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Dokumentarfilm „Berlin 1945“ : Oratorium einer Höllenfahrt

Feuerpause vor dem Brandenburger Tor. Ausschnitt aus der Arte-Dokumentation „Berlin 1945“ Bild: Arte

Das Kriegsende und den Neuanfang im zerstörten Berlin hat jeder anders erlebt. Volker Heises dreistündiger Dokumentarfilm „Berlin 1945“ fügt die Puzzlestücke zu einem beeindruckenden Panorama zusammen

          4 Min.

          Im Sommer 1941 drehte der Autor und Regisseur Leo de Laforgue in Berlin den Dokumentarfilm „Symphonie einer Weltstadt“. Der Film zeigte, angelehnt an Walter Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“, das Leben der Metropole des Großdeutschen Reiches in Luft- und Straßenaufnahmen. Als Laforgues „Symphonie“ ein Jahr später in die Kinos kam, wurde sie nach kurzer Zeit von der Zensur verboten, weil sie eine Realität festhielt, die es nach den ersten britischen Bombenangriffen schon nicht mehr gab. 1950 erlebte der Film dann eine zweite Uraufführung, jetzt unter dem Titel „Berlin – wie es war“.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Mit Laforgues Sommerszenen beginnt Volker Heises dreistündige Filmchronik „Berlin 1945“. Man sieht die Gedächtniskirche, das Schloss, den Straßenverkehr, gefüllte Cafés am Kurfürstendamm, elegant gekleidete Spaziergänger. Am Ende der drei Stunden werden diese Bilder in der Erinnerung einen gespenstischen Schimmer annehmen, denn alles, was sie zeigen, wird vernichtet sein: die Gebäude, die Plätze, die Menschen. Der erste Satz, den man nach den Ausschnitten aus der „Symphonie“ hört, stammt von der damals achtzehnjährigen Angestellten Brigitte Eicke: „Wir haben Angst vor 1945.“

          An Hitlers Geburtstag hört man die Artillerie

          Heises Film ist keine Symphonie, sondern ein Oratorium. Das bedeutet, dass nicht die Bilder zusammenklingen, sondern die Stimmen der Zeitzeugen: Sie erzählen, was geschah, während die Filmdokumente es illustrieren – oder auch nicht. Denn gerade weil nicht alles an den Bildern hängt, bekommt man manchmal viel Zeit geschenkt, sie anzuschauen. Etwa einen Schwenk über den zerstörten Ernst-Reuter-Platz (damals hieß er „Am Knie“) mit Ausblick zum Tiergarten. Zwischen den Ruinen fließt der Verkehr wie geduckt, in panischen Rhythmen, als spürten die Fahrer den kommenden Großangriff. Der nächste einprägsame Satz gehört dann wieder Brigitte Eicke: „Wir hören den Russen.“ Es ist der 22. April, die Schlacht um Berlin beginnt.

          Eicke ist die wichtigste Stimme in „Berlin 1945“, auch deshalb, weil ihr in Kurzschrift verfasstes Tagebuch, das 2013 als Buch („Backfisch im Bombenkrieg“) erschien, einen Ton anschlägt, den man nicht vergisst: „Heute hat unser Führer Geburtstag. Man hört schon die Artillerie.“ – „Täglich hört man von neuen Toten, die beim Wasserholen draufgegangen sind.“ Als die Achtzehnjährige nach der Kapitulation in einem Büro der kommunistischen Antifa anfangen darf, macht ihr „das Arbeiten wirklich Spaß. Ich habe den Eindruck, sie wollen dasselbe wie die Nazis, nur unter anderem Namen.“

          Ein „Echolot“ in filmischer Form

          Die Form, in der Heises Film vom Untergang Berlins erzählt, hat Walter Kempowski in „Echolot“ für seine Erzählung vom Untergang des „Dritten Reiches“ erfunden: ein Puzzle von Briefstellen, Notizen, Kalendereinträgen, die sich erst im Kopf des Zuschauers zum Gesamtbild vereinen. Manche der Zeitzeugen sind seit langem bekannt, wie die Widerstandskämpferin Ruth Andreas-Friedrich oder die Journalistin Marta Hillers, die den Bericht der „Anonyma“ über die Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten verfasst hat. Andere, wie die Jüdin Alice Löwenthal, die nach der Kapitulation ihr Versteck verlässt und in ihre alte Wohnung zurückzieht, um nach ihren verschollenen Kindern zu suchen, bekommen durch Heise ihren verdienten Platz im historischen Gedächtnis.

