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Islamistin bei „Anne Will“ : Frauenbeauftragte mit Vollschleier

Auge in Auge: Anne Will im Gespräch mit der Konvertitin Nora Illi. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Die Kritik an dem Auftritt der vollverschleierten Islamistin Nora Illi in der Talkshow von Anne Will reißt nicht ab. War es eine gute Idee, sie einzuladen? Die Schweizer Behörden hatten gewarnt. Jetzt will sich der NDR-Rundfunkrat mit dem Thema beschäftigen.

          Für welche Art Islam die Schweizerin Nora Illi steht, deutet sich auf den ersten Blick an. Sie trägt den Niqab, das Gewand, das seine Trägerin vollständig verhüllt, nur ein schmaler Sehschlitz bleibt frei. Das allein machte Illis Auftritt in der Sendung von Anne Will am Sonntag schon bemerkenswert. Man sieht nicht alle Tage eine Moderatorin im Fernsehen mit einer Gesprächspartnerin, die deutlich zu erkennen gibt, dass die Welt nichts von ihr sehen soll.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Entscheidend aber war die Botschaft: Da saß jemand im öffentlich-rechtlichen Programm der ARD und relativierte die Verbrechen der Mördermiliz „IS“, besser „Daesh“, als sei gar nichts dabei. Stattdessen sprach die „Frauenbeauftragte“ des „Islamischen Zentralrats Schweiz“ von der vermeintlichen Unterdrückung der Muslime, besonders muslimischer Frauen, in unserer Gesellschaft. Sie tat das so selbstverständlich, dass den anderen Gästen schließlich der Kragen platzte.

          Das ist Propaganda

          Das sei Propaganda, sagte der Islamismus-Experte Ahmad Mansour, „das kann man im öffentlichen Fernsehen nicht machen“. Dem Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach war es ebenfalls zu viel und auch dem Berliner Imam Muhammad Taha Sabri. Der IS, sagte er, sei nichts als Faschismus und begehe Menschheitsverbrechen. Und was tat die Moderatorin? Sie fragte, ganz harmlos: „Fühlen Sie sich unterdrückt, Frau Illi?“ Und verwahrte sich gegen die Kritik, sie biete einer radikalen Islamistin ein Forum für Propaganda, mit dem Hinweis, dass es zu unserem „Werteverständnis“ auch gehöre, „dass wir uns mit den Meinungen anderer auseinandersetzen“.

          Da möchte man Anne Will nicht widersprechen, aber doch die Frage nach der journalistischen Abwägung stellen. Nora Illi vertritt nicht irgendeine Position, sie verbrämt eine menschenverachtende Ideologie, die sich als Religion ausgibt. Sie fällt in die Güteklasse von Extremisten, mit denen ein Dialog schwer möglich ist und die noch jeden Auftritt als Erfolg verbuchen können, auch wenn sie - wie von den anderen Gästen der Anne-Will-Sendung - reichlich Kontra kriegen. Denn so können sie zeigen: Wir sind da! Und sich im Zweifel auch noch als Opfer vermeintlicher Intoleranz gebärden.

          Das Gespräch fiel nicht nur wegen Nora Illis Erscheinung aus dem Rahmen.

          Genau das tat Nora Illi bei Anne Will, die ohne Mansour und die anderen untergegangen wäre. Um zu begreifen, wes Geistes Kind die Schweizerin ist, die sich katholisch taufen ließ, bevor sie sich mit dem Buddhismus beschäftigte und dann mit achtzehn zum Islam konvertierte, muss man nur einmal ihr Interview im Schweizer „Blick“ lesen, in dem sie von den Vorteilen der Polygynie, also der Vielweiberei, spricht. Nicht die Polygamie, die Vielehe, befürwortet sie, sondern die Form der Ehe, die es allein dem Mann erlaubt, Sex mit mehreren zu haben. „Wenn eine Frau mehrere Männer hat, bringt das Probleme“, sagt die Vollverschleierte im Interview, und so sei das im Islam nun einmal „festgeschrieben“.

          „Oh Schreck, die Tochter ist weg!“

          Zu dem Thema, um das es bei Anne Will im Anschluss an den „Tatort. Borowski und das verlorene Mädchen“ ging - warum junge Menschen, auch gerade junge Frauen, ins Herrschaftsgebiet des IS reisen -, hat sich Nora Illi ebenfalls geäußert, und zwar in einer Weise, die jemandem wie Anne Wills Talkgast Sascha Mané, dessen Tochter nach Syrien gezogen ist, wie Hohn und Spott und brutalstmöglicher Zynismus erscheinen muss. „Oh Schreck, die Tochter ist weg! Warum Eltern von Syrien-Ausreisserinnen einen kühlen Kopf bewahren sollten“, schreibt Nora Illi. Dass Eltern ihre Töchter vor der Zwangsheirat mit einem IS-Milizionär bewahren wollen, scheint sie regelrecht zu amüsieren. Kein Wort von Mord, Folter und Vergewaltigung, dafür von einer „bitterharten Langzeitprüfung“, welche die jungen Frauen in Syrien erwarte. Aus dem hiesigen Lebenskontext auszubrechen, daran sei „aus islamischer Sicht gar nichts auszusetzen“. Man müsse eine solche Überzeugung vielmehr „als Zivilcourage hochloben“.

