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VZ-Netzwerke : Das Gegenstück zu Facebook stellt sich um

Neues Modell, alte Zielgruppe: Schüler VZ soll eine Lernplattform für Zehn- bis Neunzehnjährige werden Bild: dapd

Umstrukturierung in der VZ-Zentrale: Ein Befreiungsschlag gegen Facebook ist anvisiert. Schüler-VZ wird zu „IDPool“, eine Lernplattform für Jugendliche.

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          Wannstirbtstudivz.net ist eine Internetseite, die die vermeintlich verbleibende Lebenszeit des sozialen Netzwerks StudiVZ herunterzählt. Der Countdown auf der Seite endet in acht Monaten und 22 Tagen. Angesichts der Neuigkeiten, welche die Betreiber der drei VZ-Netzwerke am Montag verbreiteten, könnte das durchaus wahr werden. Die Internetplattformen werden im vierten Quartal dieses Jahres in einem neuen Unternehmen zusammengeführt und strukturell neu ausgerichtet.

          Oliver Kühn
          Redakteur in der Politik.

          Wie die VZ Netzwerke mitteilen, wird der neue Name des Unternehmens „Poolworks“ lauten, SchülerVZ wird in IDPool umbenannt. Die beiden anderen Plattformen StudiVZ und MeinVZ werden erst einmal nicht angetastet, im vierten Quartal würden „Optionen“ - welche ist noch offen - auch für diese beiden geprüft.

          SchülerVZ soll in eine Lernplattform für Zehn- bis Neunzehnjährige verwandelt werden. Künftig soll sie „Funktionalitäten rund um den Austausch von Jugendlichen zu ihren Interessen und Fähigkeiten“ bieten, wie Stefanie Waehlert, Vorstandvorsitzende der VZ-Netzwerke, sagt. Sie sieht die neue Strategie als „Befreiungsschlag“, der helfen soll, die „führende Position im Markt für soziale Jugendnetzwerke auszubauen“.

          SchülerVZ war bis dato die Plattform der VZ-Netzwerke, die von Facebook am wenigsten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das liegt daran, dass das Mindestalter, mit dem man sich bei Facebook anmelden kann, bei dreizehn Jahren liegt. Das amerikanische Netzwerk arbeitet aber zurzeit daran, auch die jüngere Zielgruppe zu integrieren.

          Ein Rückgang von 75 Prozent

          StudiVZ wurde im Jahr 2005 als Netzwerk für Studenten gegründet und sollte dem damals nur englischsprachigen Facebook in Deutschland Konkurrenz machen. Nach einer Expansion in Europa und der Nachfrage nach sozialen Netzwerken auch für Nichtakademiker wurden SchülerVZ im Jahr 2007 und MeinVZ 2008 gegründet. Aufgrund des großen Erfolgs im deutschsprachigen Raum wurden 2009 die Angebote in Spanien, Frankreich, Italien und Polen abgeschaltet. Im Juli 2010 verzeichnete das Unternehmen mit siebzehn Millionen Nutzern den höchsten Mitgliederstand.

          Danach ging es jedoch rapide bergab. Der Branchendienst „Meedia“ zählt für den September 2011 gerade noch acht Millionen Mitglieder, während das Unternehmen weiterhin von sechzehn Millionen spricht. Die Zahl der Seitenbesuche ist ebenfalls stark rückläufig. Nach Zahlen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern wurden die VZ-Netzwerke im Mai 2011 noch 206 Millionen Mal besucht, während sie ein Jahr später nur noch 45 Millionen Mal aufgerufen wurden, was einem Rückgang um 75 Prozent entspricht.

          In acht Monaten geht Studi-VZ vom Netz: Die Prognose dieser Spaß-Seite könnte sich sogar bewahrheiten
          In acht Monaten geht Studi-VZ vom Netz: Die Prognose dieser Spaß-Seite könnte sich sogar bewahrheiten : Bild: screenshot

          Der Grund für den Niedergang ist die weltweite Expansion des Netzwerks, das man anfangs herausfordern wollte - Facebook. Die amerikanische Plattform hat mittlerweile mehr als 900 Millionen Nutzer, davon zwanzig Millionen in Deutschland. Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrink, welche die VZ-Netzwerke 2007 für geschätzte achtzig Millionen Euro gekauft hat, muss den Erwerb inzwischen wohl als Fehlkauf einschätzen. Im Gegensatz zu Facebook setzte Holtzbrink darauf, schnell Gewinn zu machen, die Plattformen aber nur moderat weiterzuentwickeln.

          In der Nische wachsen?

          Während der amerikanische Konkurrent Spiele und Anwendungen anderer Firmen auf seiner Seite zuließ und oft Probleme wegen seiner Datenschutzrichtlinien und seines unstillbaren Datenhungers bekam, achtete man bei den VZ-Netzwerken darauf, rechtskonform zu bleiben. Bei den Nutzern hat das nichts bewirkt, sie wanderten nach und nach zu Facebook ab.

          So nimmt es nicht wunder, dass mit der Neuausrichtung auch Personal entlassen wurde. Von den siebzig Mitarbeitern mussten 25 gehen. Die Techniker wurden in eine Tochtergesellschaft von Holtzbrink überführt. Markus Schunk, Geschäftsführer von Holtzbrink Digital, sagte, das Unternehmen wolle so „langjährig erworbenes Technologie- und Social-Media-Know-how der VZ-Netzwerke sichern“. Ob die Umstrukturierung hilft, in der Nische zu wachsen und als Gegenentwurf zu Facebook wahrgenommen zu werden? Bei „Wannstirbtstudivz.net“ werden weiterhin die Tage gezählt.

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