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Lisa Eckhart : Sie ist von Kopf bis Fuß aufs Böse eingestellt

Geht‘s den Juden mal wieder nur ums Geld? Lisa Eckhart bei einer Aufführung ihres Programms „Die Vorteile des Lasters“ in Osnabrück. Bild: Picture-Alliance

Lisa Eckhart gilt als Hoffnung des Kabaretts. Sie gibt auf der Bühne den eiskalten Engel, doch ihre Witze sind oft bloß menschenfeindlich.

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          Kabarettisten können auf der Bühne verschiedene Haltungen einnehmen. Sie können ungläubig staunen angesichts der Komplexität der Welt oder in der Manier Dieter Hildebrandts ernsthaft aufklärerisch wirken. Sie können Rollen annehmen und die veränderte Sichtweise produktiv nutzen wie etwa Georg Schramm mit seinen Kunstfiguren Oberstleutnant Sanftleben oder Nörgelrentner Lothar Dombrowski, oder durch ihr grundsympathisches Wesen das Publikum für sich einnehmen wie Hazel Brugger, die immer ein wenig wirkt wie die verpeilte, aber supernette Mitbewohnerin, der man nicht böse sein kann, obwohl die Küche schon wieder aussieht wie Hund. Lisa Eckhart hingegen weiß alles, hat alles verstanden und lacht auf uns Nichtswürdige herab, was ihr den Ruf eingetragen hat, bitterböse und intelligent zu sein und sich nicht um Tabus zu scheren.

          Lisa Eckhart heißt eigentlich Lisa Lasselsberger, wurde 1991 oder 1992 im österreichischen Leoben geboren und ist Kabarettistin. Außerdem ist sie auf der Bühne eine ziemlich auffällige Erscheinung mit platinblondem bis grau gefärbtem, zu Betonwellen fixiertem Haar, starkem, perfekt aufgemaltem Make-up und knapper, etwas zu ostentativ extravaganter Kleidung. Der Autor der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ leitete ein Porträt über Eckhart mit einer ausführlichen Beschreibung der textilen Gegebenheiten ein, unter ebenfalls sorgfältiger Betrachtung der unverdeckten Teile, und das sind etliche. Wer Lisa Eckhart einmal gesehen hat, der erinnert sich an sie. Gelegenheiten, sie zu sehen, gibt es zurzeit viele, sie wird als österreichische Kabarettnachwuchshoffnung durch die öffentlich-rechtlichen Sender gereicht und üppig mit Preisen bedacht. In diesem Sommer erscheint ihr Roman „Omama“ beim Hanser-Imprint Zsolnay.

          Aufquellende Tampons in Salzwasser

          Eine Sichtung ihrer Programme „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ und „Die Vorteile des Lasters“ werfen dann aber doch Fragen auf. Warum bekommt man von der jungen weiblichen Kabaretthoffnung fade Witzchen über aufquellende Tampons in Salzwasser geboten? Wie schnell kann man von Latrinenwitzen zu diesen „Transsexuellen“ mit ihrem „chirurgisch konstruierten Tatar von Gemächt“ kommen, und muss man das wirklich so beschreiben? Wie viel Humorpotential birgt die Frauenquote, „die Schindler-Liste des Sexismus“? Gibt es wirklich überall moralische Beschränkungen, die das Land in den Untergang reißen, und ist das das größte Problem, das wir haben?

          Momentan treibt einige außerdem ein Video um, das der WDR bereits am 14. September 2018 auf Youtube hochgeladen hat. Es ist einigermaßen bezeichnend, wie wenig Menschen sich für öffentlich-rechtliche Kabarettsendungen interessieren müssen, dass diese Jubiläumsgala der „Mitternachtsspitzen“ offenbar jahrelang ignoriert wurde. „Kommt ihnen #Metoo nicht auch komisch vor?“, fragt Eckhart darin, und hebt darauf ab, dass einige der beschuldigten und zum Teil verurteilten sexuellen Täter aus dem Filmgeschäft Juden sind. Es folgt eine fröhliche Reproduktionsarie diverser Vorurteile, die seit Jahrhunderten gegen Juden gehegt werden, um schließlich zu folgern: „Denen geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“

          Die Ressentiments von Herrenstammtischen

          Das ist böse, aber ist es auch lustig? Wie viel Humor braucht sogenannter schwarzer Humor, um sich nicht auf reine – wenn auch wohlformuliert und halbwegs kultiviert vorgetragene – Menschenfeindlichkeit zu reduzieren? Eckhart überschreitet Grenzen, hört man, sie halte sich nicht an die Regeln der politischen Korrektheit, das sei äußerst erfrischend.

