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Von Google lernen : Mehr Links wagen!

Die wandelnde Google-Ad-Sense-Anzeige: Jeff Jarvis Bild: F.A.Z. - Andreas Müller

Jeder kann von Google lernen, behauptet der Medienexperte Jeff Jarvis. Der beste Beweis seiner These ist dabei er selbst. Nachdem er fast alle neuen Medien durchlaufen hat, veröffentlicht er seine Erkenntnisse in Kürze auch in Buchform auf Papier.

          In der „Simpsons“-Folge „Ein Bruder für Homer“ trifft Homer seinen Halbbruder Herb, den ihm sein Vater verschwiegen hat. Herb ist Chef einer Automobilfirma in Detroit und hält es für eine gute Idee, den „Durchschnittstrottel“ Homer ein Auto nach seinen eigenen Wünschen gestalten zu lassen. Der Wagen ist sensationell hässlich, hat zwei voneinander getrennte kuppelförmige Glaskabinen, damit sich die Kinder im Fond streiten können, einen riesigen Heckspoiler, überdimensionale Getränkehalter und drei Hupen, die „La Cucaracha“ spielen. Das Auto heißt „The Homer“, kostet 280.000 Dollar und ruiniert den Konzern.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So ähnlich wie den „Homer“ stellen sich die Skeptiker das Ergebnis vor, würde man die Idee des „User generated content“ auf den Autobau übertragen: als individualistischen Exzess, der gegen die Ordnung von Design und Straßenverkehr gleichermaßen verstößt. Und umgekehrt, klagen die Inspekteure vom Journalisten-TÜV, fahren schon längst lauter solche „Homers“ in der Medienlandschaft herum, missachten die Vorfahrt und bremsen nicht an roten Ampeln. Dass sich womöglich längst die Verkehrsregeln grundlegend geändert haben im wirren Straßenknäuel des Web, das als „Information Highway“ schon immer denkbar falsch apostrophiert wurde, wird von all jenen gerne ignoriert, die im Neuen nur ein Accessoire des Alten sehen.

          Die Erfüllung von Kundenträumen

          Bedauerlicherweise lassen sich strukturelle Veränderungen mit den Artefakten des Wandels oft denkbar schlecht veranschaulichen: Nur von weitem erinnert deshalb das Konzept des „Googlemobil“, das der Medienexperte Jeff Jarvis in seinem Buch „What would Google do?“ vorstellt, an die blechgewordenen Sehnsüchte aus den „Simpsons“. Wenn aber Jarvis das Erfolgsmodell, das er von Google abschaut, auf den Bereich der Automobilindustrie überträgt, dann geht es ihm nicht um das Ergebnis, sondern darum, selbst einer eher handfesten Branche klarzumachen, was die digitale Zukunft für sie bedeutet. Die These vom Wandel des Konsumenten zum „Prosumer“ und zu dessen Steigerungsform, dem „Produser“, der schon an der Entwicklung des Produkts beteiligt ist, ist nicht neu; mit seinem Beispiel aber macht Jarvis deutlich, dass sich der Trend nicht lange mit dem Entwerfen von T-Shirts, Kleiderschränken oder Kaffeetassen aufhalten wird. Das heißt nicht, dass man jedem Einzelnen in Zukunft auch die Konstruktion der Bremssysteme überlassen sollte - deren Verbesserung wiederum würde eher die vielbeschworene „Weisheit der Vielen“ übernehmen, die bekanntlich in etwa so funktioniert wie der Publikumsjoker bei „Wer wird Millionär“.

          Am Ende läuft Jarvis' Pointe aber nicht darauf hinaus, dass sich in einer besseren Welt jeder Autofahrer seine Befindlichkeiten schon ab Werk auf die Motorhaube lackieren lassen kann, sondern auf die Vorstellung, dass die Kommunikation mit den Kunden und die Erfüllung ihrer Träume zum zentralen Geschäftsfeld werden, unabhängig davon, ob man Autos, Müsli oder Zeitungen produziert. Googles Kapital ist vor allem das Wissen darum, was seine Nutzer wollen: sie werfen schließlich täglich millionenfach ihre geheimsten Wünsche in den als Suchmaske getarnten Briefkasten des Unternehmens. Einer völlig durchgoogelisierten Autofirma also ginge es nicht mehr um Karosserien und Motoren, sondern darum als „Transport- und Verbindungsunternehmen“ Leute am effektivsten von A nach B zu schaffen.

          Tu das, was du kannst . . .

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