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Notkredite für den Fußball : Pleitegeier am Ball

Französischer Fußball: Nicht nur Weltstar Neymar liegt am Boden. Bild: Reuters

In Frankreich erzielte der Verkauf der TV-Rechte für Fußballübertragungen Unsummen – jetzt fehlt Geld. Der Sender Mediapro verweigert die Auszahlung einer enormen Summe.

          3 Min.

          Im französischen Spitzenfußball ist die nackte Panik ausgebrochen. Die Verantwortlichen der Ligue 1 verhandeln mit englischen Banken über einen Notkredit. Mehreren Klubs steht das Wasser bis zum Hals. Die Meisterschaft des vergangenen Jahres, die wegen Corona abgebrochen und nie zu Ende gespielt wurde, hat gigantische Löcher in die Kassen gerissen. Die Einnahmen aus dem Kartenverkauf fehlen. Die TV-Sender weigerten sich, für die ausgefallenen Spiele zu bezahlen. Vergeblich versuchten die Vereine, teure Spieler zu verkaufen. Der Staat bürgte für ein 224-Millionen-Euro-Darlehen, das in den nächsten vier Jahren zurückbezahlt werden muss.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          In der Krise hofften alle auf die neue Saison. Die Versprechungen waren großartig: Im Mai 2018 hatte die Liga die TV-Rechte in einem vorgezogenen Verfahren für die Jahre ab 2020 bis 2024 neu ausgeschrieben. Sie stiegen auf insgesamt über eine Milliarde Euro – 60 Prozent mehr als zuvor. Ein Geldsegen war angesagt. Endlich würde die Ligue 1 in der gleichen Liga wie die Landesmeisterschaften in England, Spanien, Italien und Deutschland spielen. Wenige Wochen nach der Auktion wurden die Franzosen in Moskau Weltmeister. Die Euphorie war grenzenlos.

          Weniger als 400.000 Abonnenten

          Für 780 Millionen Euro hatte Mediapro die TV-Rechte für die besten und meisten Spiele erworben. Das von Jaume Roures begründete Unternehmen, in dem chinesische Aktionäre die Mehrheit besitzen, ist vor allem in Spanien tätig. Die Erfahrungen in Italien, wo die Vergabe der Rechte an Mediapro wegen mangelnder Bankgarantien rückgängig gemacht worden war, schlugen die Verantwortlichen in den Wind. Die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit mit dem Bezahlsender Canal+ zählte nicht mehr. Ihm verblieben ein paar Brosamen – schon die Champions League hatte er an einen neuen Marktteilnehmer verloren: Radio Monte Carlo (RMC) aus dem Konzern des Kabel- und Handy-Anbieters Altice. Die Aufteilung der Rechte vor der Versteigerung war bereits eine gezielte Kampfansage an die Platzhirsche Canal+ und BeIN.

          Sie mussten nach dem Verlust ihre Angebote umstellen und die Redaktionen abbauen. Bis zum Saisonauftakt Ende August gab es Zweifel, ob Mediapro überhaupt in der Lage sein würde, die Infrastruktur aufzubauen. Erst kurz vor dem Anpfiff wurde der Name bekannt: „Telefoot“ – nach einer historischen Sendung, die in Frankreich einst so wichtig war wie die „Sportschau“ der ARD. Bis zuletzt war nicht klar, bei welchen Anbietern Telefoot Gastrecht bekommen würde. Canal+, dem die Übernahme der Spiele verweigert wurde, hat wegen Missbrauch eines Monopols geklagt. Bei Orange mit den meisten TV-Boxen im ganzen Land gibt es ebenfalls kein Telefoot.

          Doch Mediapro sendet, und auch das Beiprogramm kann sich durchaus sehen lassen. Im August wurde die erste Tranche rechtzeitig auf das Konto der Liga überwiesen. Um den Verkauf des Abonnements – 25 Euro pro Monat – anzukurbeln, hatte die Liga den Klassiker des Jahres, die Begegnung zwischen Paris Saint-Germain und Marseille, schon auf den dritten Spieltag angesetzt. Gleichwohl hat Telefoot nach Angaben von „Le Monde“ weniger als 400.000 Abonnenten. Nötig wären drei Millionen. Nicht nur in den Stadien, auch im Fernsehen findet die Meisterschaft praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie befindet sich in einer teuflischen Spirale.

          „Wir sind dabei, uns selbst aufzuhängen“

          Vor wenigen Tagen teilte Jaume Roures in einem Interview mit „L’Equipe“ mit, dass er von der Liga einen Preisnachlass und den Vertrag neu aushandeln will. Um Druck zu machen, verweigert er die Zahlung der im Oktober fälligen 172 Millionen. Aber vielleicht fehlt ihm bereits das Geld, um die Verbindlichkeiten zu erfüllen. Die nächste Überweisung steht im Dezember an. Mediapro versuchte offenbar schon Ende September, vor Gericht einen Aufschub für die Zahlungen zu erreichen.

          Die Liga verweigert jegliche Verhandlung: Wenn sie Mediapro einen Nachlass gewährt, muss sie dies auch gegenüber den anderen Rechteinhabern tun. Dass eine Preissenkung mehr als gerechtfertigt wäre, kann niemand bestreiten. Doch die Liga fürchtet, dass die Vergabe der Rechte vor Gericht angefochten werden könnte und eine neue Ausschreibung erfolgen müsste. Mit voraussehbaren Einbußen.

          „Wir sind dabei, uns selbst aufzuhängen“, hatte Lyon-Präsident Jean-Michel Aulas den Abbruch der Meisterschaft kommentiert. Auf 1,5 Milliarden bezifferte der Politologe Nicolas Baverez schon im Frühsommer den durch Corona bedingten Ausfall: „Die Mehrheit der Klubs ist schlicht pleite.“

          Mit dem Ausfall der Mediapro-Zahlungen hat sich die Krise zusätzlich verschärft. An diesem Donnerstag will sich das Parlament mit ihr befassen. Das Geschäftsmodell des französischen Fußballs ist vom Zusammenbruch bedroht. Wenn das Geld ausbleibt, werden die kleinen Klubs vor Ende der Spielzeit bankrott sein und nicht mehr antreten können. Sie bekommen aus den TV-Rechten mindesten 35 Millionen Euro. Gegenwärtig fehlen auch die Zuschauereinnahmen. Vor Mediapro war bereits Altice nach seinem Sieg im Poker um die TV-Rechte schnell wieder von der brutalen Wirklichkeit eingeholt worden. Die Champions League, für die eigens ein Sender aufgebaut wurde, wird mit Canal+ geteilt. Das könnte bestenfalls auch mit der Landesmeisterschaft geschehen – um den Preis hoher Abschreibungen für alle. Realistischer aber erscheint der Ernstfall mit der schlimmstmöglichen Wende.

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