          Auffällig ist der hohe Anteil an Stimmen von Ärzten. Die Schrecken des Bombenkriegs und der Straßenkämpfe spiegeln sich in den Aufzeichnungen, die der zwangsverpflichtete französische Chirurg Adolphe Jung im Keller der Charité verfasst, während die deutsche Gynäkologin Anne-Marie Durand-Wever im Frühsommer die Bilanz der Vergewaltigungswellen zieht: „Die Resultate auf Gonorrhoe sind erschreckend.“ Die Kamera zeigt Briefe von Frauen, die bei den Behörden um Abtreibungen bitten. Zuvor aber hat man eine Gruppe Kinder gesehen, die ihre Unterarme mit Häftlingsnummern entblößen: Überlebende aus Auschwitz.

          Kein Bild bleibt in „Berlin 1945“ ohne Gegenbild. Auf die Nachricht, dass Strom und Wasser in der Trümmerstadt wieder fließen, folgt der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima; die Idylle im Strandbad Wannsee, wo amerikanische GIs in Badehose mit deutschen Frauen turteln, wird durch einen Schulfilm der US Army konterkariert, der vor ebendiesen Frauen warnt. Während Churchill in einer Pause der Potsdamer Konferenz die zerstörte Reichskanzlei besucht, wird in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde das erste Ehepaar der Nachkriegszeit getraut; die Brautleute haben sich als Häftlinge in Auschwitz kennengelernt.

          Nur einmal, als der Film von den verbrannten Leichen des Ehepaars Goebbels zu den Tierkadavern im Berliner Zoo und von dort zu einem toten Pferd schneidet, das auf der Straße von hungrigen Passanten zerstückelt wird, lässt Heise seiner Assoziationslust die Zügel schießen. Es ist der einsame Ausrutscher in einer souverän montierten Dokumentation.

          Die klassische Kriegschronik tritt gegenüber dem Alltag der Katastrophe in den Hintergrund. Die Schlacht bei den Seelower Höhen, wo die Rote Armee den letzten Verteidigungsriegel der Wehrmacht überwand, wird knapp, das Ende Hitlers und seiner Getreuen im Führerbunker noch knapper abgehandelt. Stattdessen dokumentiert Heise, wie der Ausnahmezustand zur Gewohnheit wird. Einen Nachtangriff der RAF erlebt Brigitte Eicke im Kino: „Mitten in der schönsten Stelle kam Alarm.“ Nach der Entwarnung geht die Vorstellung weiter. Die Schriftstellerin Hertha von Gebhardt putzt vor dem Endkampf ihre Wohnung: „Bis zur letzten Stunde will man es nett haben.“ Vielleicht ist man in Pandemiezeiten für solche Sätze besonders empfänglich. Sie zeigen, wie übermächtig gerade in der Krise die Sehnsucht nach Normalität ist, viel mächtiger jedenfalls als der Wunsch, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen.

          Zum fünfundsiebzigsten Jahrestag des Kriegsendes wird gerade wieder einmal darüber debattiert, ob die „Stunde Null“ für die Deutschen Befreiung oder Niederlage, Trauma oder Erlösung war. In „Berlin 1945“ kann man sehen, dass sie das alles zugleich war – und für jeden etwas anderes. Damals hatte niemand genügend Zeit, das Geschehen auf den Begriff zu bringen. Erst jetzt erkennen wir, wie das Puzzle zusammenpasst.

          Berlin 1945, heute um 20.15 Uhr bei Arte, am 8. Mai um 20.30 Uhr im rbb-Fernsehen.

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