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Vorwürfe gegen den „Guardian“ : Demokratie oder Diktatur

Dass ein Geheimdienstchef behauptet, der „Guardian“ riskiere mit seinen Enthüllungen die Sicherheit der freien Welt, liegt in der Natur seines Amtes. Dass Zeitungen seiner Anklage vorbehaltlos folgen, ist etwas anderes.

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          Das ist schon seltsam: Die Enthüllung regt niemanden auf, dafür wird auf den Überbringer der schlechten Nachricht umso heftiger eingedroschen. Der Bote ist der „Guardian“. Die schlechte Nachricht verdanken wir dem Whistleblower Edward Snowden, der uns die totale digitale Überwachungstätigkeit der Geheimdienste aufgezeigt hat. Und den Dreschflegel schwingen die „Daily Mail“, der „Daily Telegraph“ und die „Times“. Sie übernehmen die Behauptung des neuen MI5-Chefs Andrew Parker eins zu eins, die da lautet: Der „Guardian“ spielt den Terroristen in die Hände und riskiert die Sicherheit der freien Welt.

          Dass ein Geheimdienstchef derlei behauptet, ohne es belegen zu können, liegt in der Natur seines Amtes. Dass Zeitungen seiner Anklage vorbehaltlos folgen und den „Guardian“ als Hort der Terrorhelfer hinstellen, ist etwas anderes. Ihr Vorgehen ist genau das, was sie dem „Guardian“ vorwerfen: gefährlich. Gefährlich, weil sie Aufklärung nicht nur behindern, sondern verdammen.

          Alles oder nichts

          Damit entziehen sie dem Journalismus die Geschäftsgrundlage und machen sich ihrerseits zu Helfershelfern. Die Bedeutung der Snowden-Enthüllungen haben sie immer noch nicht verstanden. Es geht nicht um die eine oder andere Schlapphutaktion, sondern um eine totale Überwachung, die man bis dato als Spinnerei von Verschwörungstheoretikern abtat. Terrorabwehr ist das eine; die digitale Existenz aller Menschen zu durchleuchten, die von der analogen heute nicht mehr zu trennen ist, etwas anderes - etwas, das von niemandem kontrolliert wird und die Grundlagen der Demokratie tangiert. Das weiß nicht nur der „Guardian“, der seine Informationen, anders als Julian Assange mit Wikileaks, nicht einfach auskippt, sondern absichert und dann veröffentlicht.

          Das wissen auch die 26 internationalen Chefredakteure, die sich am Freitag in der Zeitung dazu und zu den Angriffen auf den „Guardian“ geäußert haben, unter ihnen Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bei dieser Geschichte geht es um alles oder nichts. Es geht um die Frage, wie wir regiert werden und was wir preisgeben wollen. Es geht um die Rechte des Individuums. Es geht um Demokratie oder Diktatur. Die konservative Presse Großbritanniens, die „Daily Mail“ vorneweg, haut gerade alles zu Klump, wofür die unabhängige Presse einstehen sollte.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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