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Doku „Krieg und Holocaust“ : Auffrischungskurs in deutscher Kriegsgeschichte

  • -Aktualisiert am

Am 1. September 1939 überfallen deutsche Truppen Polen. In ihrem Rücken folgen SS-Männer mit dem Auftrag, die polnische Intelligenz zu ermorden. Bild: ZDF und Tobias Lenz

Schulfernsehen im positiven Sinn: Die zehnteilige Dokumentation „Krieg und Holocaust“ erzählt vom Weg in die „dunkelste Stunde der Menschheit“.

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          Wohin man schaut, sind die Mediatheken randvoll mit Dokus zum „Dritten Reich“. Viel davon ist gut gemacht und interessant. Und trotzdem sprachen sich bei einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Juli schockierende 28 Prozent der befragten Deutschen für einen „Schlussstrich“ unter die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus aus. Ein Viertel gibt an, vom Holocaust wenig oder nichts zu wissen. 47 Prozent finden, „die meisten“ Deutschen damals hätten „nicht so viel“ bis keinerlei Schuld an der Vernichtung der Juden getragen. 81 Prozent der Befragten sagen, vom Holocaust hätten die meisten Deutschen nichts oder nichts Genaues gewusst.

          Was kann das Fernsehen da tun? Vielleicht: Doch noch einmal die absoluten Basics vermitteln, und zwar so voraussetzungsfrei, wie es die zehnteilige neue Dokumentation „Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund“ macht. Die Überblicksdarstellung, die ZDFinfo in Auftrag gab und zu deren Ausstrahlung auf besagte Umfrage hinweist, kommt ohne Zeitzeugen-Interviews oder nachgespielte Szenen aus. Sie besteht durchweg aus historischem Film-, Bild- und Textmaterial, eingeordnet durch vierzig Historikerinnen und Historiker, einen nüchternen Sprecher sowie gelungene, dezent animierte Landkarten.

          Schulfernsehen im positiven Sinn

          Man sollte sich nicht von der schwerfälligen Einleitung irritieren lassen: „Der Albtraum einer neuen Ordnung. Führer, Volk und Rasse. Verbrechen an der Menschheit. Die Welt in Chaos und Zerstörung. Dies ist die Geschichte, wie es zur dunkelsten Stunde der Menschheit kommt.“ In einer englischen Fassung, die ebenfalls online gestellt wurde, klingt das schon besser. Auch der Titel ist treffender: „The Abyss. Rise and fall of the nazis“.

          Die Serie beschränkt sich nämlich nicht, wie man bei „Krieg und Holocaust“ meinen könnte, auf die Jahre des Zweiten Weltkriegs. Sie blickt von der Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs, in der die junge Republik von den Siegern keinen „Demokratie-Bonus“ bekommt und Hitler als „letztes Ziel“ von der „Entfernung der Juden überhaupt“ träumt, bis in die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs, in der die vom Regime perfide zusammengeschweißte „Verbrechensgemeinschaft“ ihre Verantwortung zu verschweigen versucht: „Millionen Deutsche machen die Verbrechen möglich, nicht nur die aktiv bei Deportation und Tötung Beteiligten – auch jene, die bei der Ausgrenzung mitmachen, sich bereichern, die keine Hilfe leisten.“

          Allein drei Episoden beschäftigen sich mit den Weimarer Jahren, drei weitere beschreiben die Eskalation in der Zeit nach 1933 („Rassisten an der Macht“). Schritt um Schritt geht es chronologisch voran. Bis wir in der sechsten Folge den bereits von gezielten Massenmorden begleiteten Anfang des Krieges erleben und in der siebten Folge, die mit dem Angriff auf die Sowjetunion einsetzt, endgültig das „Tor zur Hölle“ durchschreiten. Was Hölle bedeuten könnte, machen die Bilder und Filme sehr deutlich.

          Die sechs Autoren der Serie, Dominic Egizzi, Gabriele Rose, Egmont R. Koch, Martin Davidson, Dagmar Gallenmüller und Karl Alexander Weck, denken auch jetzt noch an Zuschauer, die kaum Vorwissen haben. Sie formulieren prägnant, in kurzen Abschnitten, nutzen Kapitelblätter, damit man sich festhalten kann. Biographische Skizzen brechen das chronologische Fortschreiten auf.

          Fast möchte man von Schulfernsehen reden und es positiv meinen. Das ZDF macht es sogar: „Eine weitere Ergänzung des Angebots im ZDF für den Remote-Unterricht in Corona-Zeiten.“ Aber mal abgesehen davon, ob das didaktisch Sinn hat: Die Serie ist auch so ein solider Auffrischungskurs. So ziemlich jeder Begriff und jedes Ereignis, den und das man mit den Jahren 1918 bis 1948 verbinden sollte, kommt vor – auch weil Reduktion nicht zu den Stärken der Serie gehört.

          Vom Rassismus in Weimar bis zum allgemeinen Antisemitismus

          Wer das nicht nötig zu haben meint, wird durch das reiche, jeden Leugner der deutschen Verbrechen Lügen strafende Bildmaterial und den internationalen Blickwinkel gepackt. Der Jurist James Q. Whitman erinnert zum Beispiel im Kapitel „Jeder kann es sehen 1935 – 1938“ an die rassistische Gesetzgebung in vielen amerikanischen Staaten, die einen Einfluss auf die Nürnberger Gesetze hatte: „Das ist eine nicht sehr schöne Sache für die Amerikaner.“ Ein keineswegs apologetisch gemeinter, sondern einordnender Hinweis. In der Folge erläutert Götz Aly den Unterschied in Radikalität und Konsequenz, Moshe Zimmermann die propagandistische Funktion, wenn Nationalsozialisten auf die Situation im Ausland verweisen.

          Generell müht man sich um Differenzierung: vom Rassismus in Weimar – auch der Sozialdemokrat Friedrich Ebert empfindet Kolonialtruppen am Rhein als demütigend – bis zum allgemeinen Antisemitismus, der 1938 zum Scheitern der Flüchtlingskonferenz von Evian und 1946 zum Pogrom von Kielce in Polen führt. Nicht nur steht dieser Dokumentation ein beeindruckendes Ensemble von Historikerinnen und Historikern zur Verfügung, die Serienschöpfer wissen es auch zu nutzen.

          Krieg und Holocaust – Der deutsche Abgrund läuft ab 18.45 Uhr auf ZDFinfo und in der Mediathek.

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