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Zukunft des Films : Warum die Kinobranche eine halbe Milliarde Euro braucht

  • -Aktualisiert am

Hier gibt es zur Zeit nichts zu sehen: der leere Saal des Delphi-Filmpalasts in Berlin Bild: dpa

Geschlossene Lichtspielhäuser und abgebrochene Dreharbeiten: Thomas Negele vom Verband der Filmwirtschaft erklärt, warum seine Branche dringend Hilfe von Politik und Fernsehsendern braucht.

          5 Min.

          Ihr Dachverband rechnet vor, dass die Filmwirtschaft kurzfristig 563,5 Millionen Euro braucht, um die Corona-Krise zu überstehen. Wer soll diese Summe aufbringen?

          Hier ist Wirtschaftspolitik gefragt. Die Sofortmaßnahmen von Wirtschafts- und Finanzministerium sind richtig, die Filmwirtschaft kann daran aber bisher kaum partizipieren. Gleichzeitig ist unsere Branche von den Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie besonders betroffen Die Kinos sind geschlossen und Produktionen abgebrochen oder eingestellt worden. Die Folge: Die meisten Unternehmen generieren keinen oder deutlich weniger Umsatz, während die Personal- und Fixkosten weiterlaufen. Die Konsequenz ist, dass viele an ihre Reserven gehen müssen und dann Mittel für Investitionen fehlen oder sie schnell insolvent sind. Daraus folgt, dass Mieten nicht bezahlt werden können, Dienstleister oder Filmschaffende nicht beschäftigt, Studios nicht gemietet oder Ausrüstungen nicht gekauft werden können. Die Regierung muss deshalb dafür Sorge tragen, dass dieser Corona-Blackout für die Filmwirtschaft kostenneutral verläuft. Denn wenn viele Betriebe schließen müssen, nützt auch das beste Konjunkturprogramm nichts mehr.

          Wieso eine halbe Milliarde Euro?

          Wir haben hochgerechnet, wie groß die Umsatzausfälle durch Schließung der Kinos sowie Produktionsstopps bei einem Stillstand von drei Monaten sein könnten. Dabei haben wir das Kurzarbeitergeld und weitere Sofortmaßnahmen, die bei den variablen Kosten greifen, schon berücksichtigt. Selbst wenn man die Hilfen durch Bund und Länder, die für alle Wirtschaftsunternehmen beschlossen sind, einbezieht, bleibt – auch durch die Spezifik unserer Branche – dieser Betrag von zirka 563 Millionen Euro ungedeckt. Sollte sich bei der „Endabrechnung“ herausstellen, dass die Soforthilfen größer sein sollten, reduziert sich diese Summe. Leider greifen auch die jüngsten Maßnahmen nicht annähernd ausreichend in unserer Branche, deshalb werben wir für einen spezifischen Stabilitätsfonds.

          Kinobetreiber und Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft: Thomas Negele

          Wer soll das Geld geben?

          Die Finanz- und Wirtschaftsministerien des Bundes und der Länder haben Sofortprogramme – wenn man so will eine Grundsicherung – für die Wirtschaft beschlossen. Gleichzeitig sehen wir aber, dass branchenspezifische Lösungen erforderlich sind – nehmen Sie den Start-up-Rettungsfonds. Da wurde genau hingeschaut: Was brauchen diese Unternehmen, um durch die Krise zu kommen? Dabei sagen wir ganz klar: Ein Stabilitätsfonds für die Filmwirtschaft soll subsidiär sein zu den bestehenden Maßnahmen. Denn es geht darum, bestehende Nachteile, die sich insbesondere aus den unregelmäßigen Geschäftszyklen des Films ergeben, gegenüber anderen Branchen auszugleichen. Die Bundesregierung hat mit dem KfW-Schnellkredit bei der Mittelstandslücke nachgebessert – ein Verdienst auch der FDP, die sehr früh darauf gepocht hat. Genau in diese Lücke fallen bisher fast die Hälfte der Firmen unserer Branche. Auch hier gilt: Darlehen können nur Teil der Lösung sein. In vielen Bereichen helfen uns nur Zuschüsse oder bedingt rückzahlbare Darlehen. Die jetzigen Darlehen verschieben Probleme nur in die Zukunft. Deshalb sehen wir den Bundesfinanzminister in der Pflicht. Einen solchen Stabilitätsfonds können auch Bund und Länder gemeinsam finanzieren.

          Wann sollte der Fonds starten?

          So schnell wie möglich. Denn selbst wenn die Kinos in einigen Wochen wieder öffnen, werden sie nicht sofort wieder einen hundertprozentigen Umsatz erreichen, obwohl die Kosten wieder in vollem Umfang anfallen. Das wird Monate dauern. Diese Zeit muss überbrückt werden.

          Sehen Sie auch die EU mit dem „Media“-Programm in der Pflicht?

          Ganz wichtig ist jetzt, so schnell wie möglich ein Media-Budget für 2020 bis 2024 zu beschließen und zu sichern. Denn die Filmbranche denkt europäisch. Sie ist international vernetzt und stark arbeitsteilig organisiert. Daher ist die Situation der Filmunternehmen überall in der EU ähnlich. Sie bleiben bei den Maßnahmen der nationalen Regierungen außen vor. Wir brauchen Hilfe, die speziell auf den projektbezogenen Charakter und die unregelmäßigen Geschäftszyklen des Film- und Fernsehsektors zugeschnitten ist. Deshalb sollten wir auch die Mobilisierung der Europäischen Investitionsbank diskutieren. Zum Beispiel durch die Einrichtung zinsloser Darlehen für die auf europäische Zusammenarbeit spezialisierten Unternehmen der Filmwirtschaft – und zwar von den Produzenten über Verleih und Vertrieb bis zu den Kinos.

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