          So hat sich Nora Illi einschlägig als eine jener Menschenfängerinnen ausgewiesen, um die es am Sonntag im „Tatort“ und bei Anne Will ging. Doch soll man sie, um der Anschauung und der Konfrontation willen, in eine Sendung mit fünf Millionen Zuschauern einladen? Die Redaktion der Sendung von Anne Will lässt auf Nachfrage die verantwortliche NDR-Redakteurin Juliane von Schwerin antworten: „Die Redaktion hat die Einladung von Frau Illi sorgfältig abgewogen. Für das gewählte Thema der Sendung und in Kombination mit den anderen Gästen hielten und halten wir ihre Teilnahme für vertretbar und richtig. Die Zusammensetzung der gesamten Diskussionsrunde und deren Leitung durch Anne Will hat zu einer ebenso angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung geführt. Die umstrittene Haltung von Frau Illi zum Beispiel zur Problematik der Ausreise von Jugendlichen nach Syrien ist deutlich zutage getreten und heftig debattiert worden. Für die Zuschauerinnen und Zuschauer bot die Diskussion zahlreiche Erkenntnisse und Aufklärung zu einem Thema im Spannungsfeld zwischen Religion und freier Werteordnung, das unsere Gesellschaft beschäftigt.“

          Das „Spannungsfeld“, das unsere Gesellschaft beschäftigt, ist ein weites. Nicht nur der Islamismus zählt dazu, sondern auch, um ein anderes Beispiel zu nennen, Rechtsextremismus und Fremdenhass. Würde die Redaktion von Anne Will in einem solchen Kontext ähnlich verfahren wie am Sonntag? Neonazis im O-Ton?

          Oder sollte man Zynismus mit Zynismus begegnen wie der CDU-Generalsekretär Peter Tauber, der sagt: „Wenn eine Frau mit Niqab in der Sendung einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt als Frauenbeauftragte präsentiert wird, dann habe ich die Sorge, dass man demnächst im deutschen Fernsehen Herrn Assad als Menschenrechtsbeauftragten ankündigt.“

          Die Schweizer Bundesanwaltschaft warnte

          Vorgewarnt war die Redaktion von Anne Will - durch die Schweizer Bundesanwaltschaft, wie die „Bild“-Zeitung berichtet: Die Bundesanwaltschaft der Schweiz sei „irritiert darüber“, dass dem „Islamischen Zentralrat der Schweiz (IZRS) „im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Plattform geboten wird. Dies umso mehr, als dass der besagten Sendung vorgängig auf Anfrage hin mitgeteilt wurde, dass ein Strafverfahren anhängig ist gegen ein Vorstandsmitglied des IZRS sowie gegen Unbekannt.“ Bei dem Verfahren geht es um jemanden, der nach Syrien reiste und dies ihn propagandistischer Manier in einem Video dargestellt hat.

          Vom Punk zur Niqab-Trägerin: Nora Illi am Sonntagabend bei „Anne Will“

          Die „Haltung“ von Nora Illi zur Ausreise von Jugendlichen zur Mörderbande IS, die eine ganze Religion für sich gekapert hat, „umstritten“ zu nennen, wie dies die Anne-Will-Redakteurin formuliert, ist angesichts dessen schon reichlich euphemistisch. Zum Glück war das Anne Wills anderen Gästen nicht zu eigen. Sie sprachen Klartext und bewahrten die Moderatorin bei ihrer Gratwanderung vor einem bösen Absturz. Gerade noch.

          Nora Illi verarbeitet ihren Auftritt in der Talkshow in erwartbarer Weise. „Offensichtlich“, schreibt sie bei Facebook, „hat mein Auftritt gestern das bequeme, stereotype Bild der unterdrückten muslimischen Frau, die es nun zu befreien gelte, ins Wanken gebracht“. Ihren „Essay“ zu „Syrien-Ausreisserinnen“ will Nora Illi, wie sie jetzt schreibt, nicht als Werbung verstanden wissen. Der IZRS habe vielmehr davor gewarnt und „den Kampf gegen die IS-Ideologie aufgenommen“. Davon merkte man in der Sendung von Anne Will freilich nichts.

          Der Rundfunkrat des zuständigen Norddeutschen Rundfunks hat inzwischen angekündigt, sich in seiner nächsten Sitzung mit Illis Auftritt zu befassen. 

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