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Neue TV-Serie „Humans“ : Brauchen Androiden Privatsphäre?

Bitte recht freundlich: Die Roboterfrau Anita (Gemma Chan) wird ausgeliefert. Bild: Vox

Die Serie „Humans“ blickt in die nahe Zukunft, in der sich Menschen lebensechte Roboter ins Haus holen. Das birgt eine Menge Konflikte, vor allem im „zwischenmenschlichen“ Bereich.

          Es beginnt auf Augenhöhe. Mit dem Blick in das leuchtende Kameraauge der Maschine. Und es beginnt mit der Frage: Brauchen Roboter Unterwäsche? Ist Scham ein Gefühl oder gelernt?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Pilotfolge von „Humans“, einem angloamerikanischen Remake der schwedischen Serie „Äkta Människor“ („Real Humans“), stehen die „Synthetics“ genannten Maschinen, gehüllt in wohlproportionierte Menschenfassaden beiderlei Geschlechts sowie Unterwäsche, aufgereiht in einem Lagerraum. Sie warten auf ihre Auslieferung.

          In der nicht allzu fernen Zukunft, in der „Humans“ angesiedelt ist, blüht der Sklavenhandel wieder. Nur dass man nicht mehr Menschen entführt, man baut sich die Sklaven selbst und vermarktet die neuesten Modelle wie Smartphones. So wird man scheinbar den moralischen Ballast des Sklavenhandels los. Das gelingt so lange, wie das Verhältnis von Mensch zu „Synthetic“ dem Verhältnis von Krone der Schöpfung zu gefühllosem Nutzvieh gleicht. Doch wehe, die Maschine entwickelt ein Bewusstsein für das Zwischenmenschliche. Dann funkt es.

          „Jetzt gehörst du uns“

          Die „Humans“ sind in der Serie vornehmlich die Hawkins: Mutter Laura (Katherine Parkinson) ist schwer beschäftigt. Vater Joe (Tom Goodman-Hill) vermisst (s)eine Frau. Die älteste Tochter Mattie (Lucy Carless) pubertiert. Sohn Toby (Theo Stevenson) auch. Nur die Kleinste, Sophie (Pixie Davis), sieht die Dinge in kindlicher Unschuld klar: „Jetzt gehörst du uns“, kräht sie freudestrahlend, als sie mit ihrem Vater die atemberaubend gutaussehende Haushaltshilfe Anita (Gemma Chan) abholt.

          Anita (Gemma Chan, links) kann alles und macht alles. Das hat für Familie Hawkins (Lucy Carless als Tochter, Tom Goodman-Hill als Vater) auch seine Tücken.

          Man(n) fühlt sich dann auch ertappt, als der Verkäufer dem Vater hinterherrennt, ihm einen weißen Umschlag mit schmutzigen Zusatzprotokollen in die Hand drückt und mit übertriebenem Augenzwinkern ihm sagt: „Für etwas Spielspaß!“ Zu Hause kommt es, wie es kommen muss. Die Mutter kehrt zurück, und sofort steht die Frage im Raum: „Können wir sie behalten?“ Vater und Sohn sind natürlich begeistert. Die kleine Sophie auch. Tochter Mattie hasst sowieso alles, und Mutter Laura fühlt sich wie ein Zweispänner, den man durch einen Hubschrauber ersetzen will.

          In Rückblenden erfährt der Zuschauer indes, dass Anita ein Geheimnis hat. Sie hieß einst Mia und ist Teil einer Gruppe von „Synths“, die unter der Führung des Menschen Leo (Colin Morgan) aus ihrem Sklavendasein ausbrechen wollen. Dann ist da noch Dr. George Millican (William Hurt). Er ist einer der Wissenschaftler, die am Projekt „Synth“ gearbeitet haben. Nach dem Tod seiner Frau kümmert er sich um jenen, der sich um ihn kümmern soll: Android „Odi“ ist veraltet, kann seine Speicher nicht mehr abrufen - ein „dementes“ Modell.

          So entwickeln sich die „Synthetics“ zur stets befürchteten Anomalie in der vermeintlich beherrschbaren, von Menschenhand geschaffenen Maschinenwelt. Denn sie beginnen, sich ihres Verstandes zu bedienen: die „technologische Singularität“. Sie beschreibt den Zeitpunkt, zu dem die Maschinen die Entwicklung des Fortschritts übernehmen. Im Vergleich zu den Kunstfiguren der HBO-Serie „Westworld“ unterscheiden die „Synthetics“ in „Humans“ sich stärker von ihren Schöpfern. Die Bewegungen sind ungelenk, ihre Augen verspiegelt und ihr Lachen ist eine Sound-Schleife. Als Remake hat es auch „Humans“ nicht leicht mit dem erfolgreichen schwedischen Vorbild. Wenngleich die Serie in Großbritannien zu einem der größten Quotenerfolge der letzten zwanzig Jahre wurde. Die Änderungen, die Sam Vincent und Jonathan Brackley am Skript des Schweden Lars Lundström vorgenommen haben, machen die Geschichte massentauglich. Statt wie in „Real Humans“ die großen gesellschaftlichen Umbrüche des „Synthetic“-Zeitalters abzubilden, konzentriert sich „Humans“ auf das Miteinander zwischen Mensch und Maschine. Da die Folgen dreizehn Minuten kürzer sind als die schwedischen, hat die Kamera für Details und Prozesse, die länger dauern als fünf Sekunden, wenig Zeit.

          Belesen: Sophie (Pixie Davies, links) ist von Anita (Gemma Chan) restlos begeistert.

          Interessant wird die Serie immer dann, wenn jemand Entwarnung gibt. Im Fernsehen sagt ein - wenn es um Robotertechnik geht, unvermeidlicher - Japaner über die „Synths“: „Sie sind da, damit sie unser Leben besser machen.“ Was das potentielle Bewusstsein der Maschinen angeht, beruhigt er wie üblich: „Wie können wir etwas kopieren, was wir gar nicht richtig verstehen?“ Selbst in der Zukunft weiß man noch nicht um die Quelle der menschlichen Emotion: „Was ist Liebe? Werden wir damit geboren? Kann man sie erlernen?“ In wenigen Topoi des Science-Fiction-Genres lassen sich die Fragen unserer Zeit besser spiegeln als in der Furcht davor, dass die Maschine den Menschen abhängt. Zugleich sind die damit einhergehenden Wünsche uralt: Die Eschatologie als Hoffnung auf Vollendung des Individuums sowie der Schöpfung - sie erfüllt sich in Zukunft vielleicht ohne den Menschen.

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