https://www.faz.net/-gqz-82how

Völkermord in Armenien : Wer sagt das Richtige zur richtigen Zeit?

Massenmord und Vertreibung: Armenier auf dem Treck in die Wüste. Nur wenige Kinder wurden von Hilfsorganisationen gerettet. Bild: PHOENIX/NDR/Lepsius Archiv

Am 24. April 1915 begannen die türkischen Massenverhaftungen von Armeniern und die Morde an ihnen. Das deutsche Fernsehen ziert sich zwar nicht wie die Bundesregierung. Doch wieso zeigt es den Völkermord eher am Rande?

          Völkermord ist Völkermord. Völkermorde sind Verbrechen, die mit der Absicht begangen werden, „eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten“. So definiert es die UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Am 12.Januar 1951 trat sie in Kraft, am 9.August 1954 trat die Bundesrepublik Deutschland ihr bei. Vor Augen hatten die Verfasser der Konvention die Judenvernichtung im NS-Reich, aber auch die Massaker, denen im Osmanischen Reich, vor allem auf dem Gebiet der heutigen Türkei, zwischen 1915 und 1916 mehr als eine Million Armenier zum Opfer fielen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Historiker sind sich darüber einig, die Beweislage ist eindeutig. Viele Staaten, zuletzt auch das Europäische Parlament, haben das längst mit der adäquaten Zuschreibung anerkannt. Nur die Bundesregierung tat sich damit schwer. Bis vor wenigen Tagen, bis die Kritik daran, auch aus den eigenen Reihen, deutlich machte, was es bedeuten würde, stünde der kommende Freitag, der Gedenktag an die Auslöschung der osmanischen Armenier, im Zeichen der Geschichtsdoktrin der türkischen Regierung, die den Völkermord immer noch leugnet.

          Am 24.April 1915 wurden in Konstantinopel 235 armenische Intellektuelle verhaftet. Das Kriegskabinett der Jungtürken warf ihnen vor, mit dem Kriegsgegner Russland gemeinsame Sache zu machen. Es folgten Massenverhaftun-

          gen, Massenerschießungen, Deportationen übers Meer, wo die Schiffe mit ihrer verzweifelten menschlichen Fracht fast immer versenkt wurden, und die Deportation Hunderttausender in die syrische Wüste. Es wurde ein Todesmarsch, sorgfältig geplant. Die Menschen verhungerten, verdursteten, wurden gelyncht. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder in muslimische Familien verkauft.

          Ein Völkermord darf nicht vergessen werden

          Die Spitzen der Regierungsfraktionen von CDU und SPD haben für den Entschließungsantrag, der dem Bundestag am Freitag vorgelegt wird, nun eine Formulierung gefunden, die diese Katastrophe nicht leugnet: Das Schicksal der Armenier, heißt es, „steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen und der Völkermorde, von denen das 20.Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist“. Ergänzen könnte man an dieser Stelle, dass nicht nur das vergangene Jahrhundert von Menschheitsverbrechen gekennzeichnet ist, sondern auch das jetzige.

          Völkermord, ethnische Säuberungen setzen sich bis in unsere Tage fort. Auch das Ziel des Terrorregimes „Islamischer Staat“ besteht darin, Andersgläubige, Andersdenkende auszumerzen oder zu unterwerfen. In diesem Krieg, dem vornehmlich Zivilisten zum Opfer fallen, erobern die Islamisten nicht nur Territorien im Nahen Osten, sie tragen ihren „Dschihad“ in alle freien Gesellschaften hinein, zuletzt vor allem nach Europa. In ein Europa, das mit Staunen auf die Flüchtlingsströme sieht und das die Massaker an Minderheiten, an Christen und Muslimen, mit Ratlosigkeit quittiert.

          Was wäre es für ein Zeichen, fände der Deutsche Bundestag am Freitag nicht die richtigen Worte. Es wäre die Fortsetzung dessen, was Franz Werfel in seinem Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ das „Totenreich alles Geschehenen“ nennt: Ein Völkermord, der nicht benannt, nicht beschrieben, nicht erinnert wird, verschwindet. Er erspart den Nachfahren der Täter die Aufarbeitung und entlässt die Nachfahren der Opfer in eine hundertjährige Depression.

          Das zu befördern wäre gerade für Deutschland fatal. Das Deutsche Reich war als Kriegsverbündeter im Ersten Weltkrieg teilnehmender Zuschauer des Genozids. Für das NS-Regime war er – auch wegen fehlender internationaler Ächtung – ein Vorbild für die eigene Vernichtungspolitik.

          Von den Toten blieben nur Knochen: Dokumentarische Aufnahme aus dem NDR-Film „Aghet“ zum Völkermord an den Armeniern.

          Kaum thematisiert in deutschen Politshows

          Es ist bedauerlich, fast schon sträflich, dass die bedeutenderen Gesprächssendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens es in den vergangenen Tagen versäumt haben, sich mit diesem Jahrhundertthema zu befassen. Sandra Maischberger kümmerte sich um das Sachgebiet „Weg mit Laktose, Gluten und Fleisch: Haben die Gesundesser recht?“ Bei Frank Plasberg ging es um die Frage, ob Arm und Reich im deutschen Justizsystem gleich behandelt werden. Anne Will hatte sich für den Mittwochabend abermals Griechenland („Drachme statt Euro – Katastrophe oder Erlösung?“) vorgenommen. Bei Günther Jauch immerhin ging es um das in der Tat so aktuelle wie bedeutsame Thema der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer, der sich Maybrit Illner im ZDF am Donnerstag auch widmen wollte.

          Aber wäre es an den Vorabenden der Gedenkstunde im Bundestag nicht möglich gewesen, einmal über den Völkermord an den Armeniern zu sprechen? Warum findet so etwas, wenn überhaupt, nur in Randzeiten oder auf Spartenkanälen wie Phoenix statt? Warum wird die Dokumentation von Eike Petering mit dem vielsagenden Titel „Der vergessene Völkermord – Das Schicksal der Armenier“ erst am Freitag um 19.45 Uhr auf ZDFinfo gesendet?

          In dem Film, heißt es vorab, beklagen sich Bundestagsabgeordnete über die „Zensurversuche“ der Bundesregierung. ZDFinfo ist ein Digitalkanal, der nur ein kleines Publikum erreicht und noch dazu zu einer Zeit, wenn schon alles, vor allem die vielleicht spannende Bundestagsdebatte, vorbei ist.

          Darum muss man es der ARD schon fast hoch anrechnen, dass sie die epochale, mit vielen Preisen bedachte Dokumentation „Aghet – ein Völkermord“ von Eric Friedler aus dem Jahr 2010 am Donnerstag im Ersten wiederholt. Besser gesagt, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Ob man sich bei der ARD bewusst ist, welche Bedeutung gerade dieser Film besitzt, der den Völkermord in einzigartig publizistisch beeindruckender Weise vor Augen führt und viele erst mit dem Begriff „Aghet“ vertraut gemacht hat? Aghet, das bedeutet „Katastrophe“. Aghet, das ist das Wort, das die Armenier für den Völkermord verwenden.

          Aghet – ein Völkermord läuft in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 0.20 Uhr im Ersten.

          Der vergessene Völkermord – Das Schicksal der Armenier wird Freitag, 19.45 Uhr, bei ZDFinfo gezeigt.

          Weitere Themen

          „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Bachmannpreis und DDR : „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Zwischen 1986 und 1989 gab es beim Bachmannpreis vier aus der DDR stammende Gewinner. Was hatte das literarisch und politisch zu bedeuten? Ein Berliner Symposium brachte die Protagonisten von damals jetzt zusammen.

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.