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Vox-Show „Shopping Queen“ : Bin ich hübsch, oder bin ich hässlich?

Und wer wird jetzt Shopping Queen? Babette, Josi, Annette, Julia und Britta nach der modischen Rundumerneuerung. Bild: Foto Vox

„Shopping Queen“ ist eine der erfolgreichsten Shows im deutschen Fernsehen. Da gewinnt, wer seine körperlichen Makel modisch am besten kaschiert. Das klingt lustiger, als es in Wahrheit ist.

          Sobald dem Fernseh-Shopping-Papst Guido Maria Kretschmer kleidungstechnisch etwas missfällt, verzieht er sein Gesicht, als moderiere er nicht die Doku-Sendung „Shopping Queen“, sondern sei im Dschungelcamp und müsse eine Handvoll Kakerlaken essen. Manchmal schlägt er auch einfach die Hände vors Gesicht oder verleiht seiner Stimme diesen nasalen Ton, in dem er Sätze sagt wie: „Das ist sehr viel Locke für relativ wenig Hals“ oder: „Alle Mädchen, die fleischige Gesichter haben, müssen versuchen, das zu umschiffen.“ Weshalb? Damit sie nicht so fleischig aussehen wie kleine Ferkelchen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Guido Maria Kretschmer, 49 Jahre alt, Modedesigner, haben Sprüche wie diese zu einem sehr erfolgreichen Mann gemacht. An fünf Tagen in der Woche strahlt Vox seine Sendung „Shopping Queen“ aus, in der fünf Kandidatinnen gegeneinander antreten, wobei am Ende die Teilnehmerin gewinnt, die das beste Modegespür hat - konkreter formuliert: die das Beste aus sich rausholt. Kretschmers „Shopping Queen“ ist wie Heidi Klums Topmodel-Contest eine Optimierungsshow, nur dass die Frauen bei Kretschmer in der Regel weder Modelmaße noch modelähnliche Gesichter haben. Es sind normale Frauen, mit Doppelkinn, Fettpölsterchen, kurzen Beinen. Guido Maria Kretschmer inszeniert sich als bester Freund all dieser Frauen, als eine Art großer Bruder ohne heidiklumhaften Gefängniswärterton, stattdessen mit freundlichem Grinsen, weshalb ihm seine Kandidatinnen die Spitzen, die genau genommen oft genug Beleidigungen sind, offenbar nicht übelnehmen. Liest man Kretschmers seit Monaten auf der „Spiegel“-Bestsellerliste stehendes Buch „Anziehungskraft“, tönen seine Sprüche allerdings weitaus weniger lustig, als sie es im Fernsehen tun.

          Haben Dicke eine Daseinsberechtigung?

          In diesem Buch ist beispielsweise vom „sympathischen Brett“ die Rede, womit Kretschmer jenen Typ Frau meint, der weder Busen noch Po hat und bei dem im Extremfall hinten auch vorne sein könnte beziehungsweise vorne hinten, was man bei Brettern ja nie so genau weiß. Das Vorne-könnte-auch-hinten-sein-Problem trifft ebenso auf die kleinen runden „Kugelfische“ zu, die im Gegensatz zu den „Brettern“ zu häufig hier gerufen haben, als der liebe Gott Po, Hüften und Busen verteilte. Jeder körperliche Makel aber, so lautet Kretschmers gute Nachricht, lässt sich durch das Befolgen einiger einfacher Styling-Regeln kaschieren.

          Star-Designer Guido Maria Kretschmer gibt den „Shopping Queens“ Tipps: „Haben Sie keine Angst vor etwas Glitzer, Pailletten und Kristall!“

          Der „Von-allem-zu-viel-Frau“ rät er, keine Pumps mit Pfennigabsätzen zu tragen, weil das bei kräftigen Waden immer etwas wacklig aussehe. „Tragen Sie lieber filigrane Wedges und schicke Sandaletten mit Blockabsätzen. Haben Sie keine Angst vor etwas Glitzer, Pailletten und Kristall - Sie unterstreichen noch mal Ihre uneingeschränkte Daseinsberechtigung!“

          Man fragt sich, wer den Dicken ihre Daseinsberechtigung eigentlich abgesprochen haben soll. Außer Marius Müller-Westernhagen, der einst sang: „Dicke schwitzen wie die Schweine, stopfen, fressen in sich ’rin.“

          Das „sympathische Brett“ spielt auch in einem anderen Sachbuch eine Rolle, das nicht auf der Bestsellerliste steht. Es ist Ariadne von Schirachs Buch „Du sollst nicht funktionieren. Für eine neue Lebenskunst“. Nur trägt das „sympathische Brett“ dort einen anderen Namen: Hungermädchen. Das Hungermädchen ist ein vom Optimierungswahn besessenes Wesen, das seinen Körper so lange malträtiert, bis er derart ausgemergelt ist, dass ihn die nächste Windböe fortwehen könnte. Ein Kleiderständer, Traum aller Designer, abgebildet in Magazinen und auf gigantischen Plakaten. Kate Moss in ihren besten oder schlechtesten Zeiten, je nach Perspektive.

          Ein auf Fehler trainierter Blick soll zur Schönheit führen

          Ariadne von Schirach, Enkelin von Hitlers Reichsjugendführer Baldur von Schirach, ist Mitte dreißig, 2007 erschien ihr Debüt „Tanz um die Lust“, es ging um Pornographie, um „übergeile“ Körper, in denen man selbst gerne stecken würde und vor allem: mit denen man gerne Sex hätte. Da diese Phantasie leider schwer zu verwirklichen ist, macht es sich die Pornogesellschaft eben lieber selbst, so Schirach, und zwar mit runtergelassenen Hosen oder hochgeschobenem Rock vor dem Computer. Selbstbefriedigung bis zum „Tennisarm“. Das Buch wurde ein Bestseller.

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