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Tragikomödie im ZDF : Sie sagen nein zum Leben

  • -Aktualisiert am

Überfordert: Bestatter Karsten (Fabian Hinrichs) stolpert durchs Pointen-Dickicht. Bild: ZDF und Felix Meinhardt

Ulk-Einlagen und Fremdschamschauer: Im ZDF-Film „Irgendwann ist auch mal gut“ wollen sich zwei alte Eheleute umbringen. Ihr Sohn ist überfordert – und setzt einen slapstickhaften Sketch-Marathon in Gang.

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          Der Vater sagt beim Weihnachtsessen: „Ich werde mich umbringen.“ Daraufhin geht der Sohn in die Küche und fragt: „Wer will Donauwelle, wer will Bienenstich?“ So sieht sie aus, die dunkle Seite des deutschen Humors, wo Abgründe und Häkeldeckenpiefigkeit als Bündnispartner auftreten. Vom Todeswunsch zum Backwerk geht es nicht, wie beabsichtigt, über einen Veredelungsparcours, an dessen Ende Ironie und Augenzwinkern stehen. Vielmehr hat die Szene aus Christian Werners Film „Irgendwann ist auch mal gut“ die Fallhöhe einer implodierten Klein-Erna-Pointe.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Solche Witze sind, guter Wille vorausgesetzt, als Ausrutscher zu verkraften. Ungemütlich wird es, wenn sie eine neunzigminütige Handlung tragen sollen, in der die Figuren erst immer schmaler und schließlich zu dramaturgischen Strichmännchen werden, welche nie über die Rolle als Stichwortgeber hinauswachsen. So besteht das Drehbuch von Daniel Bickermann vor allem aus Sketchen: Karsten (Fabian Hinrichs), der Sohn des suizidalen Vaters (Michael Wittenborn), beim sozialen Notdienst, als Einbrecher im Haus der Eltern, auf der Couch der Anwältin (Julia Richter) seiner Exfrau. Erschwerend kommt hinzu, dass zwischen den Ulk-Einlagen ein Plattitüden-Blizzard tobt, der uns eiskalte Fremdschamschauer über den Rücken jagt: „Sie sagen immer nur nein zum Tod, sagen Sie mal ja zum Leben.“

          Witzigkeit kennt keine Grenzen

          Ja zum Tod und nein zum Leben hat nicht nur Karstens an Parkinson erkrankter Vater gesagt, auch seine kerngesunde Mutter (Franziska Walser) möchte sich flotterdings von ihrer Existenz verabschieden. Deadline: in fünf Tagen. Motto: nicht ohne meinen Mann. Karsten, der übrigens Bestatter ist, was die Gag-Möglichkeiten dieses Tragikomödiantenstadels schier endlos erweitert, kann damit genauso wenig umgehen wie mit seiner Kollegin Ellie (Maresi Riegner) und dem auseinanderfallenden Leichenwagen. Dass er ständig Mülltonnen umfährt, ist zwar nicht lustig, metaphorisch aber garantiert von hirnschmalzreichem Hintersinn.

          Der Film basiert auf einem wahren Fall und verbindet die moralischen Probleme eines selbstbestimmten Todes mit den Konflikten zweier Generationen, verlässt sich jedoch allzu blind auf George Orwells Erkenntnis, wonach jeder Witz eine winzige Revolution sei. Scherze, vor allem die drastischen, ziehen gesellschaftlichen Normen für einen Moment den Stecker und setzen soziale Erwartungen außer Kraft. Diese Art der Befreiung ist für kurze Zeit mit Lustgewinn verbunden – solange die Kalauer nicht hochdosiert angeboten werden. Beim „Jungen Kino im Zweiten“ kennt Witzigkeit allerdings keine Grenzen, wobei das Mittel der Wahl meist slapstickhafte Stolperkomik ist, etwa wenn sich Karsten auf einer Party seiner Eltern mit einem Bandoneon-Spieler prügelt.

          Christian Werner und Produzent Sebastian Sawetzki wollen mit dem Film eine gesellschaftliche Debatte anregen. Jedes Jahr nehmen sich rund zehntausend Menschen in Deutschland das Leben, fünfzig Prozent davon sind über sechzig Jahre alt. Rechnet man die sogenannten „stillen“ Alterssuizide mit, ist die Zahl um einiges höher. Wer eine Debatte befördern möchte, muss gleichwohl zeigen, dass er sein Thema im Griff hat und ernst nimmt. Das schließt, Chaplin behüte, Komik nicht aus. Allerdings sollte sie den Stoff stützen und ihm eine Form verleihen. In „Irgendwann ist auch mal gut“ verhält es sich umgekehrt, denn dort fungiert das Sujet nur als Sidekick einer aus dem Ruder laufenden Jux-Kaskade.

          Irgendwann ist auch mal gut läuft an diesem Donnerstag um 23.15 Uhr im ZDF.

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