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„Moonbase 8“ bei Sky : Von wegen unendliche Weiten

  • -Aktualisiert am

Lauscher an der Wand: John C. Reilly als Robert „Cap“ Caputo Bild: Showtime

Space-Eskapismus ohne Weltraum: In der Serie „Moonbase 8“ proben drei Astronauten das Leben auf dem Mond. Die nötige Schwerelosigkeit erreichen sie jedoch nicht.

          3 Min.

          Es gibt ja immer noch Menschen, die die amerikanische Mondlandung am 10. Juli 1969 für eine meisterhafte Inszenierung halten – ein Verschwörungsmythos, der momentan im Vergleich zu aktuellen Verschwörungstheorien fast harmlos wirkt. Regisseur Jonathan Krisel hat nun für den amerikanischen Sender Showtime diese Inszenierung inszeniert, allerdings in der Gegenwart. In der Wüste von Arizona steht die „Moonbase 8“, ein schneeweißes Weltraumquartier, in dem die Nasa Astronauten auf ein Leben auf dem Mond vorbereiten will. Denn dort soll von den Amerikanern in Kürze die erste bemannte Basis errichtet und von gut ausgebildeten Pionieren bewohnt werden. Nach welchen Kriterien diese ausgewählt wurden, bleibt schleierhaft: Robert „Cap“ Caputo (John C. Reilly) ist ein Hubschrauberpilot aus Hawaii, der sich dem Projekt vor allem verschrieben zu haben scheint, um seinen Schulden und seinem emotionalen Ballast zu entkommen. Scott „Rook“ Sloan (Tim Heidecker) ist ein überzeugter Christ mit zehn (bald elf) Kindern, der das Wort Gottes in die Galaxie tragen möchte. Und Dr. Michael „Skip“ Henai (Fred Armisen) versucht als Sohn eines legendären Astronauten genauso verbissen wie ungeschickt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

          In der ersten Folge werden die drei noch von Football-Star Travis Kelce begleitet, den die Nasa aus PR-Gründen ins Team geholt hat. Kelce spielt sich selbst, sein Auftritt ist kurz, aber absolut erinnerungswürdig, keine kleine Leistung neben den drei Comedy-Größen Reilly, Heidecker und Armisen. Alle Hauptdarsteller haben die Serie zusammen mit Krisel entwickelt und geschrieben, und das ganz in der Tradition der „Workplace Comedy“, also einer Komödie im Umfeld eines Arbeitsplatzes, an dem täglich dieselben Menschen zusammenkommen. In der Regel spielen diese Serien in Büros, bekanntestes deutsches Beispiel ist „Stromberg“ (2004 bis 2012).

          Durch die Bank unsympathische Zeitgenossen

          Tatsächlich gleicht die Arbeit auf der „Moonbase 8“ schlicht der in einem Büro, und auch die Figurenkonstellation hat man so ähnlich schon gesehen: der manisch unfähige, aber in den entscheidenden Momenten doch überzeugende Chef, der etwas trottelige Handlanger, der sich unterbuttern lässt, und der qualifizierte Mitarbeiter, der abwechselnd sich selbst im Weg steht und an der Verbohrtheit seiner Kollegen scheitert. Dass diese Charaktere eher Schablonen als tiefenpsychologisch ausgearbeitete Figuren sind, gehört zum Genre, doch mit der Entscheidung, durch die Bank unsympathische Zeitgenossen aus ihnen zu machen, verlangen die Autoren ihren Zuschauern doch einiges ab. Auch nach 200 Tagen in gemeinsamer Isolation drehen sich die drei Möchtegern-Astronauten ausschließlich um sich selbst, lediglich verbunden durch ihre fachlichen und sozialen Defizite und den Drang, sich bis zum Mond irgendwie durchzuwurschteln.

          Als komödiantisches Element trägt das nur bedingt. John C. Reillys Figur des Anführers funktioniert dank der Fähigkeit des Schauspielers, aus Kleinigkeiten großes Drama zu entwickeln und im Gegenzug der vermeintlichen Katastrophe mit stoischer Ignoranz gegenüberzustehen. Rook und Skip bleiben dagegen blass, das Spannungsfeld von Wissenschaftler, Christ und Sünder unter einem Dach wird kaum ausgereizt.

          Gleich drei große Streamingdienste haben 2020 Serien zur Mondlandung veröffentlicht. Apple TV+ ließ in „For All Mankind“ die Sowjetunion das Rennen zum Mond gewinnen, Disney+ erzählte in „The Right Stuff“ nach dem Roman von Tom Wolfe von der Entwicklung des amerikanischen Weltraumprogramms, und Netflix schickte in der ebenfalls als Workplace Comedy einzustufenden „Space Force“ die neue Raumfahrtabteilung der US-Streitkräfte in den Kampf. Als hätten die Produzenten geahnt, dass die Menschen sich bei Erscheinen der Serien möglichst weit weg aus ihren Wohnzimmern träumen wollen würden.

          „Moonbase 8“ holt sie stattdessen mit ihren Ängsten ein: mit der Horrorvision einer vielleicht nie endenden Quarantäne, an der man irgendwie auch noch Mitschuld trägt. Die mangelnden hellseherischen Fähigkeiten, was die Konkretheit der gesellschaftlichen Relevanz ihres Werks angeht, kann man den Machern nicht vorwerfen. Dennoch liegt die Messlatte dadurch höher und wirkt das Ergebnis schließlich belangloser. Wohin die Reise von Cap, Skip und Rook geht, lässt sich in „Moonbase 8“ bald erahnen. Zum Mond wird sie aller Wahrscheinlichkeit nicht führen, und auch eine zweite Staffel dürfte noch in den Sternen stehen.

          Moonbase 8 läuft bei Sky Atlantic.

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