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Themenabend vor Russland-Wahl : In meinem Kleinbus sehen Sie Enthüllungsvideos

Aleksej Nawalnyj wurde als regierungskritischer Blogger bekannt. Mittlerweile ist er eine der Schlüsselfiguren der russischen Opposition. Bild: AP

Am kommenden Sonntag wählt Russland einen neuen Präsidenten. In einem Themenabend stellt Arte nun Putins schärfsten Kritiker in den Fokus. Dessen Namen will der Präsident nicht einmal aussprechen.

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          Kurz vor der russischen Präsidentenwahl am kommenden Sonntag, die freilich eher auf eine rituelle Akklamation des Langzeitpräsidenten Wladimir Putin hinauslaufen dürfte, widmet der Kultursender „Arte“ dem Zustand der russischen Gesellschaft einen ganzen Themenabend.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In dessen Hauptstück, der großen Dokumentation „Russland hat die Wahl“, schildert der Filmemacher Alexander Rastorgujew den Aufstieg des Korruptionsjägers Aleksej Nawalnyj zu einem charismatischen Politiker, der das Kunststück fertiggebracht hat, die als politisch passiv geltende Jugend für sich zu mobilisieren, und das in fernen Provinzen und dem Druck der Behörden zum Trotz.

          Putins Kritiker unter den einfachen Leuten

          Rastorgujew, der Nawalnyj auf vielen Reisen begleitet und mit seinen Anhängern gesprochen hat, zeigt einen Mann, der die Sprache der Jungen spricht, offen auf sie zugeht, der die Korruption wie kein anderer analysiert und sie bekämpfen will. Viele Studenten, aber auch einige einfache Leute, das sieht man in ihren leuchtenden Gesichtern, fühlen sich endlich einmal von einem Politiker ernst genommen. Doch wohl genau deswegen verbot die staatliche Wahlkommission, die sich dabei auf eine Verurteilung Nawalnyjs in einem eher fragwürdigen Prozess berief, ihm zu kandidieren – und die fast heitere Gelassenheit, mit der er die Entscheidung aufnimmt, verrät, dass er nichts anderes erwartet hat.

          Für seine Regierungskritik musste Nawalnyj bereits ins Gefängnis. Im Juli 2013 wurde er überraschend entlassen.

          Rastorgujew dokumentiert eine Wahlkampagne, die gleich nach den vorigen Wahlen vor sechs Jahren begann. Damals organisierte Nawalnyj mit dem vor drei Jahren ermordeten Politiker Boris Nemzow einen Protestmarsch gegen vermutete Stimmfälschungen, der in Moskau Zehntausende auf die Straße brachte. Die eigentlich genehmigte Demonstration auf dem Bolotnaja-Platz wurde zerschlagen, viele Teilnehmer bekamen Haftstrafen, doch der Kreml schien erschrocken. Jedenfalls sperrte man zur Amtseinführung das Moskauer Zentrum ab, und Putin wurde durch menschenleere Straßen zur Zeremonie chauffiert.

          Welch ein Kontrast zu dem Umgang Nawalnyjs mit seinen Anhängern! In der Nordmeerhafenstadt Murmansk empfängt ihn die LGBT-Aktivistin Violetta Udina, die mit einer Frau zusammenlebt und schon mehrfach bedroht und verprügelt wurde. Doch sie wolle sich nicht einschüchtern lassen, erklärt Udina. Angst sei etwas für dumme Menschen. Nawalnyj, der stets billig reist, tritt in Anorak auf, wie ein Gleicher unter Gleichen, und fragt die versammelte Menge, ob sie Angst hätten. „Nein“ kommt die Antwort laut im Chor. Mit Nawalnyj fühle sie sich als Teil einer gemeinsamen Zukunft, gesteht die schüchtern lächelnde Udina, und sie verspüre, was in ihrem Leben selten sei, so etwas wie Glück.

          Einer von ihnen

          Im südrussischen Astrachan gehört der untersetzte Kleinbusfahrer Wladimir Semjonow zu Nawalnyjs Fans. In Semjonows Bus hängt ein Bildschirm, auf dem er seinen Passagieren Nawalnyjs Enthüllungsvideos zeigt. Außerdem gibt er ihnen Broschüren von Nawalnyjs „Stiftung zur Korruptionsbekämpfung“ zu lesen.

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