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Schauspieler drehen ohne Gage : Jetzt spiele ich einfach mal in meinem eigenen Film

  • -Aktualisiert am

Anschluss unter dieser Nummer: Marion Mitterhammer wusste, welche Rolle sie spielen wollte. Doch dafür musste sie in „Vanessa“ auch Regie führen. Bild: Rokon Street

Was, wenn Schauspieler nicht mehr vergebens auf den Anruf vom Sender und die nächste Rolle warten wollen? Sie arbeiten ohne Gage, sammeln Geld oder drehen selbst. Das Beispiel könnte Schule machen.

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          Wie mag es um den deutschen Film bestellt sein, wenn trotz jährlicher Budgets von mehreren hundert Millionen Euro Schauspieler lieber ihre eigenen Filme drehen, statt mit dem zufrieden zu sein, was von staatlicher oder Senderseite finanziert und gefördert wird? Es ist ein kleiner, mutiger Trend, eine Ausweichbewegung, ein Akt der Selbstbehauptung, dem sich arrivierte Schauspieler verschreiben, die dem Besetzungsraster der Sender nicht (mehr) entsprechen: Geld sammeln, sich verschulden, auf Gage verzichten, um endlich spielen zu können, was sonst kein Buch und kein Produzent bieten.

          „Auf der Leinwand und im Fernsehen gibt es keine redaktionelle Freiheit mehr“, sagt der Schauspieler und Regisseur Andreas Arnstedt. „Der Redakteur hat einen Chef, und wenn beim nächsten Film die Quote nicht stimmt, ist er seinen Job los. Deswegen sind alle so mutlos. Deswegen haben wir fast nur noch Fernsehen auf der Leinwand. Nicht nur - aber viel zu oft. Die wenigen Ausreißer zeigen, dass es das Fernsehen doch kann.“ Arnstedt wollte nicht darauf warten. Sein neuer Film mit einer Crew von dreizehn Mitarbeitern plus Schauspielern kostet 50 000 Euro und wurde an 22 Tagen gedreht, von denen keiner länger als zehn Stunden dauerte. „Du denkst, es ist ein Millionenfilm“, sagt Arnstedt. Seine Hauptdarstellerin heißt Veronica Ferres. Sie arbeitet ohne Gage.

          „Das musste ich einfach spielen“

          Das hat jetzt auch Uschi Glas getan. Der Regisseur habe sich um sie bemüht, das Drehbuch habe ihr außerordentlich gut gefallen: „Da musste ich einfach mitspielen.“ Das Lob gilt „Vor. Seit. Schluss!“, dem Erstling des Regisseurs Alexander Peter Lercher, der beim Hollywood-Film-Festival in diesem Jahr den ersten Preis gewonnen hat. „Unter dreitausend Einsendungen“, betont Uschi Glas und verschmerzt, dass sie für ihren Beitrag zum Film komplett auf die Gage verzichtet hat. Frage ein Sender an, sei das selbstverständlich anders. „Da gelten meine normalen Gagen.“ Das Stück, in dem sie spielt, lief bei den Biberacher Filmfestspielen im November in der Rubrik „Bester Nachwuchsfilm“.

          Um den Hauptpreis bewarb sich ein Film, der unter vergleichbaren Umständen zustande kam und mit dem die Schauspielerin Marion Mitterhammer das Warten auf das richtige Drehbuch beendete. Es geht um die authentische Geschichte einer Schlagersängerin, die nach dem Ende ihrer Karriere auf der kleinen Mittelmeerinsel Gozo hauste und für den Besuch eines Kamerateams aus der Heimat alle Hebel in Bewegung setzt, um den schönen Schein zu wahren. „Ich merkte schnell, dass es lange gedauert hätte, bis sich so ein Stoff mit Senderunterstützung realisieren ließ - falls überhaupt -, und habe es einfach selbst gemacht“, sagt Marion Mitterhammer.

          Die Zeit drängte

          Die Zeit drängte, denn auf Malta und Gozo sollte das historische Laternenlicht der neuen Euronormbeleuchtung weichen und das hätte dem nächtlichen Geschehen in „Vanessa“ viel von seinem Charme genommen. Unterstützt von ihrem Mann Hans-Günther Bücking, der die Kamera führte, und renommierten Schauspielerkollegen inszenierte Marion Mitterhammer ein Roadmovie, das den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. „Vanessa“ wurde beim Mailänder Filmfestival in vier Kategorien nominiert. Hans W. Geißendörfer sprach von einem „der überraschendsten und besten Kinofilme der letzten Jahre“.

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