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          Diese Grenzen sind die, die man von Herrenstammtischen kennt, die sich lautstark darüber mokieren, was heute alles verboten sein soll und dass die doch alle spinnen – kurz, die Ressentiments von Menschen mit wenig Begabung zu Weitblick und Einfühlung. Zusammenfassen lässt sich ein Großteil ihres Programms mit „stellt euch mal nicht so an“. Gemobbte Schulkinder, Magersüchtige, rassistisch angegangene Corona-Chinesen: alle mal die Fresse halten, früher ging es den Leuten noch viel schlechter. Früher wurde nicht „gemobbt“, früher wurde noch zünftig geprügelt und es hat keinen gestört, weil die Gesellschaft noch nicht so verweichlicht und dekadent war. Zack, über alle Zwischentöne drübergebügelt. Es gibt Pilsstuben, in denen hat man das schon differenzierter gehört. Lisa Eckhart geht nicht dahin, wo es weh tut, sie ist schon längst da und hat sich mit dem Bösen verbündet, was viele fasziniert. Doch sie bleibt dort, sie wechselt nie die Position, den Ton, das Tempo. Auf andere zu zeigen und sie für blöd, weinerlich oder hässlich zu erklären, ist für eine Kunstfigur fünf Minuten lang lustig, wird dann aber sehr schnell sehr langweilig, weil es keinen Mehrwert erzeugt.

          Es ist ja nicht so, dass das österreichische Kabarett das nicht könnte. Wo ein Josef Hader ein Bühnenprogramm in sieben Rollen spielt, von albern und witzelnd bis hin zu Momenten, in denen er als ukrainische Prostituierte Jelena Mozart-Arien singt und man vor zarter Angerührtheit heulen möchte, wo ein Günther Paal als Gunkl wissenschaftlich-philosophische Ritte aus dem Nichts holt, bis man nicht mehr weiß, in welcher Dimension man gerade existiert, falls überhaupt noch, da ist die Fallhöhe zu Eckharts stumpf vorgetragenen Witzchen ohne doppelten Boden doch einigermaßen groß. Falls sie irgendwo positiv auffällt, dann höchstens neben Dieter Nuhr, dessen Sendung sie regelmäßig als Gast beehrt.

          Das Wissen um die eigene Unzulänglichkeit

          Und dann kommt der unangenehme Moment, in dem man erkennt: Sie hat keine Ahnung, wovon sie redet. Sie ist offenbar wirklich nur auf den Applaus derer aus, die sich nicht vorstellen können, dass es Gründe im Leben gibt, sich vielleicht doch ab und zu anzustellen. Und hört zuverlässig immer dort auf, wo es eigentlich interessant wäre, weiterzudenken und die knirschenden Positionen produktiv komisch auszuloten, anstatt Sockenpuppen hochzuhalten. Erst dann, wenn man sich fragt, warum es knallt, gibt es Erkenntnisgewinn.

          Komik geht mit Brüchen und mit dem Wissen um die eigene Unzulänglichkeit einher, Lisa Eckhart geriert sich als kalte Fassade ohne Risse und ohne Mitleid für oder auch nur Interesse an Menschen. Auch Komikerinnen mit Schnauze und viel Selbstbewusstsein können ein großes Herz haben, wie die großartige Idil Baydar mit ihrer Figur der „Jilet Ayse“ beweist. Sie hat Ayses Vorbilder als Integrationsbegleiterin an einer Kreuzberger Schule jahrelang studiert – solche Genauigkeit der Menschenbeobachtung geht Eckhart ab. Und man braucht ein wenig Mut zur Wärme, um die auf das Publikum abgefeuerten Schüsse zu konterkarieren. Wer sich selbst aber in eine Pose der überlegenen Perfektion wirft, und auf die herabschaut, die es nicht sind, der mag vieles sein – besonders komisch ist er nicht.

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