte. Zu seinem erzwungenen Abschied lobt ihn der Verleger Dieter von Holtzbrinck in höchsten Tönen. Das wirft schon einige Fragen auf.

          Das „Morning Briefing“ aus dem Hause „Handelsblatt“ kam am Freitag erst so gegen halb zwei am Nachmittag. „Manchmal passieren auch in einem Verlagshaus Dinge, die unvorhersehbar sind und die gewohnten Abläufe stören“, schrieb Chefredakteur Sven Afhüppe unter der Überschrift „Verkehrte Welt in Berlin“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Worauf er anspielte, pfiffen die Spatzen seit dem Vorabend von den Dächern. Es wäre treffender mit „Verkehrte Welt in Düsseldorf“ beschrieben: Der Herausgeber, Geschäftsführer und Miteigentümer des „Handelsblatts“, Gabor Steingart, ist seinen Posten los. Der Verleger und Mehrheitseigentümer Dieter von Holtzbrinck hat sich mit ihm überworfen.

          Auslöser soll sein „Morning Briefing“ vom vergangenen Mittwoch gewesen sein, in dem Steingart den Machtkampf an der Spitze der SPD als „perfekten Mord“ schilderte, den Martin Schulz an Sigmar Gabriel begehe. In der ihm eigenen Diktion erging sich Steingart in den Details: „Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.“

          Den Verleger Dieter von Holtzbrinck haben diese Sätze angeblich so aufgebracht, dass er Martin Schulz sogleich eine Entschuldigungsdepesche schickte: Inhalt und Stil des Steingart-Textes entsprächen weder seinen eigenen „publizistischen Qualitäts- und Wertevorstellungen“, noch denen der Redaktion. Dass allein Steingarts Text Dieter von Holtzbrinck zum Einschreiten veranlasste, ist freilich schwer vorstellbar. Steingart schreibt stets mit dem Vorschlaghammer, er übertreibt maßlos, überzieht gezielt und ohne Gnade, macht keine Gefangenen und kein Hehl daraus, dass er sich für sehr wichtig hält.

          2008 wäre er gern Chefredakteur des „Spiegels“ geworden, stattdessen wurde er zwei Jahre später Chefredakteur des „Handelsblatts“. 2013 stieg er in die Geschäftsführung auf. Wie wenig zimperlich er im Umgang ist, zeigte Steingart ein Jahr später, als er den allseits respektierten Chefredakteur der zur Handelsblatt Media Group gehörenden „Wirtschaftswoche“, Roland Tichy, vom Hof jagte. Seine Stelle bekam die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die sich auf dem Posten aber nicht allzu lange hielt. Im April 2017 wurde sie zur Herausgeberin des Wirtschaftsmagazins ernannt.

          Hochfliegende Pläne hatte Steingart auch mit der englischsprachigen Ausgabe seines Blatts – „Handelsblatt Global“ –, von der in der Branche nicht wenige erwarten, dass sie alsbald eine Bruchlandung hinlegt. Derlei schien den Zampano Steingart jedoch nicht anzufechten. Wo er war, war oben.

          In der Abschiedserklärung, die Dieter von Holtzbrinck über den Verlag verbreiten ließ, klingt das selbstverständlich alles ganz anders. Das „Multitalent“ Steingart habe die Handelsblatt-Gruppe „auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert“, was „höchsten Respekt und größten Dank“ verdiene. Steingart habe sich als „äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer“. Doch gebe es „Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen“ und „im Einzelfall – unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards“. Dass die Zusammenarbeit zwischen ihm und Dieter von Holtzbrinck so abrupt ende, wird Gabor Steingart zitiert, „lässt uns beide nicht unberührt“. Eine „andere Form der Zusammenarbeit“ sei künftig nicht ausgeschlossen.

          Sein „Morning Briefing“, mit dem er angeblich rund 700.000 Leser versorgt, nimmt Gabor Steingart mit. Was für eine Morgengabe. Und was für eine Ironie, dass der von Steingart so wenig geschätzte Martin Schulz nun doch nicht Außenminister wird. Da hat sich mancher verrechnet.

          Dabei scheint es in der Handelsblatt-Verlagsgruppe zurzeit zuzugehen wie in der SPD: In einem Brief an Dieter von Holtzbrinck, aus welchem der „Spiegel“ zitiert, stellen sich einige Führungskräfte hinter Steingart, unter anderem die von ihm zur „Wirtschaftswoche“ berufenen Miriam Meckel (Herausgeberin) und Beat Balzli (Chefredakteur) und der „Handelsblatt“-Chefredakteur Sven Afhüppe. Sie seien „schockiert und fassungslos“. Steingarts Abgang mit Blick auf seinen Text im „Morning Briefing“ durchzusetzen, sei „ein verheerendes Signal an die Redaktionen und das gesamte Haus: die Bestrafung für eine - wenngleich unbequeme - Meinung ist die sofortige Entlassung.“ Dies sende „massive Schockwellen in die Handelsblatt Media Group, über die wir uns große Sorgen machen“.

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