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Vom Programmchef zum Talkmaster : Wollen Sie diesen Mann scheitern sehen?

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Hier voerst nur schlecht zusammenmontiert, gestern live im MDR: Günter Struve (l.) mit Mareile Höppner und Jan Hofer Bild: MDR

An seinem 69. Geburtstag feierte Ex-ARD-Programmchef Günter Struve seine Premiere als Gastgeber der MDR-Talkshow „Riverboat“. Struve glaubt: Eigentlich würden ihn alle scheitern sehen wollen. Doch das Scheitern wird einem bei „Riverboat“ wahrlich nicht einfach gemacht.

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          Es ist doch so: „Wetten dass..?“, braucht internationale Stars, weil es nicht passen würde, wenn ständig deutsche Semiprominenz neben Thomas Gottschalk auf der Couch säße. „Wer wird Millionär?“ braucht Leute, die mit dem Fernsehen sonst nichts am Hut haben, aber trotzdem etwas zu erzählen, woraus sich im Gespräch mit Günther Jauch bestenfalls kleine Witzchen zwischen Gast und Moderator ergeben.

          Bloß: Was braucht die MDR-Talkshow „Riverboat“?

          Der MDR glaubt: einen Moderator, der - zumindest in der Fernsehbranche - prominenter ist als die Gäste, die er sich aufs Sofa einlädt. Aus diesem Grund gehört seit Freitagabend neben der „Brisant“-Moderatorin Mareile Höppner und „Tagesschau“-Mann Jan Hofer auch der ehemalige ARD-Programmchef Günter Struve zum Moderatorenteam des Zweistunden-Talks aus Leipzig. Und eigentlich ist das ein cleverer Schachzug vom MDR, seinem „Riverboat“ wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zuzuführen.

          Ob die Personalie Struve aber tatsächlich auch der Sendung hilft, lässt sich kaum voraussagen. Zur Premiere am Freitag, die auf seinen 69. Geburtstag fiel, blieb ein solcher Effekt schon mal aus.

          Nichts kann schief gehen

          Befreit von der Last, dem Ersten seinen Platz als Programm zu sichern, das junge Zuschauer auch in Zukunft weitestgehend meiden sollen, um den Marktanteil bei den Älteren nicht zu drücken, wirkte Struve sichtlich gelöst und versicherte gleich zu Beginn: „Mit diesen Gästen kann nichts schief gehen.“ Vielleicht meinte er: Mit diesen Gästen kann nichts schief gehen, wenn Sie zuhause vor dem Bildschirm heute mal früher zu Bett gehen wollen und keine Angst haben wollen, was zu verpassen.

          „Rauchen Sie wieder?“, fragte Struve den Komiker Hans-Werner Olm, der wegen eines Bühnenauftritts etwas verspätet zur Live-Runde stieß. „Kaugummi kauen Sie gerne, oder?“, erkundigte er sich beim Schauspieler Alexander Beyer, weil der vor sieben Jahren mal in einem Werbespot mitgespielt hatte. Tina Ruland erzählt, wie sie Struve mal ein Glas Orangensaft über den Anzug gekippt hatte, und der noch ein Essen bei ihr gut hat. Und den 71-Jährigen Sänger Abi Ofarim wollte Struve, ganz in Comeback-Laune, in ein neues Duett mit seiner ehemaligen Frau Esther rein quatschen („mir zuliebe“), obwohl Ofarim schon vorher beteuert hatte, das komme für ihn nicht in Frage. Zur Strafe durfte er mit der Gitarre auf dem Sofa nachher sein neues Antikriegslied „A new child is born“ heulen, während die anderen Gäste betreten zu Boden schauten.

          Harmlos und unauffällig

          An der Einschlafatmosphäre konnte auch der zweite Neuzugang Mareile Höppner, die im vergangenen Jahr vom „Sat.1-Magazin“ zu „Brisant“ im MDR wechselte, nicht viel rütteln. Nette Fragen, höfliche Antworten, alles sehr harmlos und unauffällig. Zwischendurch machten selbst MDR-Intendant Udo Reiter und Struves ARD-Nachfolger Volker Herres, die im Publikum in der ersten Reihe saßen, einen matten Eindruck.

          Nun ist aber zumindest Struve unter Medienleuten dafür bekannt, nicht ganz humorlos zu sein, manchmal auch ziemlich direkt, und eine bessere Qualifikation gibt es für einen Talkmoderator wohl kaum - nur scheint Struves Witz vor der Kamera nicht mehr ganz so gut zu funktionieren, wie mancher das in Erinnerung hat.

          Mit Scherzen über die Körperfülle Reiner Calmunds, der direkt neben ihm saß, sammelte der Ex-Programmchef in den ersten Minuten nicht gerade Innovationspunkte, auch wenn die Runde artig mitlachte, als er dem schon recht stämmigen Ofarim bescheinigte: „Im Vergleich mit Reiner Calmund sind Sie magersüchtig.“ Immerhin wehrte sich Calmund heiter gegen die „kleinen Biestereien“, die auch mal unter die Gürtellinie gingen: „Ich wüsste gerne, in welchem Programm wir eigentlich sind?“

          Bloß 90 Prozent?

          Dabei ist Struve durchaus bewusst, worauf er sich mit „Riverboat“ einlässt. Er glaubt, seinen Ruf genau zu kennen und kokettiert damit, wie wenig es ihm ausmacht, dass er von so vielen in der ARD nicht gerade geliebt wird. 90 Prozent der Ex-Kollegen würden jetzt wahrscheinlich hoffen, dass Struve auch mal auf die Nase falle, scherzte Calmund. Und Struve legte nach: „Bloß 90 Prozent?“

          Bleibt nur die Frage, wie er denn eigentlich scheitern könnte. Mit langweiligen Fragen? (Dann ist es schon passiert.) Wenn es ihm nicht gelingt, den Marktanteil des Talks zu verbessern? (Dann ist alles wie immer.) Oder indem er besonders frech zu seinen Gästen ist? (Da hatte Vorgänger Jörg Kachelmann deutlich lustigere Sticheleien zu bieten.)

          Nein, das Scheitern wird einem bei „Riverboat“ wahrlich nicht einfach gemacht.

          Das eigentliche Problem ist die Sendung selbst: zwei Stunden sind eine lange Zeit, wenn man sie mit Gästen überbrücken muss, von denen einige kaum etwas zu erzählen haben, die aber eingeladen wurden, weil sie zufällig aus dem Osten stammen. Noch dazu hat das ausladende Riesenstudio den Charme einer Turnhalle, die mit unnötig vielen Zuschauern vollgestopft ist, so als wolle der MDR beweisen: Seht her, wie viele Menschen hier freiwillig hinkommen! In der Mitte drängen sich die Gäste mit den drei Moderatoren auf einem engen Sofa-Rondell. Und außenherum stehen sich die Kameramänner gegenseitig auf den Füßen, obwohl es völlig unnötig ist, für eine Show, in der sich kaum etwas bewegt, sechs oder sieben Kameras einzusetzen - vor allem, wenn dabei auch noch eine so miserabler Liveschnitt dabei herauskommt wie am Freitag.

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