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TV-Kritik: Sandra Maischberger : Ein Abend mit dem Sozialdemokraten Kühnert

  • -Aktualisiert am

Juso-Chef Kevin Kühnert bei Sandra Maischberger Bild: WDR

Kurz vor dem SPD-Parteitag ist Kevin Kühnert zu Gast bei Sandra Maischberger. Er beweist in dem Interview seine beeindruckenden politischen Fähigkeiten.

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          Am Ende der Sendung fand der Altmeister des deutschen Unterhaltungswesens ein gutes Wort für den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert. Thomas Gottschalk empfand ihn als „politisch interessiert und engagiert“. Zudem habe er Visionen, das fehle den älteren Politikern. Zweifellos kann man sich Kühnert gut auf Gottschalks berühmtem Sofa vorstellen. Er ist schlagfertig, hat Humor und wirkt nie verbissen. Damit könnte er sogar bei den berühmten Hollywood-Größen Eindruck machen, die bei „Wetten dass“ meistens vorzeitig zum Flugzeug mussten.

          Nun hatte Politik schon immer Ähnlichkeiten mit dem Showgeschäft, weil sich die Inhalte über Personen vermitteln. Eine gewisse Unverbindlichkeit ist von Vorteil, weil sich der Wähler an Politikern als Projektionsfläche für die eigenen Erwartungen orientiert. So ist nicht zu erwarten, dass sich Gottschalk für sein Urteil vorher mit der sozialdemokratischen Formulierungskunst bei der Abfassung von Leitanträgen befassen wird. Deren visionäres Potential erschließt sich allerdings auch nicht zwangsläufig dem Außenstehenden.

          „Groko-Aus zu Nikolaus“, oder halt doch nicht

          So lieferte Kühnert gestern Abend zwar keine Visionen, aber gewährte einen Einblick in seine politische Kunstfertigkeit. Die besteht bei erfolgreichen Politikern darin, sich möglichst viele Optionen offenzuhalten. Das garniert man am besten mit Sentenzen aus dem Lexikon politischer Allgemeinplätze. Die werden dann noch mit dem hohen Ton moralischer Überzeugung verbunden, damit keinem Zuschauer bei den vielen Worten die fehlende Festlegung auffällt. Kühnert hat es hier schon in jungen Jahren zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. So wusste er jede ernsthafte Nachfrage von Frau Maischberger zu unterlaufen.

          Die Jusos hatten im Vorfeld der Abstimmung mit dem gelungenen Slogan „Groko-Aus zu Nikolaus“ Stimmung gemacht? Das war jetzt nur noch eine Jungsozialistin, er hätte das so nie gesagt. Die Mitglieder seines Verbandes würden zudem selber denken. Sie warteten nicht darauf, „was funkt jetzt Kevin Kühnert über den Äther“. Angesichts seines virtuosen Umgangs mit den sozialen Medien waren die meisten Zuschauer angesichts solcher Bescheidenheit bestimmt gerührt. Das ist ein Mann mit Visionen: Er kommt ohne politische Führungsfähigkeiten aus! Demokratiepolitisch hören sich solche Formulierungen aber in einem linken Jugendverband gut an.

          Sobald es konkret wurde, verwies Kühnert auf das Grundsätzliche. Etwa auf den demokratischen Prozess, um den Unterschied zu seiner Haltung deutlich zu machen. Die macht aktuell gewisse Probleme. Nach dem desaströsen Auftritt bei Anne Will am vergangenen Sonntag sind die beiden designierten Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans unter Druck geraten. Das beschrieb der „Spiegel“-Autor Markus Feldenkirchen kurz und prägnant. Beide liefen Gefahr, „zu einer riesigen Enttäuschung zu werden“. Nämlich die in den vergangenen Monaten erzeugte Erwartung an ein Ende der großen Koalition nicht einzulösen. Diesen Eindruck hatte jeder, außer Kevin Kühnert. Das hätte Frau Esken so nie gesagt, so seine Einlassung, womit er deren rhetorischen Ausweichmanöver als des Pudels Kern vorstellte. Das überzeugte leider nur wenige, weshalb Kühnert sogleich einen Abgrenzungsversuch unternahm. Er sei als Juso-Bundesvorsitzender eingeladen, und nicht als deren Pressesprecher.

          Kühnert hat aber mit einem objektiven Problem zu kämpfen: Das unerwartete Ergebnis in der SPD-Mitgliederbefragung zwingt ihn in die Mitverantwortung. So müssen die beiden designierten Vorsitzenden ihrer Integrationsfunktion nachkommen, um eine Spaltung der SPD zu verhindern. Dem kann sich Kühnert nicht entziehen, weshalb er sich widersprechende Signale auszusenden versucht. Einerseits betonte er seine weiterhin ablehnende Haltung zur bisherigen Koalition, andererseits soll deren Ende aber wohl nur noch für Visionäre erkennbar sein. So nannte er einen Zeitkorridor für Gespräche mit der Union, der kürzer sein soll als die Koalitionsverhandlungen vor Bildung der Regierung. Irgendwann müssten die neuerdings Gespräche genannte Verhandlungen aber natürlich zu einem Ergebnis kommen. Aber erst nach den Feiertagen, wie die Zuschauer erfuhren.

          Kühnert entwickelte dabei literarische Qualitäten. So beschrieb er seine Position mit dem Bild einer Zugfahrt, wo der Reisende versehentlich in den falschen Zug namens Groko eingestiegen sei. Man müsse halt den Bahnhof finden, wo man umkehren könne. Von Berlin aus gesehen, könnte der in Potsdam oder auch in Peking sein. Eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn hätte für den Juso-Vorsitzenden dabei zweifellos den Vorteil, seinen außenpolitischen Horizont zu erweitern.

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