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Wahlkampf in Amerika : Obama macht den Nixon

  • -Aktualisiert am

Beim ersten Duell schwächelte er: Barack Obama, hier in einem Porträt, das ein Künstler aus Colorado aus mehr als 2000 Käse-Sticks geschaffen hat Bild: dapd

Die erste Wahlschlacht im amerikanischen Fernsehen hat Mitt Romney lächelnd für sich entschieden. Doch das ist nur eine Etappe: Jetzt kommt es auf die Mediendebatten über die Debatte an.

          3 Min.

          Wie wenig sich doch verändert hat, seit Nixon und Kennedy vor mehr als einem halben Jahrhundert nebeneinandersaßen und sich gegenüberstanden, im allerersten Fernsehduell um die Präsidentschaft. Gut, Farbe und HD sind jetzt für Obama und Romney dazugekommen, aber die Atmosphäre der Veranstaltung ist in ihrer staatstragenden Gespanntheit und nur schlecht verdeckten Nervosität die gleiche geblieben. Jim Lehrer, der altgediente Moderator, der auch schon 1960 hätte dabei sein können, verstärkte noch mit seiner allzu behutsamen Gesprächsführung aus wohlgeübter Distanz die Verbindungslinien zur Vergangenheit.

          Nixon, so geht seitdem die Erzählung, sei im Wortkampf gescheitert, aber nicht, weil er den Faden verloren oder ein paar Zahlen durcheinandergebracht habe. Den Ausschlag gab, wie es heute heißen würde, die likability. Und um die ging es auch jetzt. Wer kommt besser rüber? Wen mögen die Leute mehr? Wen wollen sie sich die nächsten vier Jahre als Dauergast nach Hause einladen? Das Duell, ein Popularitätswettbewerb. Der klare Verlierer: Obama.

          Fast ein Streitgespräch

          So sahen es wenigstens die Meinungsmacher, traut vereint von links bis rechts, von Fox News bis MSNBC, und auch in der Mitte, wo CNN wacker die Stellung hält, war nichts anderes zu hören. Vielleicht haben die Kommentatoren ja recht, vielleicht aber hat das Duell auch draußen im Land ganz anders gewirkt. Erste Umfragen sind allerdings für Obama wenig schmeichelhaft. Zu erleben waren zwei Kandidaten, die sich nicht damit begnügten, Auszüge aus ihren Wahlkampfreden zum Besten zu geben. Sie vergruben sich in Details, Zahlen und Statistiken zur Steuergesetzgebung, Arbeitsplatzbeschaffung und Gesundheitspolitik, was dem Unterhaltungswert der Veranstaltung nicht gerade guttat. Anderthalb Stunden politischer Kleinkram.

          Barack Obama bei der Fernsehdebatte mit Herausforderer Mitt Romney. Bilderstrecke
          Barack Obama bei der Fernsehdebatte mit Herausforderer Mitt Romney. :

          Immerhin war das Debattenformat derart frei zurechtgeschnitten, dass die Kandidaten Gelegenheit bekamen, fast so etwas wie ein Streitgespräch zu führen. Ganz Amerika wusste, worauf es dabei zu achten hatte.

          Worauf es angekommen wäre

          Erstens: the zinger. Der verbale Knalleffekt, auch als one-liner bekannt, blieb aber diesmal aus. Nicht einmal ein leutseliges „There you go again“, wie es der Kandidat Reagan lächelnd servierte, war zu hören. Und kein Schnitzer, wie ihn Präsident Ford vollbrachte, als er den Ostblock frei von sowjetischem Einfluss erklärte, ließ aufhorchen. Obamas kleiner Seitenhieb auf Donald Trump und Romneys halbherzige Bemerkung, der Präsident könne zwar ein eigenes Flugzeug haben, aber keine eigenen Fakten, verpufften ziemlich lautlos.

          Zweitens: the game-changer, auszulösen zum Beispiel vom zinger. Auch da gab es keinen entscheidenden Augenblick. Es sei denn, der ganze Abend käme als game-changer in Betracht. Das aber hängt ab von: drittens, siehe oben: the likability. Wer sich diesbezüglich auch nach dem Duell noch nicht sicher war, brauchte nur vor dem Fernseher sitzen zu bleiben und sich den Rest des Abends den Kommentatoren und Spindoktoren auszuliefern.

          Ein lustlos wirkender Präsident

          Auch eingefleischte Fans des Präsidenten werden nicht leugnen, dass er einigermaßen lustlos, wenn nicht zerstreut wirkte und womöglich doch lieber den zwanzigsten Hochzeitstag, den er an diesem Abend feierte, allein mit Michelle verbracht hätte. Romney vergaß übrigens nicht, brav zu gratulieren. Zudem aber verströmte er einen Eifer, eine Lebhaftigkeit, ein ununterdrückbares Machertum, wogegen der Präsident mit sparsam eingesetztem Zahnpastalächeln auf verlorenem Posten stand.

          Gab sich der ehemalige Gouverneur zu streberhaft? Ging sein Dauerlächeln bisweilen in ein spöttisch fixiertes Grinsen über? Obama kann nur hoffen, dass die Mehrheit der noch unentschiedenen Wähler dieser Ansicht ist.

          Versunken im Medienmüll

          Immer vorausgesetzt, dass die, schon hart geprüft durch die sich wochenlang dahinziehende Vorbereitung der Veranstaltung, auch für deren Nachbereitung noch empfänglich sind. Nixon und Kennedy würden sicher Augen machen. Das Fernsehduell, wie sie es kannten, mag es noch geben, aber sein Umfeld ist nicht mehr wiederzuerkennen. Der vertraute Schlagabtausch versinkt unter einem Wust von Medienmüll, in dem die belangvolleren Substanzen kaum mehr auszusortieren sind.

          Wie wichtig für den Wahlausgang die sechzig oder neunzig Minuten jeweils waren, ist ohnehin umstritten. Eigentlich hat nur mit Kennedy und Bush der Zweite einen vielleicht entscheidenden Vorteil durch die Debatten gewonnen. Heute ist ihre Bedeutsamkeit noch unklarer. In 34 Bundesstaaten, wo der Urnengang schon in vollem Schwung ist, braucht niemand mehr auf das Debattenergebnis zu warten.

          Wahlkampf total

          Dennoch haben die Debatten über die Debatten sich in den Vordergrund manövriert, natürlich dank der nicht immer wunderbaren Vermehrung der Nachrichtenkanäle, der einschlägigen Websites und Blogs und Meinungsplattformen von Twitter bis Facebook. Gerade die nicht mehr ganz neuen Medien sorgen dafür, dass sich auch während der neunzig Minuten, in denen die Kandidaten sich einst dem Politmarketing entzogen oder es zumindest eigenhändig übernahmen, weil sie ganz auf sich selbst gestellt waren, das Wahlkampfgetöse fortsetzt.

          Im totalen Wahlkampf darf es keine Pause mehr für eine vernünftige Debatte geben. Das Gespräch, zu dem die Kandidaten zusammengeführt werden, ist nur ein Vorwand, um daraus Material für neue Angriffe und Verteidigungsstrategien zu gewinnen, gleichzeitig, vorher und nachher. Weit wichtiger jedenfalls als das Ereignis ist seine Verwertung. Also kann die Nachbereitung, die jetzt auf Hochtouren läuft, bruchlos in die Vorbereitung der zweiten Debatte übergehen. Obama wird dann als Underdog antreten.

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