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„Spiegel TV“ : Von Idioten umzingelt

  • -Aktualisiert am

Weiß stets, welche „Herrschaften einen Hau haben“: Maria Gresz Bild: RTL

Nicht witzig, nicht originell, nicht intelligent, dafür aber reichlich süffisant: Eine Kostprobe aus dem Programm von „Spiegel TV“.

          2 Min.

          Wenn die Welt gerecht wäre, würden die Leute von „Spiegel TV“ schon wegen ihrer Überleitungen in der Fernsehhölle schmoren. Von einer Demonstration auf dem Alexanderplatz zu einer Reportage über Alzheimer-Patienten geleitete Moderatorin Maria Gresz die RTL-Zuschauer am Sonntag mit den Sätzen: „Wenn Sie die Montagsdemonstranten und ihre Äußerungen vergessen, dann ist das nicht weiter schlimm. Wenn Sie aber Ihr halbes Leben vergessen, dann sprechen Mediziner irgendwann von Demenz.“

          Noch lustiger war nur ihre Hinleitung zum Beitrag davor. Die Demonstranten hielten das Bankensystem für eine Verschwörung des Judentums, den Holocaust für eine Verschwörung von PR-Strategen und die öffentliche Meinung eine Verschwörung der Massenmedien, sagte sie. „Um diesen abstrusen Monstertheorien kein weiteres Futter zu geben, wird mein Kollege Felix Karsten jetzt ganz objektiv über die Montags-Schwarzmaler vom Potsdamer Platz berichten. Allerdings erst, nachdem ich ganz subjektiv darauf hingewiesen habe, dass die Herrschaften einen Hau haben.“

          Hilfreich ist das alles nicht

          Natürlich war auch das mit dem „ganz objektiv“ ein Witz, vorgetragen, wie alles, mit der kühl-ironischen Überheblichkeit, wie sie „Spiegel TV“ in den mehr als fünfundzwanzig Jahren seines Bestehens perfektioniert - oder jedenfalls: ritualisiert hat. Schätzungsweise ein Drittel der weltweiten Vorräte an Süffisanz werden allein von dieser Sendung verbraucht.

          Die Montagsdemonstranten also. Die Leute von „Spiegel TV“ halten sie für Idioten. Allerdings halten sie offenkundig auch ihre Zuschauer für Idioten, denen man ununterbrochen sagen muss, dass die Idioten, die sie ihnen zeigen, Idioten sind, weil sie sie sonst womöglich nicht als Idioten erkennen. Eigentlich stehen die Äußerungen der Demonstranten eindrucksvoll für sich, aber darauf will sich „Spiegel TV“ lieber nicht verlassen, spricht von „braunen Überzeugungstätern“, „Wahngeplagten“, „Spinner-Szene“, „Anti-Semitismus, gepaart mit Intriganten-Stadl“. Wenn der Off-Sprecher eine „wohlkalkulierte Melange aus Hass und Hetze“ ausmacht, „geeignet, um auch niederste Instinkte zu bedienen“, ist das wahr, beschreibt aber auch den Beitrag selbst.

          Ken Jebsen ist dort ein „Rudelführer der Montagsmeute“, ein „demokratiemüder Demagoge“ und, hoho, Achtung: „Radiomoderator mit Sendungsdrang“.

          Hilfreich ist das alles nicht. Und wenn diesen Leuten, wovon man bei „Spiegel TV“ auszugehen scheint, eh nicht zu helfen ist, dann ist es doch auch nicht witzig, nicht originell, nicht intelligent. Es fehlt jede Neugier, jeder Versuch einer Erklärung. Es hat in der Redundanz etwas Masturbatorisches.

          Und immer auf der richtigen Seite

          Dann erklärt Henryk M. Broder, nachdem er ausführlich eine Rolltreppe hochgefahren ist, woher der Antisemitismus von Ken Jebsen kommt: Wegen ihm hatte Jebsen nämlich seinen Job beim RBB verloren. „Seitdem hat er eine ganz besondere Liebesbeziehung zu mir. Er hat es irgendwie nicht geschafft, sich an mir zu rächen, also rächt er sich seitdem sozusagen am gesamten Weltjudentum. Aber ich fürchte, dieser arme Irre - meint mich.“

          Und niemand bei „Spiegel TV“ ist aufgefallen, dass bei all den Verschwörungstheoretikern, die diesen Beitrag bevölkern, dies fast die irrste Theorie ist: Dass die ganze Demonstriererei, der ganze Antisemitismus, eigentlich nur aus der Wut auf einen einzelnen Broder genährt wurde, die kein anderes Ventil fand?

          Die wichtigste Szene ist aber die eines Rollstuhlfahrers, der das Kamerateam wüst beschimpft, dabei fast seinen Hund überrollt und auf sein Recht am eigenen Bild hinweist, das ihm „Spiegel TV“ natürlich nicht zugesteht. Die „Machen Sie sofort die Kamera aus“-Szenen sind das Markenzeichen der Sendung, mehr noch als echte Enthüllungen, üble Überleitungen und Alliterationen. Ohne einen solchen Moment schafft es kaum ein Thema ins Magazin. In der jüngsten Ausgabe wehrten sich unter anderem noch ein Tierquäler, ein Betrüger und ein ukrainischer Milizionär dagegen, gefilmt zu werden - jeder von ihnen ein Testimonial dafür, was für tolle Hunde diese Leute von „Spiegel TV“ sind, und immer auf der richtigen Seite.

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