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Jokos und Klaas’ „Männerwelten“ : Zeigt sie an!

Die Hiphop-Moderatorin Visa Vie Bild: rbb/Stefan Wieland

15 Minuten beste Sendezeit für Frauen, die von sexueller Belästigung berichteten? Man hätte sie nicht besser nutzen können.

          3 Min.

          Wie es sich anfühlt, ungefragt und wiederholt mit Aufforderungen zum Sex konfrontiert und dann als dreckige Hure bezeichnet zu werden, kann nur ermessen, wer es selbst erlebt hat. Es ist wie mit den Geschichten von Freunden und Freundinnen, die Diskriminierungserfahrungen gemacht haben. Man kann es sich nur anhören. Mitfühlen. Und Rücken stärken.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Was für viele gut meinende Männer unvorstellbar ist: Jeden Tag werden Abertausende solcher Botschaften verschickt, unter Beiträge im Netz gestellt, auf Instagram, Twitter, Youtube, Facebook gepostet. Jeden Tag sitzen Frauen fassungslos da und überlegen, wie sie reagieren sollen. Und jeden Tag wundern sich Männer darüber, dass es das überhaupt gibt. Unter den Videos von Influencerinnen, das haben wir Mittwoch zur besten Sendezeit gelernt, sind im Schnitt 16 von hundert Kommentaren sexistisch. Bei männlichen kein einziger. Die Reizbarkeit, die Männer entwickeln, wenn sie ihrer Meinung nach genug aufgeregte Frauenproteste über diese Art der Dauerbelästigung gehört haben, ist ein Problem. Denn solange sich nichts an dem Zustand ändert, muss er laut und fassungslos beklagt werden.

          Es geht nur um eine Frage

          Die Moderatorin und Rapperin Visa Vie hat einen recht erfolgreichen Podcast bei Spotify, eine Kriminalgeschichte aus dem Hip-Hop-Milieu, in dem von einer Frau namens Clara erzählt wird. Diese Clara fängt mit der Intention, sich furchtbar an einem mächtigen deutschen Rapper zu rächen, als Moderatorin bei einem bedeutenden deutschen Hip-Hop-Magazin an. Am Tag nach dem ersten Interview scrollt sie durch die Kommentare unter dem Video und hält es kaum aus. Es geht überhaupt nicht um den Inhalt ihres Gesprächs, stellt sie fest. Es geht nur um die Frage, wie „fickbar“ sie ist.

          Man kann sich denken, wie viel Einfluss Visa Vies persönliche Erfahrung auf die Handlung von „Das allerletzte Interview“ hatte. Sie gehört zu den erfolgreichsten Hip-Hop-Moderatoren Deutschlands. Am Mittwochabend jedenfalls stand sie in einem verdunkelten Raum und trug aus einigen realen Nachrichten und Kommentaren vor, die sie in ihrer Karriere schon zu hören bekam. Nur ein Ausschnitt: „Visa Vie könnte nicht mehr laufen und müsste ihr Tattoo nachstechen, so würde ich sie durch die Wohnung pimpern.“

          Man könnte nun darüber streiten, ob es unbedingt die Männer-Vorbilder Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sein mussten, die das Thema der sexuellen Belästigung in die abendliche Fernsehunterhaltung tragen sollten. Aber vergangene Woche hatten sie die 15 Minuten freie Sendezeit, die sie sich in der Show „Joko & Klass gegen ProSieben“ erkämpft hatten und bei deren Gestaltung sie, wenn man dem Sender glaubt, komplett freie Hand haben, noch dafür genutzt, Sequenzen aus dem Konkurrenzsender zu übertragen und geistreich zu kommentieren. Dann lieber so. Die Bühne prominenten Frauen zu geben, die von sexueller Belästigung berichten, ist ja mal eine sinnvolle Entscheidung.

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